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Folgen der Pandemie im Landkreis Freising:Mehr Müll im Corona-Jahr

FREISING: Thema ALLTAGS-MÜLL - was Menschen wegschmeissen

Außerhalb der eigenen vier Wände werfen die Menschen einfach weg, was sie nicht brauchen. Umweltschützer sehen das mit Sorge.

(Foto: Johannes Simon)

Viele Abfallsammelaktionen im Landkreis fallen wegen der Pandemie heuer aus. Umweltorganisationen beobachten eine Zunahme der Landschaftsverschmutzung, das Landratsamt warnt vor den gravierenden Folgen für die Natur.

Von Thilo Schröder, Freising/Moosburg

Im Frühjahr und Herbst rufen Umweltorganisationen gewöhnlich zu großen Müllsammelaktionen auf. Dass diese im Corona-Jahr vielerorts ausfallen, könnte angesichts eines zeitgleich gestiegenen Müllaufkommens zu mehr Landschaftsverschmutzung führen. Vertreter von Bund Naturschutz und Greenpeace im Landkreis Freising beobachten eine Zunahme des Müllproblems etwa an Flüssen. Sie appellieren, bereits beim Vermeiden von Müll, etwa bei Verpackungen, konsequenter zu sein. Das Landratsamt Freising warnt vor den kurz- und langfristigen Folgen der Verschmutzung - und erklärt, warum auch weggeworfene Papiertaschentücher potenziell geahndet werden können.

Weggeworfener Müll nehme Pflanzen Platz weg und locke Tiere an, die sich unter Umständen verletzen, daran hängen bleiben oder gefährliche Abfallteile fressen, teilt das Landratsamt mit. "Schlimmstenfalls sterben die Tiere einen langsamen und qualvollen Tod." Infolge von Auswaschungen und sonstigen Verrottungsprozessen könnten giftstoffhaltige Sickersäfte ins Erdreich, ins Grundwasser oder in oberirdische Gewässer gelangen - und so, etwa über die Nahrung, wieder beim Menschen landen. Je nach weggeworfenem Material dauere der Zerfall sehr lange, bei Plastikflaschen zum Beispiel rund 450 Jahre. Müllberge könnten zudem zu Ratten- und Ungezieferplagen führen.

Dass dennoch im großen Still Müll illegal entsorgt wird, ist für Wolfgang Willner unverständlich. "Das verursacht Schäden und schadet letztlich der Umwelt, und jemand muss das beseitigen, das kostet uns alle als Steuerzahler", sagt der Vorsitzende der Kreisgruppe Freising des Bund Naturschutz. Dabei findet dreimal jährlich in jeder Gemeinde die Problemmüllsammlung statt, wie das Landratsamt erinnert. Und Haushaltsgeräte könnten kostenlos in den Wertstoffhöfen abgegeben werden.

Willner beobachtet, dass Müll in der Landschaft heute stärker gestreut ist als früher. Wilde Müllkippen gebe es weniger, dafür mehr kleinteiligen Abfall, etwa in Naturschutzgebieten oder bei Freiluftpartys, was das Einsammeln erschwere. "Das Müllproblem hat an der Isar erheblich zugenommen im Corona-Jahr", konstatiert der 60-Jährige.

Nikotin trägt zur Wasserverschmutzung bei

Willner sieht ein grundsätzliches Verhaltensproblem außerhalb der eigenen vier Wände, er nennt es die "Mentalität draußen". Die zeige sich beim Wegwerfen von Zigarettenkippen. "Das Nikotin darin trägt zur Wasserverschmutzung bei und schadet Tieren, das ist ja ein Nervengift." Ein Zigarettenstummel könne rund 40 Liter Grundwasser verseuchen, bestätigt das Landratsamt. Nikotin sei gut wasserlöslich, schädige Organismen und Insekten, ein Effekt, der bei Neonicotinoiden in Pflanzenschutzmitteln genutzt werde.

Auch das Wegwerfen abbaubarer Produkte wie Papiertaschentücher sei im Sinne des Naturschutzes und angesichts endlicher Ressourcen "grundsätzlich nicht tolerierbar" und stelle "mindestens eine Ordnungswidrigkeit" dar. Illegale Müllablagerung müsse im Einzelfall geprüft werden, das Naturschutzgesetz sehe je nach Schwere des Vergehens bis zu hunderttausend Euro Strafe vor.

"Man muss die Leute immer wieder darauf aufmerksam machen, dass sie den Müll nicht in der Landschaft entsorgen. Würde das funktionieren, wären die ganzen Müllsammelaktionen gar nicht nötig", sagt Hans Forstner von Greenpeace Moosburg. Willner ist gespalten: "Warum soll man den Leuten ihren Dreck auch noch wegräumen? Andererseits muss der Müll weg, da ist eine Diskrepanz."

Wichtig für den Wertstoffkreislauf sei auch die Mülltrennung, so das Landratsamt. So könnten Rohstoffe verwertet und Energie gespart und müsse weniger Müll verbrannt werden. Man müsse eigentlich schon beim Vermeiden von Müll ansetzen, sagt Willner. Ein Plastikverbot reiche da nicht aus, auch die Recyclingquote sei zu niedrig. Trends zu Unverpackt- und Bioläden könnten da helfen. Forstner ist skeptisch: "Das wird zwar soweit angenommen, obwohl die Läden relativ teuer sind. Aber das ist auf einen so kleinen Konsumentenkreis beschränkt, dass sich das nicht bemerkbar macht." Die Naturschützer beklagen eine generell fehlende Sensibilisierung für das Müllproblem.

Möglicherweise kann eine Aktion des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) dahingehend Vorschub leisten. Weil heuer keine groß angelegten Sammelaktionen stattfinden können, läuft derzeit das Umweltbildungsprojekt "Naturschwärmer". Menschen sind aufgerufen, auszuschwärmen und öffentliche Plätze von Müll zu befreien. Vorher-Nachher-Fotos können bis zum 25. Oktober auf Instagram unter #LBVTrashCollection geteilt oder an naturschwaermer@lbv.de gesendet werden. LBV-Kreisvorsitzender Günther Knoll glaubt: Ein solches Projekt, bei dem der Wissenserwerb eher im Hintergrund liege, könne spielerisch zu einem aufmerksameren Verhalten in der Natur beitragen.

© SZ vom 10.10.2020/beb
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