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Frauen in MINT-Berufen:Fast allein unter Männern

Bundestag - Bildung in MINT-Fächern

Eigene Bildungsmanager für die Mint-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik soll es im Landkreis München vorerst nicht geben.

(Foto: dpa)

Auch im Landkreis Freising sind Frauen in den MINT-Berufen immer noch in Unterzahl. Aufklärungsarbeit ist weiterhin nötig, weibliche Vorbilder könnten die Kluft zwischen den Geschlechtern verringern.

Von Corinna Bail, Freising

Die Gentechnikerinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna gewinnen den diesjährigen Chemie-Nobelpreis, die Astronomin Andre Ghez den in der Kategorie Physik. Die Journalistin und Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim wird mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Ein gutes Jahr für Frauen in der Wissenschaft, so scheint es. Dennoch wählen hierzulande noch immer weniger Frauen als Männer die Studienfächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik, kurz MINT: Dort zeigt sich nach wie vor eine Kluft zwischen den Geschlechtern. Auch im Landkreis Freising ist dieser Trend deutlich sichtbar. Der Halbleiterproduzent Texas Instruments (TI) in Freising versucht deshalb gemeinsam mit dem Münchner Frauennetzwerk Female Tech Leaders (FTL) in einem "Virtual Hackathon", mehr Studentinnen für den Einstieg in technische Berufe zu gewinnen.

"Virtual Hackathon" klingt erst einmal nach dem illegalen Knacken von Onlinesystemen. Dahinter verbirgt sich jedoch ein explizit für Elektrotechnik- und Informatikstudentinnen ausgerichteter Programmier-Workshop des US-amerikanischen Chipherstellers TI, der am Freisinger Standort etwa 1500 Mitarbeitende beschäftigt. Neben der Programmierung und Prämierung des vorab per Post zugesendeten Roboters stünden laut Christiaan Laseur, Recruiting Manager bei TI in Freising und Juror beim Wettbewerb, unter anderem Vorträge zu Marketingstrategien und beruflichen Perspektiven in MINT-Bereichen auf dem Programm. Für den zweitägigen Hackathon sind 20 Plätze zu vergeben.

Um den Hygieneschutzmaßnahmen gerecht zu werden, habe sich TI zusammen mit FTL für eine digitale Veranstaltung entschieden, erklärt Laseur. "Wir können momentan nicht mehr an Unis oder Schulen gehen", berichtet der Personalmanager. Auch der Girls' Day, ein Aktionstag, an dem Mädchen und Frauen einen Einblick in den Alltag naturwissenschaftlicher Berufe erhalten und an dem TI in der Vergangenheit teilgenommen hatte, musste in diesem Jahr aufgrund der Pandemie ausfallen. Dennoch wollte der Halbleiterproduzent gerade seiner weiblichen Zielgruppe eine Möglichkeit bieten, das Unternehmen und das Beschäftigungsfeld kennenzulernen. Denn die Schieflage zwischen Frauen und Männern in MINT-Berufen, so Laseur, sei weiterhin vorhanden.

15,7 Prozent der Berufstätigen im MINT-Bereich sind im Landkreis weiblich

Dies bestätigen die Zahlen der Agentur für Arbeit Freising, die der SZ-Redaktion vorliegen: Lediglich 15,9 Prozent der Berufstätigen im MINT-Bereich waren im Jahr 2019 weiblich, im Freisinger Landkreis belief sich die Zahl auf 15,7 Prozent. Auch in der Freisinger Hochschullehre zeichnet sich dieses defizitäre Bild ab: Nur rund 28 Prozent des wissenschaftlichen Lehrpersonals der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT) sind aktuell weiblich. An der mehrheitlich auf angewandte Wissenschaften ausgerichteten School of Life Sciences der TU München liegt die Anzahl an weiblichen Lehrbeauftragten bei etwa 43 Prozent. Die aktuellsten Zahlen aus dem vergangenen Winter zeigen, dass dort etwa 57 Prozent der Studierenden weiblich war. An der HSWT sind aktuell lediglich rund 38 Prozent aller MINT-Studienplätze mit Frauen besetzt.

Auch Britta Rülander, Systems Managerin bei TI in Freising, war eine von wenigen Frauen, die sich mit der männlichen Mehrheit die Hörsaalbänke teilte. Immerhin seien damals etwa 20 Prozent ihres Studienganges weiblich gewesen, erzählt sie heute. "Für das Ingenieurwesen ist das schon sehr gut, aber natürlich noch weit von einem Gleichgewicht entfernt." Ihr Interesse an Naturwissenschaften hätte sie nach dem Abitur in das Studium der Medizin- und Informationstechnik an der Hochschule Mannheim geführt, sie wollte immer "Problemlöserin" sein. Die Frage, wie man anderen Menschen das Leben leichter machen kann, beschäftige sie noch heute. Weder in der Uni noch im Beruf habe Rülander nach eigenen Aussagen Ablehnung oder Unverständnis erlebt. "Es war sogar eher das Gegenteil", berichtet sie. Bei Freunden, Bekannten und der Verwandtschaft schwinge Anerkennung und Bewunderung für ihren Schritt in eine vermeintliche "Männerdomäne" mit. Auch bei Praktikumsstellen und ihrem derzeitigen Arbeitgeber TI habe es keine Rolle gespielt, dass sie eine Frau ist, erzählt Rülander.

Die Prognosen sind nur verhalten positiv

Doch dies ist nicht die Regel, weiß Christiane Setzwein von der HSWT. Als Assistentin der dortigen Frauenbeauftragen betreut sie am Campus in Weihenstephan ein Mentoring-Programm für Studentinnen, die mehrheitlich einen Einstieg in MINT-Berufe planen. Beschwerden der Teilnehmerinnen über sexuelle Belästigungen an den Praktikumsorten seien dabei keine Seltenheit. Frauen müssten am Arbeitsplatz ihre Grenzen von Beginn an klar setzen und ihre Frau stehen. "Das muss frau aber erst einmal lernen", sagt Setzwein. Häufig sei den Studentinnen die Problematik um die Geschlechterrolle zunächst nicht bewusst, da ihnen in der schulischen Laufbahn keine sexistischen Situationen widerfahren sind. Oftmals würden dann, wenn nicht schon während der akademischen Ausbildung geschehen, die ersten Berührungspunkte mit strukturellen Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts im Berufsalltag erfolgen, berichtet Christiane Setzwein. Gerade 2020 sieht sie als Rückschlag für die generelle Gleichstellung von Mann und Frau. Während des Lockdowns seien es häufig die Mütter gewesen, die von zuhause aus gearbeitet oder den Beruf ganz niedergelegt hätten, um die Kinder zu betreuen. "Corona hat Frauen in Sachen Gleichstellung um 30 Jahre zurückgeworfen", kritisiert die Hochschulmitarbeiterin.

Bezüglich der wenigen Frauen in MINT-Berufen ist laut Christiaan Laseur die Vorstellung davon, welche Tätigkeiten im Ingenieurwesen verfolgt werden, oftmals zu abstrakt. "Da gibt es noch viel Aufklärungsarbeit zu tun", ist er überzeugt. Systemmanagerin Britta Rülander sieht eine Ursache für die Disparität zwischen den Geschlechtern im MINT-Bereich in der kleinen Anzahl an sichtbaren Frauen mit technischen Berufen, wozu sie auch Lehrbeauftragte zählt. Sie hatte oftmals das Gefühl, Frauen würden sich selbst Gedanken um eine mögliche Benachteiligung aufgrund ihres Geschlechts machen. Weibliche Vorbilder könnten dem entgegenwirken. "Gerade für junge Mädchen und Jungen ist es wichtig, dass es Vorbilder gibt, die einen ähnlichen Lebensweg bestreiten", findet sie. Der Virtual Hackathon von TI sei hierbei sicherlich eine Möglichkeit, um andere Frauen zu unterstützen und untereinander zu vernetzen.

Die Zukunftsprognosen Rülanders, Setzweins und Laseurs für die Geschlechterverteilung in MINT-Berufen fallen nur verhalten positiv aus. Es seien zwar bereits einige Entwicklungen auszumachen, jedoch würde es bis zu einer sichtbaren Veränderung noch lange dauern. Die nur langsam wachsende Anzahl an Arbeitnehmerinnen in MINT-Berufen sowie die stagnierenden Studentinnenzahlen an den Freisinger Hochschulen erlauben aktuell nur wenig Raum für Optimismus.

Virtual Hackathon vom 30.-31. Oktober; Anmeldefrist 20. Oktober; weitere Informationen: www.femaletechleaders.org/events/roboticshackathon

© SZ/nta

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