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Die ganze Welt in Freising:"Die Sehnsucht ist immer präsent"

Als 18-Jähriger verlässt Joaquin von Dehn Venezuela. 40 Jahre später betreibt er das "Café Botanika". Seinen Migrationshintergrund sieht er als Vorteil

Von  Lisa Philine Weddingen

Es schwingt eine magische Anziehungskraft in der Atmosphäre an diesem idyllischen Fleck am Rande Freisings. Hier oben auf dem Hügel, integriert in den alten Schafhof, liegt das "Café Botanika". Geschäftsführer Joaquin von Dehn, der seit drei Jahren in Au lebt, hat sich mit der Eröffnung des Lokals einen Traum in Erfüllung gehen lassen: "Für mich war das schon immer ein ganz besonderer Ort, obwohl ich so gut wie nie hier war, habe ich schon immer gedacht: Hier mal ein Lokal zu haben, das muss irre sein." Seit drei Jahren betreibt der gebürtige Venezolaner es. Im Café Botanika kann er seiner Leidenschaft für das Kochen und seiner Faszination für die Natur freien Lauf lassen.

Auf Drängen seiner Mutter hat Joaquin von Dehn nach dem Abitur an einer deutschen Auslandsschule mit gerade einmal 18 Jahren zusammen mit seinen beiden Geschwistern seine Heimat Caracas, Hauptstadt von Venezuela, verlassen. Ausschlaggebender Grund für den Umzug seien vor allem die besseren Bildungschancen gewesen, erklärt der 58-jährige Geschäftsführer. Joaquin von Dehn ging dann zunächst für ein Jahr nach Hamburg, wo er ein Studium des Maschinenbaus anfangen wollte, was er allerdings nie gemacht hat. Zu groß seien die Umstellungen und Bedenken gewesen, ob ihn ein Leben in Deutschland wirklich glücklicher mache. "Das war für mich erst einmal ein Schock, weil ich davor noch nie in Deutschland gewesen bin und ich mich erst zurechtfinden musste. Ich bin im Winter dort angekommen und habe davor in meinem Leben noch nie gefroren - das war hard-core!" Nachdem sich Joaquin von Dehn an die deutschen Wetterextreme gewöhnt hatte, zog er nach Freising. "Ich habe gehört, dass die Menschen in Bayern lustiger sind. Da habe ich mir gedacht: Ich schau mir das mal an."

Die Leidenschaft zum Kochen erwacht

Erst in Freising, wo Joaquin von Dehn immerhin 30 Jahre gelebt hat, habe er angefangen sich wohl zu fühlen. Unmittelbar nach dem Umzug arbeitete er zunächst im "Stadt-Café Freising", wo seine Leidenschaft für das Kochen wieder erwachte. Eine Ausbildung habe er nie absolviert, obwohl er viele Jahre in Restaurants in München und Freising arbeiten konnte. "Ich habe auch nie Zeugnisse vorlegen müssen - es hat immer das Können und die Teamfähigkeit gezählt."Auch wenn Essen schon immer ein zentrales Thema in der Familie war, habe ihn am Kochen vor allem die Vielfalt der venezolanischen Küche interessiert, in der sich die unterschiedlichen Kulturen wieder finden.

Gerichte aus aller Herren und Frauen Länder stehen im Café Botanika im Freisinger Schafhof auf der Karte. Der Migrationshintergrund des Wirts spielt da eine große Rolle, ebenso die Neugier auf Neues. Bunt gemischt ist auch die Belegschaft, hier sind unterschiedliche Nationalitäten vertreten.

(Foto: Marco Einfeldt)

Joaquin von Dehns Ansicht nach hat seine Migrationsgeschichte positiven Einfluss auf sein Unternehmen. "Ich spreche vier Sprachen, so kann ich auf viele Migranten zurückgreifen, die woanders keine Chance hätten, Arbeit zu finden." Aufgrund der Sprachen und der Vielfalt an Nationen, die im Café Botanika arbeiten, sei das ein großer Vorteil, schildert der Unternehmer. "Außerdem kochen wir auch viel karibisch und südamerikanisch - das ist auch ein Vorteil, das so authentisch vermitteln zu können."Joaquin von Dehn berichtet, dass er selbst, wahrscheinlich aufgrund seines europäischen Aussehens, nie wie ein "Ausländer" behandelt worden sei. Mit Ausgrenzung oder Vorurteilen habe er nie zu kämpfen gehabt. Allerdings seien auch die einwandfreien Sprachkenntnisse durch den Besuch der deutschen Schule und dank seiner Mutter, die Deutsch in Wort und Schrift beherrscht, für ihn sehr hilfreich gewesen.

Viele Jahre hat Joaquin von Dehn als Koch in verschiedenen Cafés und Restaurants gearbeitet und mit der Zeit übernahm er auch zahlreiche Catering-Aufträge für Spiel- und Werbefilme. Die Motivation, selbständiger Unternehmer zu werden, erklärt Joaquin von Dehn wie folgt: "Ich war damals 30, ich hatte eine Familie gegründet und mit einem normalen Koch-Gehalt kannst du keine Familie ernähren." Darüber hinaus sei er jemand, der schnell gelangweilt sei. Deshalb strebe er ständig nach neuen Herausforderungen, Vielfalt und extremen Spannungen im Leben.

Wer anders ist, muss sich beweisen

Im Juli diesen Jahres hat die Süddeutsche Zeitung in ihrem "Buch Zwei" ein großes "Tischgespräch" geführt, bei dem sieben Menschen mit Migrationshintergrund miteinander über Rassismus in Deutschland geredet haben. Dabei war auch die erfolgreiche Berliner Unternehmerin Aynur Boldaz-Özdemir, die von einer Veranstaltung erzählte, bei der ein Banker neben ihr saß, der nicht wusste, was sie macht. Als sie ihm gesagt habe, dass sie eine Firma habe, habe er nur gefragt: Kosmetik? Über den Umstand, dass sie 150 Mitarbeiter in ihrem Betrieb habe, sei er richtig geschockt gewesen, so Boldaz-Özdemir weiter: "Ich glaube, es müssten viel öfter positive Beispiele gezeigt werden, damit sich etwas verändert."

Samuel Fosso, der Migrationsreferent der Stadt Freising, empfindet es so, dass Menschen mit Migrationshintergrund in allem doppelte Leistung bringen müssen: "Menschen, die sichtbar anders sind, müssen sich ständig beweisen", sagt er. Die Freisinger SZ besucht in ihrer Serie "Die ganze Welt in Freising" erfolgreiche Unternehmer mit Migrationshintergrund und spricht mit ihnen darüber, ob sie es tatsächlich schwerer haben und hatten.

Heute: Joaquin von Dehn

Allerdings betont Joaquin von Dehn auch immer wieder, dass er großes Glück gehabt hat und durch Zufall immer die richtigen Menschen traf. Hilfestellung habe er von überall bekommen, von Freunden, Bekannten oder der Familie - jedoch nie von Institutionen. Auf die Frage, inwiefern sich Joaquin von Dehn in die Gesellschaft integriert fühlt, antwortet der 58-Jährige nur: "Hm, schwierige Frage. Ich lebe hier glaube ich etwas, was nur wenige Menschen können: Die Leidenschaft im Beruf zu leben. Es gibt für mich keine Trennung zwischen Freizeit und Beruf - bei mir überlappt es sich. Wenn man einen Job hat, der einem nicht wirklich entspricht, wo man seine Leidenschaft nicht einbringen kann - dann hat man, glaube ich einen großen Fehler gemacht. Das ist hier in Deutschland leider weit verbreitet." Vollständig integriert in das gewinn-orientierte Deutschland, fühlt sich der gebürtige Venezolaner nicht, und auch die Sehnsucht nach seinem Heimatland ist trotz der schwierigen Situation vor Ort stets präsent.

© SZ vom 10.10.2020/beb
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