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Freising:Mehr Bio, weniger Fleisch

Mais, Maisernte bei Langenbach, 2020

Damit der Ökolandbau flächendeckend eine Chance habe, müssten die Menschen weniger Fleisch verzehren, denn viele Äcker werden rein für die Fütterung vor allem von Schweinen bewirtschaftet.

(Foto: Marco Einfeldt)

Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und einer gesünderen Ernährung sind nicht nur Wissenschaftler und Bauern gefragt, sondern auch die Verbraucher. Eine digitale Diskussion zu dem Thema stößt auf viel Interesse

Von Katharina Aurich

Einfache Wege zu einer nachhaltigen Landwirtschaft und einem gesünderen Lebensmittelsystem gibt es nicht. Denn nicht nur die Art der Landnutzung sowie die Ausbildung zukünftiger Landwirte und Wissenschaftler spiele dabei eine Rolle. Auch unser Ernährungsverhalten, die Lebensmittelkennzeichnung und die Aufklärung der Konsumenten müssten verbessert werden, sagte Sabine Jülicher, Expertin für Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit bei der EU-Kommission.

Sie hielt am Montag bei einer digitalen Podiumsdiskussion zum Thema "System Landwirtschaft - Denken in Kreisläufen" einen Impulsvortrag zum Motto der EU "Vom Hof auf den Tisch - für ein gesünderes und nachhaltigeres EU-Lebensmittelsystem". Organisiert hatte den Austausch das Hans-Eisenmann-Forum für Agrarwissenschaften der TU München (TUM) in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Politik und der Landesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern. Wie brisant diese Themen sind, zeigt das große Interesse an der Debatte: 180 Teilnehmer verfolgten die Diskussion von Fachleuten aus Politik, Wissenschaft, praktischer Landwirtschaft und Verbänden.

Eine wichtige Rolle, um Verbesserungen zu erreichen, soll der Ökolandbau einnehmen. 30 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche Bayerns sollten bis 2030 umgestellt sein, erläuterte Anton Hübl vom bayerischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Allerdings erhielten Landwirte derzeit noch 30 bis 50 Prozent ihres Einkommens aus staatlichen Direktzahlungen, vielen Betrieben gehe es wirtschaftlich nicht gut. Eine Umstellung auf Ökolandbau müsse sich ökonomisch lohnen, so Hübl.

Die Wirtschaftlichkeit sei für ihn nur ein Grund von mehreren für eine Umstellung auf den Ökolandbau gewesen, berichtete der Zollinger Landwirt Ulrich Gamperl. Wichtig sei ihm auch, damit mehr Arbeitsplätze zu schaffen und vor allem in seinen Böden einen höheren Humusgehalt aufzubauen und sie ohne chemische Dünger fruchtbarer zu machen. In der Praxis herrsche jedoch viel Unwissenheit darüber, wie der Humusaufbau funktioniere, dafür wünsche er sich eine stärkere Unterstützung durch die Wissenschaft.

Gamperl schilderte auch, dass die Digitalisierung und damit die Datenerfassung auf den Äckern große Chancen für eine nachhaltige Nutzung böten. Er wies aber gleichzeitig darauf hin, dass es dringend geregelt werden müsse, was mit diesen Daten passiere, wer sie verwenden dürfe.

Um Chancen wie die Digitalisierung zu nutzen und den Ökolandbau voranzutreiben, brauche es eine hervorragende Ausbildung für Landwirte, warf Professorin Vera Bitsch ein, die sich an der TUM mit Agrarökonomie und Agribusiness-Management befasst. Leider werde jedoch immer weniger in die Ausbildung von Landwirten investiert, bedauerte sie. Auch Professor Kurt-Jürgen Hülsbergen, der den Lehrstuhl für Ökologischen Landbau an der TUM inne hat, forderte eine Stärkung der Agrarwissenschaften und vor allem einen gut funktionierenden Wissenstransfer in die Praxis, um Landwirte wie Gamperl zu unterstützen.

Doch nicht nur die Art der Landnutzung und der Nahrungsmittelerzeugung, sondern auch die Verbraucher spielen ein entscheidende Rolle in der zukünftigen EU-Strategie "Vom Hof auf den Tisch". Hubert Heigl, Vorsitzender der Vereinigung für den ökologischen Landbau, forderte daher, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren und vor allem eine europaweite Herkunfts - und Haltungskennzeichnung besonders von tierischen Lebensmitteln einzuführen. Damit der Ökolandbau flächendeckend eine Chance habe, müssten die Menschen weniger Fleisch verzehren, sagte Hülsbergen. Denn die Erträge im Bioanbau seien niedriger als in der konventionellen Landwirtschaft, viele Äcker würden rein für die Fütterung vor allem von Schweinen bewirtschaftet. Wenn weniger Fleisch gegessen würde, dann könnten auf den Äckern mehr Pflanzen für die menschliche Ernährung angebaut werden.

Auch Jutta Saumweber von der Verbraucherzentrale betonte, dass weniger Fleisch auf den Tellern liegen sollte. Sie appellierte an die öffentliche Hand, in Kantinen, Kindergärten und Schulen Bioessen anzubieten, damit den Absatz anzukurbeln und vor allem eine Vorreiterrolle einzunehmen.

© SZ vom 04.12.2020
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