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Vortrag in der VHS Freising:Mascha Kaléko, Dichterin ohne Heimat

Gedenken an die Bücherverbrennung am 10. Mai 1933; Lyrikerin Mascha Kaléko

Mascha Kaléko (1907 bis 1975) zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Rosemarie Ritter widmet sich im "Literarischen Herbst" der Lyrikerin Mascha Kaléko, eine Stimme gegen den aufflammenden Antisemitismus.

Es gibt Schriftsteller, die es bis in die Regale der Klassiker schaffen. Sie schreiben Werke, die in den Schulen gelesen werden, sie erzeugen Verbindungen zwischen den Generationen. Dann gibt es andere, die trotz der wohlwollenden Kritik der Literaten dem großen Publikum unbekannt bleiben: sie sind eine Nische, die fürsorglich gepflegt und trotzdem klein gehalten wird. Letzteres Schicksal ist in der Literaturgeschichte vor allem Schriftstellerinnen vorbehalten, insbesondere, wenn die Lebensumstände sie ins Exil drängten.

Es ist daher nicht selbstverständlich, dass ein Abend der Reihe "Literarischer Herbst" ausgerechnet der Dichterin Mascha Kaléko gewidmet ist. Zufällig ist es aber auch nicht. "In Zeiten, in denen der Antisemitismus aufflammt und die Angst vor dem Unbekannten und dem Fremden zunimmt, sind Stimmen wie ihre wichtiger denn je", sagt die Freisingerin Rosemarie Ritter, Gymnasiallehrerin und Germanistin, die den Vortrag "Mascha Kaléko - Eine Lyrikerin in schweren Zeiten" am Freitag, 22. November, um 19 Uhr in der VHS Freising halten wird. Sie wird das Leben und Kunst von Mascha Kaléko vorstellen, Textpassagen aus ihren Gedichten lesen und Original-Tonaufnahmen vorspielen.

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Mascha Kaléko wurde 1907 in Galizien, damals Österreich-Ungarn und heute Polen, als Tochter einer jüdischen Familie geboren. Ihre erste Heimat verlor sie schon als Kind: der Erste Weltkrieg war ausgebrochen und viele Juden flohen aus Angst vor den russischen Pogromen nach Westen. "Das war der Anfang eines ruhelosen Lebens, das von Heimatlosigkeit und Heimweh geprägt wurde", sagt Rosemarie Ritter. Kaléko wuchs in Berlin auf, dort ging sie zur Schule, begann ihre lyrische Laufbahn und etablierte sich als Dichterin - ohne zu studieren, denn das war, so die Meinung ihres Vaters, für ein Mädchen nicht notwendig. Doch auch von dieser Stadt, die sie unglaublich liebte und von der sie in ihren Gedichten erzählte, musste sie sich bald trennen. Kurz vor dem Anfang des Zweiten Weltkrieges floh Mascha Kaléko aus Deutschland in die USA: sie konnte sich damit retten, heimisch wurde sie jenseits des Ozeans allerdings nie. Dort arbeitete sie als Werbetexterin, kümmerte sich um ihre Familie, schrieb weiterhin Gedichte - die von den wichtigsten Schriftstellern ihrer Zeit wie Thomas Mann gerühmt wurden. 1959 übersiedelt sie ihrem Mann zuliebe nach Jerusalem, doch auch Israel, dieses neugeborene Land, das für viele eine Hoffnung bedeutete, blieb ihr immer fremd.

Das Leben im Exil hinterließ Spuren

Das Leben im Exil war kein einzigartiges Schicksal im 20. Jahrhundert, und trotzdem eins, das häufig Spuren hinterließ. In Mascha Kalékos Gedichten - die der Neuen Sachlichkeit zugeordnet werden, obwohl eine Zuordnung extrem schwer fällt, wie Rosemarie Ritter sagt - sind diese Spuren vor allem die Melancholie, das Gefühl, die Sehnsucht nach der verlorenen Heimat und die bittere Erkenntnis, dass diese Heimat, so wie sie sie kennen gelernt hatte, von dem Nazi-Regime und dem Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. So schrieb sie zum Beispiel in ihrem "Emigranten-Monolog", 1945 veröffentlicht: "Mir ist zuweilen so als ob / Das Herz in mir zerbrach. / Ich habe manchmal Heimweh. / Ich weiss nur nicht, wonach". Ja, wonach? Und wohin? In den fünfziger Jahren hatte der Rowohlt-Verlag ihr Buch "Das lyrische Stenogrammheft" neu aufgelegt und eine Lesereise in Deutschland organisiert. Mascha Kaléko kam zum ersten Mal nach dem Exil zurück, ihre Heimat konnte sie allerdings nicht wiederfinden. "Berlin, wo bliebst du?/Ja, wo bliebst du nur?", fragte sie. Im Jahr 1960 wurde sie mit dem renommierten Fontane-Preis ausgezeichnet: "Das hätte ihr Bekanntheit gebracht, allerdings lehnte sie ihn ab, da sie den Preis aus den Händen des ehemaligen SS-Mitglieds Hans Egon Holthusen hätte entgegennehmen müssen. Sie war sehr konsequent, eine tolle Haltung", sagt Ritter.

Im Herbst 1974 besuchte Mascha Kaléko erneut Berlin. Sie überlegte sich, neben Jerusalem eine kleine Wohnung in Berlin zu nehmen, um dorthin zurückzukehren, wo sie aufgewachsen und so glücklich gewesen war. Zwischen ihr und ihrer verlorenen Heimat kam allerdings der Tod: Auf dem Rückweg nach Israel starb sie in Zürich und wurde dort auf dem Israelitischen Friedhof Friesenberg begraben.

Die Veranstaltung findet am Freitag, 22. November, von 19 bis 21 Uhr, in der VHS in Freising (Kammergasse 12) statt.

© SZ vom 21.11.2019/nta
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