Süddeutsche Zeitung

Fremdenfeindlichkeit:"Aufgrund meiner Hautfarbe gehen viele einfach davon aus, dass ich die Reinigungskraft bin."

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Bei einer Podiumsdiskussion im Lindenkeller mit dem Titel "Alltagsrassismus - Doch nicht bei uns!?" erzählen Betroffene von ihren Erfahrungen und diskutieren, wie man aktiv dagegen vorgehen kann.

Von Elena Luna Dima, Freising

Alltagsrassismus kann Personen mit Migrationshintergrund überall begegnen: Sei es beim Einkaufen im Supermarkt, am Arbeitsplatz oder in der Schule. Meistens sind die abwertenden Kommentare, Blicke oder Verhaltensweisen nicht absichtlich. Weil sie allerdings oft überraschend kommen, können sie aber umso verletzender sein. Genau darüber wurde am Dienstagabend im Lindenkeller diskutiert.

Die 21-jährige Laura Akkaya erzählte von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus beim Berufseinstieg. Sie studiert Zahnmedizin, hat einen türkischen Migrationshintergrund und ist in Deutschland aufgewachsen. Im Lindenkeller erzählte sie von einem besonders einschneidenden Erlebnis: Als sie vor ihrem Studium einen Bundesfreiwilligendienst im Krankenhaus gemacht hatte, sei sie immer wieder gefragt worden, wo sie denn herkomme.

Auf die Antwort "Aus Freising" kam immer die Nachfrage, wo sie denn "eigentlich" herkomme. Immer noch gelassen antwortete sie dann, dass sie türkischen Migrationshintergrund habe. Als die Antwort darauf einmal "Ach, aber da fehlt doch das Kopftuch?" war, wusste die junge Studentin im ersten Moment gar nicht, wie sie darauf reagieren sollte.

Solche Grenzüberschreitungen führen dazu, dass Betroffene im ersten Moment so vor den Kopf gestoßen sind, dass sie nicht wissen, was sie erwidern sollen. Was darauf folgt, ist das Gefühl, etwas beweisen zu müssen. Laura Akkaya spricht solche Kommentare meist direkt an. Die Erkenntnis: Die meisten Menschen seien sich gar nicht bewusst, dass ihre Kommentare verletzend sind.

Die Veranstaltung im Lindenkeller wurde von einem breiten Bündnis, bestehend aus der Arbeitsgruppe politische Bildung, dem Integrationsbeirat des Landkreises Freising, dem Kreisjugendring, dem Migrationsrat der Agenda 21 und der interkulturellen Stelle der Stadt Freising organisiert. Vier Betroffene mit Migrationshintergrund erzählten an dem Abend von sich und ihren Erfahrungen, Herausforderungen und Bewältigungsmechanismen für Alltagsrassismus.

Die Resonanz war groß: Anwesend war unter anderem der Landrat Helmut Petz. Der Saal im Lindenkeller war bis auf den letzten Platz besetzt. Eröffnet wurde die Veranstaltung durch eine musikalische Einlage unter anderem von Yvo Fischer, Musiklehrer und Sänger in Freising. Er sang Stevie Wonders "Cash In Your Face". Der Text des Liedes sollte verdeutlichten, worum es bei der Veranstaltung ging: "You might have the cash, but you cannot cash your face" (Übersetzt: Sie haben vielleicht das Geld, aber Ihr Gesicht können Sie nicht einlösen).

Das Lied soll zeigen, dass Menschen schon alleine aufgrund ihres Aussehens schlechter behandelt werden und manche Chancen gar nicht erst geboten bekommen: Menschen haben schlechtere Chancen auf dem Wohnungsmarkt, werden wegen ihres Kopftuchs nicht zu Bewerbungsgesprächen eingeladen oder im sozialen Umfeld ausgegrenzt.

Neben Laura Akkaya berichten auch andere Teilnehmer der Diskussionsrunde von ihren Erfahrungen. Joel Armel Njinga Njinga, Mitglied des Integrationsbeirats des Landkreises Freising, meint: "Aufgrund meiner Hautfarbe gehen viele einfach davon aus, dass ich die Reinigungskraft bin."

Susann Ahn, ist Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin und in Bayern aufgewachsen. Trotzdem werde sie in der S-Bahn regelmäßig von fremden Menschen auf ihr "sehr gutes" Deutsch angesprochen. Yvo Fischer erzählte davon, dass ein Arbeitskollege einmal vor ihm das N-Wort genannt und sich dann ausführlich über Flüchtlinge in Freising ausgelassen habe.

Die Bewältigungsmechanismen der Betroffenen sind unterschiedlich. Die einen wehren sich direkt nach einem solchen Kommentar, andere belächeln die Ignoranz. Einige kontern mit Sätzen wie "Sie sprechen aber auch sehr gut Deutsch". Die Diskussion zeigte: Für die Betroffenen gibt es keine richtige oder falsche Art mit dem Thema umzugehen. Sie wünschen sich aber ein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für die Problematik.

Ziel der Veranstaltung sei es laut Moderator Markus Weinkopf, mehr Verständnis in die Gesellschaft zu bringen. Obwohl sich in den vergangenen Jahren viel in der Bewältigung von Rassismus getan habe, solle diese Entwicklung nicht enden. Dabei sollten sich alle Beteiligten die folgenden Fragen stellen: Wie zeigt sich Alltagsrassismus? Inwieweit bin ich davon betroffen? Und wann gab es Momente, in denen ich vielleicht selbst jemanden durch unbedachte Kommentare verletzt habe?

Während der Diskussionsrunde wurden zwei Sitze auf dem Podium freigehalten, um Personen aus dem Publikum die Chance zu geben, sich interaktiv am Austausch beteiligen. Einige erzählten von persönlichen Erfahrungen und sprachen Themen wie strukturellen Rassismus an. Andere appellierten an die Zuschauer, Erkenntnisse aus der Veranstaltung unbedingt weiterzuverbreiten, um für Rassismus ein breites Bewusstsein zu schaffen und eine breite Diskussion anzustoßen. Nur so könne man Alltagsrassismus auf die Dauer entgegenwirken.

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