RassismusDas Kalkül von Hass und Wut

Lesezeit: 3 Min.

Hass und Hetze greifen in den Sozialen Medien immer mehr um sich.
Hass und Hetze greifen in den Sozialen Medien immer mehr um sich. (Foto: Fabian Sommer/dpa)

In sozialen Medien greift das Phänomen "Hate Speech" immer weiter um sich. Der Politikwissenschaftler Said Rezek ruft in seiner Lesung in Freising dazu auf, dies nicht schweigend zu tolerieren.

Von Lena Meyer, Freising

Was steckt hinter dem Phänomen "Hate Speech"? Und vor allem: Wie können wir dem entgegentreten? Antworten auf diese Fragen gab der Politikwissenschaftler und Journalist Said Rezek während einer Lesung zu seinem Buch "Bloggen gegen Rassismus - Holen wir uns das Netz zurück" in Freising. Rezek berichtet als Politikwissenschaftler und Journalist über Medien, Musliminnen und Muslime, Migration und Rassismus - unter anderem schreibt er für die taz, den NDR und das Migazin. Organisiert wurde seine Lesung vom Kreisjugendring Freising, dem Raum der Begegnung und der Interkulturellen Stelle der Stadt Freising.

Die digitale Revolution hat das Leben auf vielfältige Weise bereichert und transformiert. Nie zuvor war es so einfach, Informationen auszutauschen, Menschen weltweit zu vernetzen und Meinungen zu teilen. Doch hinter den glänzenden Fassaden der sozialen Medien verbirgt sich eine Schattenseite, die zunehmend besorgniserregend wird und und immer weiter um sich greift: Hass im Netz. Ob in Diskussionsforen oder in den Kommentarspalten der Social-Media-Kanäle - die negativen Emotionen scheinen omnipräsent zu sein und sich besonders gegen bestimmte Gruppen von Menschen zu wenden. Zum Beispiel gegen marginalisierte Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel, diese abzuwerten oder gar zu bedrohen.

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Mit Kritik hat "Hate Speech" nichts zu tun. Erst in diesem Jahr sprach die unabhängige Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes Ferda Ataman von einer "noch nie dagewesenen Welle von Hass im Netz". So gingen im vergangen Jahr fast 9000 Beratungsanfragen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ein - das sind 14 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie noch nie. Experten sehen in dem wachsenden Hass im Netz eine Bedrohung: Die Emotionen werden oft durch rechtsextreme Lager geschürt. Aufgrund deren Erstarken könne der Hass auf das analoge Leben überschwappen und eine Diskriminierung von marginalisierten Bevölkerungsgruppen begünstigen und normalisieren, so die Befürchtung.

Es ist keine klassische Lesung, die Rezek vornimmt. Stattdessen kombiniert er tiefgründige Analysen, persönliche Erfahrungen und einen dringenden Appell, mit dem er eine Einführung in das aktuelle Thema gibt. Etwa 24 Prozent der Bevölkerung habe "Hate Speech" im digitalen Raum erdulden müssen: Jeder vierte Mensch sei also irgendwann einmal von Hass im Netz betroffen gewesen, bilanziert Rezek. Bei Jugendlichen zwischen 16 und 22 Jahren seien die Zahlen noch drastischer - jeder zweite innerhalb dieser Altersgruppe habe "Hate Speech" erfahren. Die Dimensionen des Hasses im Netz nennt der Journalist daher "stark verbreitet".

Zufällig geschehe das allerdings nicht. Tatsächlich verfolgten Haterinnen und Hater oftmals bestimmte Strategien, beschreibt Rezek. "Hater und Haterinnen nutzen soziale Netzwerke gezielt", sagt der Journalist. Zum einen um öffentliche Meinungen zu manipulieren oder aber um "Menschen einzuschüchtern oder mundtot zu machen". Diese Strategien werden gerade von politisch rechts motivierten Hassbotschaftern benutzt, sagt Rezek. Teilweise werde in gut organisierten Gruppen vorgegangen.

Die AfD ist eine "Meinungsmacht" innerhalb der sozialen Medien

Tatsächlich gehen im Jahr 2022 von 3396 angezeigten Hassbotschaften etwa 1265 auf das politisch rechts motivierte Lager, wie Zahlen des Bundesinnenministeriums belegen. Die Dunkelziffer sei allerdings noch viel höher. Said Rezek sieht den Hass von rechts daher "ganz weit oben". "Hass im Netz geht vor allem von rechts aus", sagt der Journalist, "nicht nur, aber vor allem."

Gerade die AfD sieht Said Rezek als "Meinungsmacht" innerhalb der sozialen Medien. Besonders auf Facebook. Dort hat die rechtspopulistische Partei mit großem Abstand die meisten Fans. So waren es laut "Statista" im Juni 2023 mehr als 526 000. Nur zum Vergleich: Gemeinsam kommen die Parteien CSU und CDU auf gerade einmal 412 000 Fans. Die AfD setzt seit ihrem Ersteinzug in den Bundestag 2017 auf einen konsequenten Social-Media-Auftritt und eine politische Kommunikation über Facebook.

Das Erstarken der Partei sieht Said Rezek für das "Diskussionsklima in der Gesellschaft" kritisch. "Die AfD nutzt ihre Online-Kanäle ganz gezielt, um ihre rechtsradikalen bis rechtsextremen Ansichten zu verbreiten. Teile der CDU/CSU bedienen sich dieser Sprache, in der Hoffnung, die AfD zu schwächen", sagt der Journalist auf Nachfrage. Die "abwertende Sprache der AfD" werde dadurch allerdings normalisiert, befürchtet Rezek.

Die registrierten Hassnachrichten befinden sich auf Rekordniveau

Aber: "Das Kalkül der Union geht nicht auf, da Wähler und Wählerinnen sich lieber für das Original entscheiden. Benachteiligte Bevölkerungsgruppen werden demnach noch stärker von `Hate Speech` betroffen sein, weil die diskriminierende Sprache enttabuisiert wird." Die Stimmung, die auf Social Media geschürt werde, könne dadurch offen auf der Straße ausgelebt werden. "Analoge und digitale Kommunikation gehören zusammen", mahnt Said Rezek.

Die polizeilich registrierten Hassnachrichten befinden sich momentan auf einem Rekordniveau, sagt der Journalist. "Es ist schwer zu sagen, wie es weiter geht." Jedoch appelliert Rezek sowohl an die Politik, als auch an die eigene digitale Zivilcourage, selber aktiv gegen Hassnachrichten vorzugehen. In der Praxis heißt das: Kommentare melden oder selber gegen Hassnachrichten zu bloggen. Das könnte schon mit kurzen, konkreten oder persönlichen Beiträgen geschehen, die über den Hass berichten.

Zu schweigen und die Kommentare zu ignorieren, sieht Rezek als fatal an, dadurch werde eine "schweigende Zustimmung" generiert. In seinem Buch schreibt Said Rezek dazu: "Soziale Netzwerke bieten die Plattform und das Potential, positive Inhalte zu verbreiten. Jede und jede kann einen Beitrag leisten und eigene Akzente setzen. Auch Du! Je mehr sich daran beteiligen, desto besser. Setze Dich in sozialen Netzwerken für die Demokratie und gegen den Hass ein."

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