Noch klafft an der Wippenhauser Straße eine riesige Baugrube. Doch was hier zusammen mit dem Neubau des Berufsschulzentrums entsteht, hat Modellcharakter: ein Lernviertel, klimafreundlich, physisch und digital vernetzt. Dort, wo heute Camerloher-Gymnasium, Wirtschaftsschule, Fach- und Berufsoberschule FOS/BOS sowie Berufsschule an der Wippenhauser Straße einzelne Lernorte bilden, soll künftig ein begrünter Boulevard die Bildungseinrichtungen verbinden. Entstehen soll ein „identitätsstiftender und selbstverständlicher Ort im Stadtbild“, wie es in einer Präsentation aus dem Landratsamt heißt.
Große Schatten spendende Bäume und Sitzelemente sollen zum Verweilen einladen und zugleich als grüne Klassenzimmer genutzt werden können. Sport- und Calisthenics-Geräte werden nicht nur den Schülerinnen und Schülern, sondern der gesamten Nachbarschaft zur Verfügung stehen, denn das ist eines der Ziele, die der Landkreis hier verfolgt. Stadtplaner und Soziologen nennen so einen konsumfreien Raum, der Begegnung und Gemeinschaft fördert, einen „dritten Ort“.
Sogar zum Projekt der Internationalen Bauausstellung Metropolregion München (IBA-M) hat es der Landkreis Freising mit diesen Plänen gebracht. Die steht unter dem Leitthema „Räume der Mobilität“ und zeichnet Projekte aus, die beispielhaft für die Entwicklung zukunftsfähiger Städte und Regionen stehen.
Eine Chance, die der Landkreis nutzen will. Nur wenige Tage vor Bekanntwerden der IBA-Kandidaten erfolgte der erste Spatenstich für den Neubau des Staatlichen Beruflichen Schulzentrums – seither wird gebaut. Die Fläche dieses derzeit größten Hochbauprojekts des Landkreises summiert sich auf 29000 Quadratmeter, das entspricht mehr als vier Fußballfeldern. Seit dem Baustart im Oktober 2025 wurden bereits 70000 Kubikmeter Erde ausgehoben. Die Projektkosten belaufen sich auf 157 Millionen Euro. Werden alle Fördermöglichkeiten ausgeschöpft, dürfte der Eigenanteil des Landkreises bei knapp 120 Millionen Euro liegen.
Auch ausgelagerte Klassen sollen in das Lernviertel zurückkehren
Im Jahr 2029 soll das neue Berufsschulzentrum als Herzstück des Lernviertels eröffnet werden. Acht im Moment in den Steinpark ausgelagerte Klassen mit 150 Schülern können dann an die Wippenhauser Straße zurückkehren, wie Tobias Grießer, Sprecher des Landratsamtes, schildert. Allein die Berufsschule hat derzeit 2142 Schülerinnen und Schüler, mit Fachakademie und Berufsfachschule für Kinderpflege sind es 2469. Insgesamt werden an den vier Schulen gut 4500 Schülerinnen und Schüler sowie 350 Lehrkräfte vom „Bildungsboulevard“ profitieren.
Die Bauarbeiten liegen im Zeitplan, hieß es in der vergangenen Woche bei einem Infonachmittag mit Baustellenführungen. Anwohner, aber auch die Mitglieder der Schulfamilien und andere Interessierte hatten sich dabei über den Stand des Projektes informieren und ihre Sorgen vorbringen können.

Denn natürlich haben vor allem die Nachbarn unter der Baustelle zu leiden, wie einige von ihnen bei der Veranstaltung deutlich machten. Erst kürzlich hatte starker Regen einer Anwohnerin Lehm in die Auffahrt gespült, ein anderer Nachbar klagte über den andauernden Krach.
Gegen den Baulärm gibt es naturgemäß kein Rezept. Doch in einem Punkt dürfen die Anwohner auf echte Verbesserung hoffen: beim Verkehr. Vor allem die Schulbusse sind seit Jahren ein Ärgernis. Zum Schulstart und -ende verursachen 45 Busse innerhalb von 30 Minuten täglich ein Chaos, immer wieder kommt es zu gefährlichen Situationen. „Für so viel Verkehr ist die Wippenhauser Straße nicht geeignet“, stellte eine Anwohnerin fest. Genau hier setzt das Konzept des Lernviertels an. Es soll „moderne Bildungsinfrastruktur mit nachhaltiger Mobilität verbinden“, wie es in der Sprache der IBA heißt.
Konkret versprochen werden sichere Schulwege durch Tempo 30, beidseitige Radwege, sogenannte Speedbumps (Bodenschwellen), Ampeln und Zebrastreifen. Der Fokus soll klar auf Fußgängern und Radfahrern liegen und ein moderner Bushub soll den öffentlichen Nahverkehr bündeln.

Über Mitfahr-Apps und ein digitales Parkraummanagement soll zudem der Individualverkehr zusätzlich reduziert werden. Es wird viele Fahrradstellplätze, am Ende aber deutlich weniger Parkplätze für Autos geben. Optisch soll sich die neue Berufsschule „mit viel Holz präsentieren“. Das Dach wird begrünt und mit einer Photovoltaikanlage bestückt.
Der Zeitplan für die Entstehung des Lernviertels sieht vor, das Berufsschulzentrum und den Boulevard davor bis 2029 fertigzustellen. 2027 bis 2028 soll außerdem eine neue Fahrradgarage am Camerloher Gymnasium entstehen. Der Bau des Busknotens folgt in den Jahren 2030 bis 2032. Anschließend wird der Boulevard bis 2034 vor das Camerloher Gymnasium und dann auch zum Bushub verlängert.
2035 ist schließlich noch der Neubau der Werkstätten für FOS und BOS geplant – das allerdings ohne den Rückenwind der Internationalen Bauausstellung. Die ist 2034 vorbei.

