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Kirche in Freising:"Nicht jede Pfarrei braucht einen Priester"

Seit 60 Jahren ist Franz Xaver Huber bereits als Priester tätig. Geht es nach ihm, wird das auch noch sehr lange so bleiben. Überhaupt nichts mehr zu tun zu haben, kann sich der 86-Jährige nicht vorstellen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Franz Xaver Huber ist vor 60 Jahren in Freising zum Priester geweiht worden. Seitdem hat sich in der Gesellschaft wie in der Kirche viel verändert, seinem Berufsstand fehlt heutzutage der Nachwuchs. Dem Problem könne man durch neue Strukturen begegnen, sagt der 86-Jährige.

Interview von Laura Dahmer, Freising

Wer Franz Xaver Huber besuchen will, muss den Freisinger Domberg erklimmen. Dort, im Innenhof der Anlage, praktisch direkt hinter dem Dom, wohnt der 86-Jährige in einem kleinen Häuschen. Vor 60 Jahren wurde er in dieser Kirche zum Priester geweiht, bis heute hält er in mehreren Kirchen im Umkreis Gottesdienste. Im Interview erzählt Huber, wieso er nicht in den Ruhestand will, wie er die Kirche im Wandel erlebt hat und warum der Priestermangel kein Problem sein muss.

SZ: Herr Huber, 60 Jahre sind eine lange Zeit. Waren Sie immer gerne Priester?

Franz Xaver Huber: Natürlich sind auch Sachen dabei, die man nicht gerne macht. Aber ich habe die Entscheidung als Jugendlicher getroffen und immer wieder erneuert.

Also war der Priesterberuf bei Ihnen schon ein früher Wunsch?

Ja, von Kindesbeinen an. Der logische Schritt war dann nach dem Abitur der Weg zur Priesterschule. So bin ich in den Fünfzigerjahren nach Freising gekommen. Ursprünglich stamme ich aus der Nähe von Mühldorf am Inn. In Freising habe ich dann studiert, mein Philosophikum und Theologikum abgelegt. 1960 bin ich geweiht worden.

Und dann? Welche Stationen haben Sie in den 60 Jahren danach durchlaufen?

Nach der Priesterweihe war ich vor allem in der Jugendarbeit tätig. Zuerst als Kaplan in Taufkirchen, danach in Neustift. Länger war ich auch Vorsitzender des Kreisjugendrings. Und seit 1970 dann Stadtpfarrer in Lerchenfeld, da musste ich mich auf andere Themen konzentrieren.

Während Ihrer Zeit als Pfarrer wurde in Lerchenfeld eine neue Kirche gebaut, Sie hatten gut zu tun.

Ja, wir haben auch Kindergärten gebaut und das Pfarrheim erweitert. Lerchenfeld ist mit der Zeit wahnsinnig gewachsen, es war gut was los. Als ich Stadtpfarrer wurde, hatte die Gemeinde etwa 7000 Einwohner, heute sind es mit Attaching glaube ich 13 000.

Würden Sie sagen, Sie haben den Ort mitgeprägt?

Schon. Der Bau der neuen Kirche war eine große Schwierigkeit, es hat viel Widerstand gegeben. Wir haben anfangs versucht, die Kirche in Teilen zu erhalten, aber am Schluss haben wir gesagt: "Es bringt nichts, die Kirche muss weg." Die neue Kirche sähe wahrscheinlich nicht so aus, wie sie aussieht, wenn ich zu der Zeit nicht Pfarrer gewesen wäre. Ich wollte von Anfang an, dass die Kirche innen bemalt wird. Es war mein Wunsch, dass der Turm separat steht.

Und mittlerweile sind Sie im Ruhestand?

Nein, das möchte ich auch gar nicht. Ich stelle es mir furchtbar schlimm vor, nichts mehr zu tun zu haben (lacht). Sofort nach meiner Tätigkeit als Dekan habe ich etwas gesucht, wo ich mich anbinden kann. Gefunden habe ich das in Neustift. Dort bin ich hauptsächlich werktags tätig. Am Wochenende halte ich in Marzling, Tüntenhausen und Haindlfing Messen. Ab und an mache ich noch Trauungen und Beerdigungen, aber mittlerweile nur noch selten.

Wäre Ihr kindliches Ich wohl zufrieden mit dem Pfarrer, der Sie geworden sind?

Oh (lacht). Mei, man könnte immer besser sein. In der Zeit, als ich den Wunsch entwickelt habe, waren Priester ganz anders. Sie waren herausstechende Persönlichkeiten, das weiß ich noch von dem Pfarrer in meinem Heimatdorf. Das ist heute anders. Ich würde mich auch selbst nicht unbedingt so beschreiben. Aber zufrieden bin ich.

Auch die Kirche vor 60 Jahren war eine andere als heute. Wie haben Sie diesen Wandel erlebt?

Ich wurde zur Zeit von Papst Johannes XXIII. geweiht, der als Papst des Aufbruchs gilt. Er hat das Zweite Vatikanische Konzil einberufen, das mit vielem in der Kirche aufgeräumt hat. Meine Generation ist aus diesem Konzil heraus erwachsen. Als Jugendseelsorger habe ich den Aufruhr gespürt, der durch die Kirche ging.

Was hat sich denn seitdem verändert?

Genaue Veränderungen kann ich heute gar nicht mehr benennen. Natürlich war es ein Umbruch, aber es war auch ein Prozess. Heute ist es so normal, wie früher das Andere normal war.

Was sich auf jeden Fall verändert hat: Es wollen nicht mehr so viele Menschen Priester werden.

Das stimmt. Damals wurde ich mit 29 anderen zum Priester geweiht. Dieses Jahr waren es in Freising zwei. Ich erkläre mir das mit einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung: Früher hat es in einer Familie bedeutend mehr Kinder gegeben. Sämtliche Berufe schreien nach Nachwuchs, und die Kirche ist davon natürlich nicht ausgenommen. Zusätzlich ist der Beruf vielleicht einfach nicht mehr so gefragt wie früher.

Woran, glauben Sie, liegt das?

Begründet wird es oft mit dem Zölibat. Ich persönlich glaube allerdings nicht, dass mit der Aufhebung des Zölibats auf einmal wieder 30 Priester in Freising geweiht würden.

Was muss stattdessen passieren?

Vielleicht muss es gar nicht darum gehen, wieder viele Priester zu finden. Die Strukturen müssen sich ändern, es müssen andere Lösungen her. Aus meiner Sicht braucht nicht jede Pfarrei einen Priester, es gibt ja jede Menge andere Mitarbeiter und Pfarrangehörige der Kirche, die Priesteraufgaben übernehmen könnten. Und auch ein Gottesdienst kann ohne Priester gefeiert werden.

© SZ vom 06.07.2020/lada

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