Freilufttheaterprojekt:"Voice of Erching"

Lesezeit: 3 min

Eine Theater-Performance von Thomas Goerge und seinem Verein "Udei" rückt ein besonderes Stück Grünland bei Hallbergmoos in den Mittelpunkt.

Von Birgit Goormann-Prugger, Hallbergmoos

Alles begann mit Großtante Marga. Als Halbjüdin hatte sie bei den Großeltern von Thomas Goerge vor den Nazis Schutz gefunden. Sie hatten sie als Pflegekind bei sich aufgenommen und so hatte sie, das uneheliche Kind eines Hausmädchens und eines jüdischen Rechtsanwalts aus München, den Holocaust überlebt. In den Ferien verdiente sie sich ein bisschen Geld als Kuhhirtin auf einer Wiese bei Erching in der Nähe von Hallbergmoos, die man heute die Senderwiese Erching nennt.

Von hier aus strahlten die USA im Zweiten Weltkrieg ihren Sender "Voice of America" in die UdSSR aus. Dann war da noch der kleine Vladimir Genin. Zusammen mit seinem Großvater saß er damals in dessen Datscha vor den Toren Moskaus und hörte den Feindsender. Heute veranstaltet Vladimir Genin regelmäßig die Erstklassik-Konzertreihe in Hallbergmoos. "Das ist doch irre", dachte sich da der Regisseur und Bühnenbildner Thomas Goerge, der selbst in Hallbergmoos lebt und auf dieser Wiese seiner Tochter das Radfahren beibringt.

Newsletter abonnieren
:SZ Gerne draußen!

Land und Leute rund um München erkunden: Jeden Donnerstag mit den besten Freizeittipps fürs Wochenende. Kostenlos anmelden.

Erzählt wird die Geschichte der Senderwiese

Das und noch viel mehr hat ihn zusammen mit seinem Verein "Udei" dazu inspiriert, mit einem Theaterstück, das eigentlich mehr eine Performance ist, die Geschichte dieser Wiese zu erzählen. "Voice of Erching" nennt sich das Projekt, das ein bildgewaltiges Spektakel werden soll. Aufführungstermine sind der 11. und 12. September. Aufführungsort ist natürlich die Senderwiese Erching an der Grünecker Straße in Hallbergmoos.

"Es passiert da sehr viel", verspricht Thomas Goerge, den man nicht nur von seiner Zusammenarbeit mit Christoph Schlingensief in Bayreuth und dessen Projekt "Ein Operndorf für Burkina Faso" kennt, sondern auch von seinen zahlreichen Theaterprojekten an großen Schauspielhäusern in Deutschland und auch in anderen Ländern. Goerge ist außerdem SZ-Tassilopreisträger. 2018 hatte er die Siegfried-Sage auf einem Sportplatz als Inklusions- und Integrationsprojekt inszeniert und war dafür mit dem Tassilo-Kultur-Sozialpreis ausgezeichnet worden.

Seine Heimat liegt Goerge am Herzen

"Für meine Theaterprojekte bin ich schon in vielen Teilen der Welt unterwegs gewesen. Gerade hatte ich beim "Athens Festival" Premiere mit einer Fußball-Oper. Jedes Mal wenn ich wieder nach Hause fahre, frage ich mich, wie es diesem Ort geht, an dem ich mit meiner Familie lebe, das liegt mir seit Jahren auch künstlerisch immer mehr am Herzen", beschreibt Goerge seine Motivation für "Voice of Erching".

Mit Corona habe sich außerdem das Verhältnis zwischen fernen Orten und Zuhause verschoben: Das Lokale, das unmittelbare Geschehen hier und die Bedeutung seiner Geschichte sei mehr in den Fokus gerückt. "Das Interesse der Menschen daran ist riesig. Die zu erzählenden Geschichten befinden sich um uns herum", erzählt Goerge weiter. "Voice of Erching" sei konzipiert als eine Zeitreise durch die Geschichte der Senderwiese von Erching. Unter der Regie von Thomas Goerge erforschen neben Amateuren und Profis mit und ohne Behinderung die Sängerin Gabriele Goerge und die bekannten Schauspieler Felix von Bredow und Michael A. Grimm die Vergangenheit und die Zukunft dieses Ortes. "Wir verstehen diese Wiese sozusagen als Sender und diese Wiese sendet uns Informationen, die wir dann wieder weiterschicken", erzählt er.

Die Wiese hat viel zu erzählen

Und diese Wiese habe viel zu erzählen. Das Areal sei einer der ältesten urkundlich erwähnten Orte nördlich von München und Fundort frühen neolithischen Lebens. Das Theaterprojekt betrachte die geologischen, ökologischen, historischen Verhältnisse der Wiese in einer "Stilmischung aus Vorzeitsaga, Traumdeutung, wissenschaftlichem Diskurs, Psychothriller, bayerischem Science-Fiction-Roman und Freilichtoper".

"Diese Wiese ist der Mittelpunkt der Welt." Mantraartig werde dieser Satz in dem Stück wiederholt. Mitwirkende sind die Artisten des Circus Feraro, Eleven der Hallbergmooser Ballettschule, der Spielmannszug der Freiwilligen Feuerwehr Freising und das Kammerorchester der Musikschule Hallbergmoos/Neufahrn unter Leitung von Vladimir Genin, die Künstlerin Anja von Wins, die Künstler Daniel Angermayr, Uwe Gössel, Karl Gößmann-Schmitt, Richard van Schoor, Allun Turner und Tobi Zettelmeier.

Vom Bund gibt es Fördermittel

Weil hier Profis und Amateure zusammenarbeiten und jeweils voneinander lernen können, wird das Projekt mit 25 000 Euro vom Fonds für "Darstellende Künste" aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie der Gemeinde Hallbergmoos gefördert. "Für die Förderung musste man sich bewerben. Dass wir ausgewählt wurden, freut uns natürlich sehr", sagt Thomas Goerge. Die Wiese spielt übrigens auch selbst mit in diesem Stück. Dargestellt wird sie von einem Kinderchor. "Die Wiese singt also", sagt Goerge lachend.

Die Aufführungen finden am Samstag, 11. September um 19.34 Uhr statt, mit dem Beginn der Dämmerung und am Sonntag, 12. September, um 11.09 Uhr auf der Senderwiese Erching an der Grünecker Straße in Hallbergmoos. Der Kartenverkauf findet online auf www.udei.de statt. Start ist am 1. September.

© SZ vom 28.08.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: