Mitten in Köln:Zwischen Jecken und hauchdünnen Biergläsern

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(Foto: SZ)

Als Freisinger fühlt man sich in Köln schnell wie in einem fehlgeleiteten Faschingszug - und das Biertrinken erinnert an eine wissenschaftliche Analyse.

Eine Kolumne von Lena Meyer

Es gibt Städte, die sind schön; schön ruhig zum Beispiel. Freising zählt in diese Kategorie. Schon Korbinian hatte bekanntlich vor 1300 Jahren entschieden, nach Freising zu wandern, sicher aus Gründen. Seit ihrem Makeover gleicht die Innenstadt mittlerweile einer entschleunigten Version von Venedig, zwar ohne Gondoliere, dafür aber mit glänzendem Fischrelief und jugendlichen Moosach-Hüpfern. Damit alles schön ruhig bleibt, überwachen viele Bärenstatuen das Geschehen - und Korbinian selbst hat ein Auge darauf.

Angesichts des bunten Treibens in den großen Metropolen weit jenseits der Isar wären die Augen des Heiligen wohl eher weit aufgerissen. Gerade, wenn sie Richtung Rhein, zum Beispiel nach Köln, blickten. Hier könnte man auch außerhalb der närrischen Tage - quasi ganzjährig - denken, man sei mit dem Kopf voran in einen fehlgeleiteten Faschingszug gestürzt. Verzeihung: Karnevalszug muss es ja heißen. Wer das Wort Fasching in der Rheinmetropole auch nur in den Mund nimmt, ist verdächtig. Es heißt Kar-ne-val und der wird am Rhein äußerst ernst genommen, ist beinahe 365 Tage im Jahr fast schon Lifestyle. Für ungeübte Freisinger Faschingsgänger hat es ja schon etwas von einem knallbunten Fiebertraum, wenn am Rosenmontag Pickachu und Super-Mario mit Süßigkeiten werfen, nur um später entspannt an einer Hauswand zu lehnen und sich ein Bier zu teilen. Oder jedenfalls das, was man in Köln unter Bier versteht. Hier liegt nämlich der eigentliche Kulturschock.

Beim Kölsch den Horizont erweitern

Als Freisinger in Köln kassiert man schräge Blicke, spätestens wenn man versucht zu erklären, wo die Heimatstadt liegt und diese mit Joghurt und Bier geografisch einordnen will. Die Freisinger haben eben eine ganz besondere Beziehung zu dem flüssigen Gold, das in schweren Krügen schäumt und atmet. Und in Köln? Da bekommt man sein Bier in einem hauchdünnen Gefäß, das eher nach einem Reagenzglas aussieht und an unliebsame Chemiestunden erinnert. Also Schutzbrillen und Pipetten raus - heute wird das Kölsch analysiert! Den gemütlichen Freisinger Biergarten sucht man vergebens, in Köln herrscht stets närrisches Treiben: knallbunt und wuselig, untermalt mit lauter Schlagermusik. "En Jeföhl", wie man nach mehreren Kölsch vielleicht sinnieren könnte. Dann trinkt man dieses nämlich nicht nur, sondern fängt auch noch an, den gleichnamigen Dialekt akzentfrei zu sprechen.

Andererseits ist ein Kulturschock ja auch immer eine Erweiterung des eigenen Horizontes, ein Austausch von Kultur und Ideen. Globalisierung und die Deutsche Bahn machen das fast immer möglich. Und wer weiß, vielleicht wird in Weihenstephan auch irgendwann Bier im Reagenzglas angeboten. Weltoffen und tolerant ist man doch sowohl in Freising als auch in Köln.

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