KlimawandelWie das Grün zurück in die Städte kommt

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An Freisings Oberer Hauptstraße blieb beim Umbau der Innenstadt kein Platz für Bäume. Jetzt soll nachgebessert werden.
An Freisings Oberer Hauptstraße blieb beim Umbau der Innenstadt kein Platz für Bäume. Jetzt soll nachgebessert werden. (Foto: Marco Einfeldt)

Der Freisinger Verein Rekultivistas will mit dem Projekt „Communitrees“ Bäume in der Innenstadt pflanzen. Die Zusammenarbeit mit der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf soll auch anderen Kleinstädten im Kampf gegen die Überhitzung helfen.

Von Kerstin Vogel, Freising

„Ich würde gern mitunter aus dem Haus tretend ein paar Bäume sehen.“ Das lässt Bert Brecht seinen Herrn Keuner sagen – nicht ahnend, was Jahrzehnte später von Stadtklima-Expertinnen und -Experten als zentrale Maßnahme zur Klimaanpassung empfohlen würde: die  „3-30-300-Regel“. In europäischen Großstädten wie Barcelona, Malmö und Utrecht bereits zur Leitlinie erhoben, besagt sie zunächst, dass jeder Mensch von seinem Zuhause aus mindestens drei große Bäume sehen können sollte – also quasi aus dem Hause tretend.

Die Regel fordert weiter, dass in einem Quartier 30 Prozent der Fläche von Baumkronen überschattet sein sollten. Außerdem sollte der nächste Park von einem Gebäude maximal 300 Meter entfernt liegen. Denn viele stark versiegelte Innenstädte sind durch den fortschreitenden Klimawandel bereits zu „lebensfeindlichen Hitzeinseln“ geworden, wie es die unter anderem vom Deutschen Städtetag unterstützte Initiative „Grün in die Stadt“ formuliert.

Wie aber holt man das Grün zurück in die Städte? Diese Frage treibt in Freising nicht nur die Verantwortlichen für den Umbau der Innenstadt um, bei dem für Bäume einfach kein Platz blieb – auch die Bürgerinnen und Bürger sorgen sich.

Mit Recht: Studien belegen, dass in dicht bebauten Stadtteilen die Lufttemperatur im Sommer um bis zu zehn Grad höher liegen kann als im nichtstädtischen Umland. Zwischen Karlwirtkreuzung und Marienplatz in Freising lässt sich das in aktuellen Hitzephasen leicht nachvollziehen.

Einen Beitrag zur Abhilfe will der Verein „Rekultivistas“ leisten. Gegründet 2023, hat er sich zum Ziel gesetzt, mehr Bewusstsein und Wertschätzung für Natur- und Umweltschutz zu fördern. Im jüngsten Projekt wurde etwa eine Wildhecke auf einer landwirtschaftlichen Fläche bei Wippenhausen gepflanzt. Es läuft noch bis nächsten Sommer und ist verbunden mit einem Bildungsangebot – und wiederkehrenden Treffen zur Pflege der Hecke.

Zur gemeinschaftlichen Heckenpflege haben sich Mitglieder und Unterstützer des Vereins „Rekultivistas“ am vergangenen Wochenende in Pettenbrunn getroffen.
Zur gemeinschaftlichen Heckenpflege haben sich Mitglieder und Unterstützer des Vereins „Rekultivistas“ am vergangenen Wochenende in Pettenbrunn getroffen. (Foto: Marco Einfeldt)

Seine nächste Aktion plant der Verein nun in Kooperation mit dem Lehrstuhl „Urbanes Waldmanagement“ an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, und der Name verrät, was dahintersteckt: Communitree heißt das Projekt, an dessen Ende in der Freisinger Innenstadt ganz konkret Bäume auf einer eigens entsiegelten Fläche gepflanzt werden sollen, als Beitrag zu einer künftig verbesserten Klimaresilienz, wie Rekultivistas-Vorsitzender Philipp Metzner sagt.

Zum Auftakt organisierte der Verein im Juni zunächst ein Werkstattgespräch, an dem sich auch das Freisinger Stadtplanungsamt beteiligte. Daraus ergab sich das Ziel, eine etwa 200 Quadratmeter große Fläche in der Innenstadt zu entsiegeln, um dort im Herbst vier Bäume neu zu pflanzen und das Areal gemeinsam mit den Anwohnern zu gestalten. Er hoffe, dass man bis Anfang September final wisse, welche Fläche dafür genutzt werden könne, sagt Metzner. Die Entsiegelung übernehme die Stadtgärtnerei, die Kooperation laufe sehr gut.

Sich potente Mitstreiter zu suchen, darin ist Rekultivistas ohnehin recht gut. Man gehe da ziemlich professionell heran, sagt Metzner, indem man meist maßnahmengebundenes Fördergeld einwerbe. Die Projekte müssten dann innerhalb eines bestimmten Zeitraums abgeschlossen sein. Das Heckenprojekt zum Beispiel wird von der Heidehof-Stiftung gefördert, für die neuen Bäume in der Freisinger Innenstadt kommt finanzielle Unterstützung von der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung.

Nun ist es dort allerdings mit der Pflanzung der Bäume auch nicht getan. Aus Communitrees heraus soll eine Art Maßnahmenkatalog für Kleinstädte entwickelt werden, um Klimaschutz und mehr urbanes Grün zu fördern. „Für Metropolen gibt es das, aber in Kleinstädten sind die Verwaltungsstrukturen anders und man braucht zum Beispiel auch Möglichkeiten, wie sich Vereine einbringen können“, begründet Metzner die Notwendigkeit. Ziel sei eine bessere Klimaresilienz, bessere Aufenthalts- und Wohnqualität, mehr Biodiversität in den Städten und ein Schutz vor Überschwemmungen.

Die Kooperation mit der Wissenschaft liegt in Freising auf der Hand

Vereine und Initiativen, die sich damit befassen, gibt es in Freising neben Rekultivistas durchaus einige, darunter eine Agenda 21-Gruppe sowie der Arbeitskreis Stadtnatur des Bundes Naturschutz. Eine Konkurrenzsituation sieht Metzner da nicht – eher im Gegenteil: „Wir kennen uns alle und ziehen an einem Strang.“ Die Kooperation mit der Wissenschaft liegt mit den „grünen“ Studiengängen in Weihenstephan ohnehin auf der Hand.

Die Arbeit geht den nur zwölf Mitgliedern von Rekultivistas so oder so nicht aus. Denn auch wenn beispielsweise die Hecke bei Wippenhausen gepflanzt und das Förderprojekt an sich abgeschlossen ist, muss noch regelmäßig Heckenpflege betrieben werden. Auch die Bildungsangebote, die der Verein daraus entwickelt, sind noch lange nicht abgeschlossen: Was für Vögel lassen sich dort nieder, welche Reptilien siedeln sich an – um Fragen wie diese wird es dann gehen. Trotzdem arbeiten die Vereinsmitglieder alle nach wie vor ehrenamtlich – und es gibt laut Metzner auch keine konkreten Pläne für eine Professionalisierung.

Zukunftspläne aber gibt es schon. Als Nächstes sollen im kommenden Frühjahr ebenfalls bei Wippenhausen eine Quelle und ein verlandeter Teich aufgewertet und renaturiert werden. Auch das will man in Form eines Workshops für die Öffentlichkeit anbieten und den Naturteich gemeinsam anlegen. Den genießt man dann in Zukunft vielleicht nicht aus dem Hause tretend – aber mit dem Fahrrad kann man schon hinfahren.

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