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Inhabergeführte Geschäfte:"Kiyan": Klimaneutral und modebewusst

Andreas Gürtner bietet in seinem Laden an der Oberen Hauptstraße nachhaltige und ökologisch vertretbare Kleidung an. Zusammen mit seiner Frau Kira, die in dem Geschäft auch ein Tattoo-Studio betreibt, hat er den Weg in die Selbständigkeit gewagt

Von Alexandra Vettori, Freising

Die Lederjacken sind das Öko-Sahnehäubchen. "Mit Sicherheit die nachhaltigste Lederjacke der Welt", versichert Ladenbesitzer Andreas Gürtner: Zu 98 Prozent ist das weiche, geschmeidige Stück aus recyceltem Leder aus der Auto- und Bekleidungsindustrie. Sogar die Knöpfe sind aus wiederverwendetem Metall, nur die Reißverschlüsse wurden neu zugekauft. Dazu lässt die dänische Herstellerfirma in Polen produzieren, um die Transportwege möglichst kurz zu halten. Ein Produkt, genau so, wie es sich Andreas Gürtner für seinem Laden vorstellt.

Seit Juni gibt es "Kiyan" in der Oberen Hauptstraße 21 in der Freisinger Innenstadt, ein kleiner Laden, der wesentlich mehr birgt, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Das trifft nicht nur auf die Öko-Kleidung zu, die hier auf den Bügeln hängt und so angenehm keinen Geruch nach Chemikalien verbreitet, wie er vor allem Billigware aus Fernost oft anhaftet. "Die Textilindustrie ist nach der Öl-Industrie die schmutzigste, das wissen aber die wenigstens", erklärt Gürtner seine Motivation, andere, nachhaltige und ökologisch vertretbare Kleidung anzubieten. Auch die Firma "Pur Waste" bestückt sein Sortiment, sie verarbeitet nur Verschnittware aus der Textilindustrie, die teils neu verwebt wird, 60 Prozent Baumwolle, 40 Prozent Polyester, anschmiegsam und weich und mit erfreulich wenig Aufdruck. Auf den T-Shirts und Pullovern von "Pure Waste" steht in kleiner, unauffälliger Schrift, wie viel Wasser bei der Produktion gespart wird. 2700 Liter sind es für ein T-Shirt; "der Baumwollanbau frisst unfassbar viel Wasser", erklärt Andreas Gürtner. Das fällt bei einem Recycling-Stück natürlich rechnerisch weg.

Noch müssen die Inhaber ihrer Kundschaft viel über die Produktionsweisen erzählen. Lederwaren, wie diese Tasche, stammen aus recycelten Resten.

(Foto: Marco Einfeldt)

Lange sind er und seine Frau Kira noch nicht in der Kleidungsbranche, und genau genommen ist es auch nur die idealistische Schiene ihres Geschäftsmodells. Bis Ende vergangenen Jahres war der heute 38-Jährige nach einem Studium der Sportwissenschaft und Betriebswirtschaft als Geschäftsführer für Golfanlagen tätig. Nebenbau eröffnete Gürtner mit seiner Frau, einer Künstlerin, eine Galerie in ihrer Heimatstadt Landshut. Hier stellte Kira Gürtner ihre Gemälde aus und fertigte auf Anfrage immer öfter auch individuelle Entwürfe für Tattoos an. Inzwischen hat der Laden in Landshut einen Namen, in der Szene spricht es sich rasch herum, wenn mal wieder ein besonderer Tattoo-Künstler kommt. Mittlerweile macht Kira Gürtner auch selbst Tattoos, geübt hat sie erst mit Kunst-Haut, dann verschönerte sie schlechte Tattoos aus dem Bekanntenkreis und heute hat sie einen eigenen, anspruchsvollen Kundenstamm. Bewusst haben die Gürtners darauf gesetzt, das Thema Tattoo-Studio aus der düsteren Hinterhofatmosphäre, mit der es oft verbunden wird, heraus zu holen, mit Erfolg. Heute sind über 70 Prozent der Kunden Frauen, die mehr wollen, als einen Totenkopf mit Rosenranke.

Das Motto: Einfaches, klares Design auf Öko-Stoff

Anfang vergangenen Jahres begann Kira Gürtner dann mit ihrer eigenen Mode-Linie. Einfaches, klares Design auf Öko-Stoff. Die nachhaltigen T-Shirts kauft das Paar bei entsprechenden Herstellern und lässt sie in Ingolstadt mit nachhaltigen, öko-zertifizierten Farben bedrucken. Der Schritt zu den Ökomode-Firmen war da nicht mehr weit.

Seit Juni verkaufen Andreas Gürtner und seine Frau Kira nachhaltige und ökologisch produzierte Mode und Accessoires an der Oberen Hauptstraße in Freising.

(Foto: Marco Einfeldt)

Im zweiten Laden, dem in Freising, versucht man jetzt die andere Reihenfolge. Mit der A-Lage in der Oberen Hauptstraße setze man bewusst auf die Mode als erstes Standbein, erklärt Andreas Gürtner, das kleine Lager im hinteren Bereich ist dennoch zum Tattoo-Studio umfunktioniert. "Alleine mit der Öko-Mode würde sich das noch nicht rechnen, denn mit den Öko-Klamotten ist es viel schwieriger. Für das Tattoo-Studio bräuchten wird auch diese Lage nicht, die Kunden finden uns auch in Nebenstraßen", sagt Gürtner.

Doch die nachhaltige Mode ist ihm ein Anliegen. Fast alle Produkte im Laden haben das GOTS-Siegel, GOTS steht für Global Organic Textile Standard. Nur wer eine lückenlose Öko-Kette vom Baumwollanbau bis zur Farbe und dazu noch Sozialstandards bei den Produzenten nachweisen kann, bekommt das Siegel. Leicht an den Mann und die Frau zu bringen, ist das Sortiment freilich nicht, das hat Andreas Gürtner schon festgestellt: "Es ist ein hartes Geschäft und es braucht viele Erklärungen."

© SZ vom 30.07.2019/nta
Inhabergeführte Geschäfte in Freising

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