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Katholische Kirche in Freising:Laien sind für den Betrieb unerlässlich

Domberg in Freising, 2020

In Freising ist man über das kürzlich veröffentlichte Vatikan-Papier zum Priestermangel verärgert. Es geht am Alltag vorbei, kritisieren viele.

(Foto: Johannes Simon)

Mitarbeiter ohne Priesterweihe übernehmen in den katholischen Pfarrgemeinden viele wichtige Funktionen. Ein Vatikan-Papier, das die Leitung einer Gemeinde durch Laien kritisch betrachtet, sorgt auch im Landkreis Freising für Verärgerung.

Von Nadja Tausche, Freising

Wie soll sich die katholische Kirche in Zeiten von Priestermangel und leerer werdenden Gotteshäusern aufstellen? Dazu findet sich in einem aktuellen Papier des Vatikans ein Hinweis - und er kommt nicht überall gut an. In dem Papier geht es um die Zusammenarbeit zwischen Pfarrern und den restlichen Mitarbeitern einer Gemeinde: Vereinfacht gesagt heißt es darin, der Leiter einer Gemeinde ist und bleibt der geweihte Pfarrer - dass Menschen ohne Priesterweihe eine Gemeinde leiten, sei nicht erwünscht, sie sollen weder den Titel noch die Funktionen eines Pfarrers erhalten. Zahlreiche Bischöfe kritisieren das Schreiben, weil es die Arbeit von Ehrenamtlichen herabwürdige. Verantwortliche aus dem Landkreis Freising stören vor allem zwei Dinge: Das Papier sei ohne Absprache mit den Ortskirchen entstanden - und es habe mit deren Alltag wenig zu tun.

"Wir haben einfach eine andere Realität in Freising und im gesamten Erzbistum", sagt Patrick Körbs, Kaplan im Freisinger Pfarrverband St. Korbinian. Man habe eine Reihe qualifizierter Mitarbeiter, die zwar nicht die Priesterweihe hätten, für den Betrieb aber unerlässlich seien. "Für die kann das Papier schon eine Herabwürdigung sein", glaubt Körbs. Dabei könne ihre Arbeit in der Gemeinde dem Pfarrer die Chance geben, sich weniger der Schreibtischarbeit und mehr der Seelsorge zu widmen: "Verwaltungstechnische Dinge können einen Priester auch überlasten", denkt Körbs. Gerade im Moment werde man von haupt- und ehrenamtlichen Laien sehr unterstützt: Pfarrer Peter Lederer ist seit Anfang Juli im Krankenstand, ein Team aus Seelsorgern übernimmt die Leitung der Gottesdienste.

Neufahrns Pfarrer Wolfgang Lanzinger sagt, er freue sich über jeden, der mitarbeite.

(Foto: Marco Einfeldt)

"Auf unserer Ebene geht es nicht um Macht, sondern um Arbeit"

Auch der Neufahrner Pfarrer Wolfgang Lanzinger sagt: Er freue sich über jeden, der mitarbeite. "Auf unserer Ebene geht es nicht um Macht, sondern um Arbeit", so der Leiter der Gemeinde St. Franziskus: Auch mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern gemeinsam schaffe man die Arbeit nur gerade so. Was deren Motivation angehe, sei das Schreiben des Vatikans "natürlich alles andere als förderlich", so Lanzinger - allerdings müsse man erst einmal schauen, ob es konkret etwas ändere. Er glaubt: "Solche Probleme klären sich von selbst durch die Realität."

Das Papier mit dem unhandlichen Titel "Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche" hat die Kleruskongregation im Vatikan vergangene Woche veröffentlicht. Auch von Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, kam Kritik: "Da kann nicht einer etwas verkünden und die anderen sollen einfach folgen, sondern da müssen wir aufeinander hören, miteinander lernen, die Erfahrungen der Ortskirche aufnehmen - was ich in dem Dokument, das in diesen Tagen erschienen ist, vermisse", zitiert ihn das Erzbistum in einer Mitteilung.

Im Erzbistum München und Freising hat man bereits verschiedene Leitungsmodelle ausprobiert

Der Moosburger Pfarrer Reinhold Föckersperger glaubt allerdings, dass die Formulierungen nicht allzu wörtlich zu verstehen sind. Vielmehr handle es sich wohl um Leitbild: "Das ist eine Standortbestimmung von Seiten Roms." Denn tatsächlich arbeiteten immer mehr Quereinsteiger in der Kirche mit - ehrenamtliche Mitarbeiter seien zwar eine "absolut unverzichtbare Größe", womöglich wolle der Vatikan aber einfach sicherstellen, "dass der Priester als geistliches Element nicht zu kurz kommt." Dass ein geweihter Priester die Leitung einer Gemeinde alleine übernehmen müsse, sieht Föckersperger nicht so. Nicht jeder Priester sei automatisch geeignet, eine Gemeinde zu leiten, gibt er zu Bedenken. Dass allerdings nicht ausschließlich Menschen ohne Priesterweihe eine Gemeinde leiten, findet er allerdings durchaus wichtig: "Sonst würde das die Gesamtstruktur der katholischen Kirche komplett ändern." Um die beste Lösung zu finden, habe man im Erzbistum München und Freising bereits verschiedene Leitungsmodelle ausprobiert, erzählter: Also auch solche, in denen Laien mit Geistlichen zusammenarbeiten. "Diese Sachen werden jetzt in Frage gestellt", sagt Föckersperger über das Schreiben.

Wenn nun aber Menschen Leitungsfunktionen übernehmen, die keine geweihten Priester sind: Kommt dann womöglich der Glaube zu kurz? Nein, sagt Lanzinger aus Neufahrn. Wenn jemand heutzutage in der Kirche mitarbeite, wo viel Arbeit für wenig Anerkennung anfalle, habe er keine Bedenken, dass es den Menschen nicht wirklich um den Glauben gehe. Ein Grund, Gemeinden gemeinsam zu leiten und auch welche zusammenzulegen, ist auch der Priestermangel: "Wir werden einfach nicht mehr in jeder Gemeinde einen Priester haben", glaubt Föckersperger. In dem Papier des Vatikans wird das Zusammenlegen von Gemeinden kritisch betrachtet. Lanzinger argumentiert hier wiederum mit der Realität: Im Moment sei man einfach nur froh, dass in Neufahrn auch Ehrenamtliche Gottesdienste leiten, sagt er.

© SZ vom 29.07.2020/lada

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