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Inklusiver Sport in Freising:"Wir drücken kein Auge zu"

Schritt für Schritt machen Karl-Heinz Kiefer und Monika Schicho ihren ID-Judoschülern die verschiedenen Techniken vor.

(Foto: Marco Einfeldt)

Beim ID-Judo für Menschen mit geistigen Behinderungen geht es nicht anders zu als beim Regelsport. Jeder macht, wie er kann, doch die Technik muss sauber sein, sagt Karl-Heinz Kiefer, der die Disziplin nach Freising geholt hat.

Es ist das dritte Mal, dass Karl-Heinz Kiefer den Wurf vormacht. Langsam, Schritt für Schritt. Sein Judoschüler steht neben ihm und beobachtet konzentriert jede Bewegung. Kiefer zieht am Kragen seines Gegenübers, setzt ein Bein vor und schlingt das andere von außen nach innen um das Bein seines Gegners herum. Ohne große Mühe schmeißt er ihn anschließend seitlich auf den Boden. Die Augen seines Judoschülers leuchten, jetzt soll er es probieren. Er ist unsicher, ganz langsam macht er die Schritte Kiefers nach. Diesmal klappt es, und sein Gegner landet mit dem Rücken auf der Matte. Karl-Heinz Kiefer lächelt. Seit vier Jahren kommt er alle 14 Tage ins Bildungszentrum Gartenstraße, um ID-Judostunden zu geben. ID-Judo ist eine Variante des japanischen Kampfsportes, die für Menschen mit geistiger Behinderung konzipiert wurde.

Kiefer ist in einem Artikel der Lebenshilfe-Zeitung "Wirbel" auf die Sportart gestoßen. "Das war ein Interview mit einem Erdinger ID-Judoka, der immer nach München ins Judotraining gefahren ist, weil Judo für ihn sein Leben ist", erinnert sich der 72-Jährige. Kiefer selbst betreibt seit über 50 Jahren Judo und trainiert Schülergruppen beim Judoclub Freising. Durch das Interview kam ihm die Idee, ID-Judo nach Freising zu holen. Er nahm sich ein paar alte Judomatten von seinem Verein und fragte bei der Lebenshilfe an, ob sie Interesse hätten. Im Zwei-Wochen-Takt bekommt er nun die Turnhalle im Bildungszentrum Gartenstraße zur Verfügung gestellt und gibt dort gemeinsam mit Monika Schicho Training, fast alle seiner Judoschüler kommen aus den Isar-Sempt-Werkstätten zuihnen. "Viele von ihnen sind von Anfang an dabei, man merkt, dass sie richtig Spaß am Judo haben", sagt der Trainer.

Im Februar soll es für viele zur Offenen Bayerischen Einzelmeisterschaft gehen

Lothar Schmidt ist einer von denen, die schon seit vier Jahren mit Kiefer trainieren. Der 21-Jährige trägt den orange-grünen Gürtel und hat damit den höchsten Grad von Kiefers Schülern. Schon als Kind habe er in Kranzberg Judo gemacht, erzählt Schmidt. Bei den Deutschen Verbandsmeisterschaften vor einigen Wochen ist ihm eine schöne Überraschung gelungen: Er hat sich im Kampf gegen einen 173-Kilo-Mann durchgesetzt - und das, obwohl Schmidt selbst nur 103 Kilo wiegt. Als Kiefer davon erzählt, wie er ihn mit zwei perfekten Würfen besiegt hat, lächelt Schmidt verlegen. "Mir gefällt Judo, weil es ein Kampfsport ist, bei dem sich niemand verletzt. Und weil hier alle meine Freunde sind", sagt er.

Noch war Kiefer mit seiner Judogruppe nur auf wenigen Turnieren, im Februar soll es für die meisten zum ersten Mal mit zur Offenen Bayerischen Einzelmeisterschaft im ID-Judo gehen. Die findet diesmal in der Luitpoldhalle in Freising statt. "Mir ist nicht wichtig, dass wir Siege holen. Mir ist wichtig, dass sie beherzt kämpfen", sagt Kiefer. Zu sehen, wie sehr Schmidt und die anderen in der Gruppe die Kämpfe genießen, sei Wasser auf seine Mühlen.

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Würge- und Hebeltechniken sind verboten, weil nicht jeder mit seiner Kraft haushalten kann

Vom Regelwerk her unterscheiden sich ID-Judo und reguläres Judo kaum. Einzig Würge- und Hebeltechniken sind beim ID-Judo verboten. "Das könnte sonst gefährlich werden, weil nicht jeder hier mit seiner Kraft haushalten kann", sagt Kiefer. Bei einem Würgegriff würde es schon mal so weit gehen, dass die Luftzufuhr zum Gehirn unterbrochen ist und einem schwummrig wird. "Das ist hier undenkbar", sagt der 72-Jährige. Halte- und Wurftechniken können die Freisinger ID-Judoka dagegen schon so einige. Martin Hübner soll einen beliebigen ausprobieren und seinen Trainer damit zu Fall bringen. Er greift ihn am Kragen seines Judoanzugs und kommt erst einmal ins Grübeln. Dann macht er einen Schritt vorwärts, schlingt sein Bein um das von Kiefer und bringt ihn aus dem Gleichgewicht. Der 72-Jährige landet auf dem Rücken. "Das war die Technik, die wir eben gelernt haben, Martin", sagt er. "Überleg dir eine andere."

Die Judostunden erfordern viel Geduld, gibt Kiefer zu. "Ich bin oft forsch mit ihnen, aber sie nehmen es mir nicht krumm." Im Januar steht für viele die nächste Gürtelprüfung an, Kiefer möchte ihnen deshalb noch einige Dinge beibringen. "Denn wir drücken kein Auge zu, die Techniken müssen sauber ausgeführt werden", sagt er. Je nachdem, welchen Grad der Behinderung die Judoka haben, werden sie bei Prüfungen und Turnieren unterschiedlich beurteilt. "Nur, weil jemand einen höheren Behinderungsgrad hat, ist er aber noch lange nicht schlechter auf der Matte", betont der Judolehrer.

In Kiefers Gruppe sind die unterschiedlichsten Menschen. Einer seiner Schützlinge macht nur wenige Übungen mit und schaut viel von der Seite aus zu. Er hat seinen Anzug vergessen, wollte aber trotzdem mitmachen. "Er hat wahnsinnige Angst vorm Fallen. Am Anfang hat er nur zugeschaut", sagt Kiefer. Mittlerweile versucht er sich an den verschiedenen Wurf- und Haltetechniken. "Hier soll eben jeder machen, wie es geht." Auch Kiefers Frau Brigitte kommt zu fast jedem Training und schaut zu. "Ich fühle mich einfach wahnsinnig wohl. Hier wirst du aufgenommen, so wie du bist. Es gibt deutlich weniger Vorurteile als oftmals bei Menschen ohne Behinderung", bemerkt sie.

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