Gerade erst hat die Stadt Freising nach fast zehn Jahren Bauzeit die Fertigstellung ihrer sanierten Innenstadt gefeiert, da freuen sich ihre Planer und Bauexperten schon auf das nächste Großprojekt. Anfang Dezember wurde beim Tag der Internationalen Bauausstellung (IBA) in München bekannt gegeben, dass das „Zukunftsquartier Freising“, also die Entwicklung des Bahnhofsareals zu einem komplett neuen Stadtviertel, jetzt IBA-Projektkandidat ist.
Eine Internationale Bauausstellung (IBA) ist ein Sonderformat der Stadt- und Regionalentwicklung, eine Mischung aus Stadtentwicklungsprogramm, Innovationslabor und Leistungsschau. Sie läuft meist zehn Jahre und endet mit einem Ausstellungsjahr, in dem die realisierten Projekte international präsentiert werden. Das Format gibt es seit 1901, bekannt wurde es unter anderem durch die IBA Emscher Park, bei der von 1989 bis 1999 im Ruhrgebiet stillgelegte Industrieanlagen in Kulturzentren und Parks verwandelt wurden.
Seit 2024 läuft die IBA Metropolregion München, die erste in Bayern und weltweit die erste zum Thema Mobilität. Dafür wurde eine Gesellschaft mit den Städten München, Augsburg und Ingolstadt, den Landkreisen München und Freising sowie der Europäischen Metropolregion München gegründet. Die Stadt Freising hatte sich im Oktober mit dem Zukunftsquartier Bahnhof unter 120 Projektideen für die Teilnahme beworben. Als Projektkandidat sei die nächste Stufe im Prozess zum IBA-Projekt erreicht, melden die Planer. Jetzt gelte es, erste Bausteine bis 2034 zu realisieren, um eines der Leuchtturmprojekte zu werden, die sich im Ausstellungsjahr einem internationalen Publikum präsentieren können.
Um den Freisinger Bahnhof und sein Umfeld drehen sich seit Jahrzehnten planerische Überlegungen. Wer hier mit dem Zug ankommt, passiert auf dem Weg zur Innenstadt ein paar Taxistände, das Gebäude der geschlossenen Post und einen asphaltierten Parkplatz. Die Busterminals sind wenig mehr als funktional, die brachliegenden Flächen im Süden vermitteln die klassische Gleis-Tristesse des aufgelassenen Güterbahnhofs.


Auf der anderen Seite der Gleise liegt ein riesiger und trotzdem stets überfüllter P&R-Platz, bevor es über die Isar in den Stadtteil Lerchenfeld geht. Das Areal bleibt, so könnte man es wohl sagen, städtebaulich weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Daran ändert auch nichts, dass die Deutsche Bahn Freising 2020 als einen von nur zwei „Zukunftsbahnhöfen“ in Bayern auswählte, den Bahnhofsvorplatz umgestaltete und einen Holzpavillon mit Café und Fahrradwerkstatt errichtete. Mehr nämlich steckte nicht hinter dem wohlklingenden Projekt. Das Café ist aktuell geschlossen – und auch, dass die Filiale eines bekannten Burgerbraters im Bahnhof einem Konkurrenten gewichen ist, der sich im Fastfood-Premiumsegment verortet, hat die Lage zuletzt nicht wesentlich verbessert.
Der Stadt aber geht es ohnehin um sehr viel mehr. Denn mit dem Zukunftsquartier soll rund um den Bahnhof ein ganz neues Stadtviertel entstehen. Die Verkehrsbeziehungen sollen neu geordnet werden. Eine gute Vernetzung soll das Umsteigen zwischen Bahn, Bus, Rad und Fußverkehr erleichtern und es attraktiver machen, ohne Auto unterwegs zu sein, erläutert die Stadt. In den neuen Nachbarschaften sollen alle wichtigen Alltagsziele klimafreundlich erreichbar und für alle zugänglich sein. Zudem soll das Zukunftsquartier die historische Altstadt über die Isar hinweg mit dem Stadtteil Lerchenfeld verknüpfen und neue Zugänge zum Flussufer als Natur- und Erholungsraum öffnen.

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Dazu verfolgt die Stadt mit ihrer Beteiligung an der IBA auch ein besonders ambitioniertes Projekt, das ohne Unterstützung von außen wohl kaum umsetzbar wäre – zumal in Zeiten nachhaltig leerer Kassen. Schon im Mobilitätskonzept „Freising nachhaltig mobil“ aus dem Jahr 2018 ist der Bau eines Tunnels zur Unterquerung der Gleise vorgesehen. Damit würde eines der größten Verkehrsprobleme der Stadt gelöst: die Anbindung Lerchenfelds für Busse, Radfahrer und Fußgänger von der Münchner Straße aus. Für die Flächen des früheren Güterbahnhofs und der aufgelassenen Gleisanlagen war deshalb schon vor ein paar Jahren eine Veränderungssperre erlassen worden.


Kuratorium und Aufsichtsrat der IBA GmbH hätten bestätigt, dass das Zukunftsquartier „neuartige, überraschende, aber auch realisierbare Ansätze zur Lösung wichtiger Zukunftsfragen der Mobilität liefert“, heißt es erfreut aus der Stadt. Neben der inhaltlichen Qualifizierung des Projektes hilft die IBA bei der Akquise von Fördermitteln, der Kommunikation und der Vernetzung mit anderen Akteuren.
Das „Lernviertel Freising“ und die „Nachbarschaftsregion“ sind ebenfalls IBA-Projektkandidaten
Denn natürlich ist die Stadt Freising mit dem Wunsch nach Unterstützung nicht allein – und gleich zwei weitere der bestätigten 16 Projektkandidaten sind in nächster Nähe zu finden. Da ist zum einen das „Lernviertel Freising – Bildung bewegt“ des Landkreises: Rund um den gerade begonnenen Neubau des Beruflichen Schulzentrums an der Wippenhauser Straße soll ein vernetzter Bildungscampus zusammenwachsen. Ein grüner Boulevard soll Camerloher-Gymnasium, Fach- und Berufsoberschule und Wirtschaftsschule verbinden und den Fuß- und Radverkehr fördern.
Daneben wurde außerdem die „Nachbarschaftsregion“, eine Initiative des Nachbarschaftsbeirats am Münchner Flughafen, zum IBA-Projektkandidaten ernannt. Dort soll eine gemeinsame Zukunftsstrategie für die Region entwickelt und die Zusammenarbeit zwischen Städten, Gemeinden und dem Flughafen gestärkt werden.

