Autos hatten VorrangWie die Freisinger Innenstadt verkehrstauglich gemacht wurde

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Das Bild von Hermann Hauptmann zeigt, wie es 1963/64 auf der Baustelle zuging.
Das Bild von Hermann Hauptmann zeigt, wie es 1963/64 auf der Baustelle zuging. (Foto: Stadtarchiv/EFM)

Das Archivstück des Monats zeigt den Umbau der Oberen Hauptstraße im Jahr 1963. Ganz nach dem Konzept der "autogerechten Stadt" wurde damals dem Auto der Vorrang vor anderen Verkehrsteilnehmern eingeräumt.

Von Florian Notter, Freising

"Die Freisinger Obere Hauptstraße ist zur Zeit eine Sinfonie aus Kies, Sand, Beton, Schächte[N], Bagger[N], Arbeitslärm und einem trockenen Brunnen". Wer die aktuellen Umbaumaßnahmen vor Augen hat, kann dieser Aussage ohne Weiteres zustimmen. Tatsächlich stammt der Satz aber aus dem Jahr 1963.

Er findet sich am Anfang einer Kolumne, die in der Ausgabe des Freisinger Tagblatts vom 19. Juli veröffentlicht wurde. Einen Eindruck vom Umbau der Oberen Hauptstraße im Sommer 1963 vermitteln außerdem zwei Farbfotografien, die aus dem Fotonachlass des Freisinger Cafetiers Hermann Hauptmann stammen. Die Familie überließ den Nachlass 2018 freundlicherweise dem Stadtarchiv Freising. Die Fotos bilden das Archivstück des Monats Februar.

Dem Auto wurde damals der Vorrang eingeräumt

Der Umbau der Hauptstraße in den Jahren 1963 und 1964 war ein viel diskutiertes Thema im damaligen Freising. Anders als bei den Umgestaltungsmaßnahmen Mitte der 1980er und in den 2010er Jahren ging es damals jedoch nicht darum, in austarierten und aufeinander abgestimmten Konzeptpaketen unterschiedliche Belange in Einklang zu bringen. Das wären beispielsweise die Stärkung des Gewerbes in der Innenstadt, Aufenthaltsqualität, Barrierefreiheit, Baukultur und Denkmalpflege.

Es ging Mitte der Sechzigerjahre vielmehr darum, die Freisinger Innenstadt im Sinne des motorisierten Individualverkehrs "verkehrstauglich" zu machen. Ganz nach dem Konzept der "autogerechten Stadt" wurde damals dem Auto der Vorrang vor anderen Verkehrsteilnehmern eingeräumt.

Chaos herrscht in der Stadt, wenn die Moosach aufgemacht wird. Das Bild zeigt die aktuelle Baustelle in der Oberen Hauptstraße.
Chaos herrscht in der Stadt, wenn die Moosach aufgemacht wird. Das Bild zeigt die aktuelle Baustelle in der Oberen Hauptstraße. (Foto: Marco Einfeldt)

Das Ergebnis des Umbaus der Hauptstraße von 1963/64 waren eine breite, asphaltierte Durchgangsstraße, schmale, an die Ränder gedrängte Gehsteige für die Fußgänger und die fast vollständige Preisgabe des öffentlichen Stadtraums zugunsten von Parkplätzen. Um die Verkehrssicherheit für Fußgänger zu gewährleisten, mussten Einrichtungen geschaffen werden, die man bis dahin in der Innenstadt nicht kannte: Fußgängerüberwege, Fußgängerampeln, Sperrgeländer und - im Bereich des Kriegerdenkmals - sogar eine Verkehrsinsel.

Schon nach zwei Jahrzehnten reduzierte man den Umbau

Durch die stetige Zunahme des motorisierten Individualverkehrs und die Überforderung historisch gewachsener Stadträume kam das Konzept der "autogerechten Stadt" im Lauf der Siebzigerjahre vielerorts stark in die Kritik. Vielfach wurden Alternativkonzepte entwickelt, die auf Maßnahmen setzten wie Umgehungsstraßen, Parkhäuser an den Innenstadträndern, verkehrsberuhigte Zonen oder Fußgängerzonen. Auch in Freising revidierte man den Umbau von 1963/64 bereits nach zwei Jahrzehnten wieder mit dem Hauptstraßenumbau und der Verkehrsberuhigung von 1983 bis 1986.

Einen Eindruck vom Umbau der Oberen Hauptstraße im Sommer 1963 vermitteln die zwei Farbfotografien aus dem Nachlass von Hermann Hauptmann. Auf der einen Aufnahme, welche die Obere Hauptstraße mit Blickrichtung nach Westen zeigt, kann man das "Drunter und Drüber" der Baustellensituation gut nachvollziehen. Die andere Aufnahme gibt nur einen kleinen Ausschnitt der Baustelle wieder, ungefähr den Bereich zwischen Kriegerdenkmal, dem Schiedereck und der Bahnhofstraße. Blickrichtung des Fotografen ist Osten. Besonderes Interesse scheint die während der Baustellenphase geöffnete Stadtmoosach auf sich zu ziehen, jedenfalls richten sich die Blicke der umstehenden Personen auf das Wasser. Während der Stadtbach bei den Umbaumaßnahmen 1963 und 1986 wieder geschlossen wurde, bleibt er nach dem Umbau von 2020/21 offen - zumindest streckenweise.

Quellen: Stadtarchiv Freising, B II, Stadtratsprotokoll 1963, S. 3-5; ebd. Protokoll des Verwaltungsausschusses 1963, S. 17, 36, 74; ebd., NLSp Hermann Hauptmann; ebd., Zeitungssammlung, Freisinger Tagblatt, 19.07.1963, 02.08.1963, 09.08.1963.

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