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Freisinger Firmen berichten von ihren Erfahrungen mit Home-Office:Von Corona überrumpelt

Coronavirus - Homeoffice

Das Arbeiten im Home-Office haben viele Arbeitnehmer zuletzt notgedrungen einem Praxistest unterzogen.

(Foto: dpa)

Während Home-Office für einige Firmen in Freising schon selbstverständlich war, hat andere die Pandemie dazu gezwungen. Ein Virus hat in wenigen Tagen die Arbeitswelt verändert. Vor- und Nachteile stellen sich jetzt heraus.

Von Thilo Schröder, Freising

Von daheim zu arbeiten, konnte sich Reinhard Fiedler bis vor wenigen Monaten für sein Unternehmen schwer vorstellen. Dann kamen die Ausgangsbeschränkungen und zwischenzeitlich sogar die "Angst, dass man gar nicht mehr raus darf". Ende Juni sitzt der 44-jährige Chef eines achtköpfigen Architekturbüros im Großraumbüro an der Oberen Hauptstraße in Freising. Ins Home-Office verbannte Mitarbeiter sind mittlerweile zurückgekehrt. "Wir waren darauf nicht vorbereitet und mussten schnell viel dazulernen, die Leute mit der nötigen Technik ausstatten, Tools finden", sagt Fiedler. "Innerhalb einer Woche haben wir uns vorbereitet für den Tag X."

Wie Fiedler geht es vielen Unternehmern im Landkreis Freising, die sich aus verschiedenen Gründen bislang wenig bis gar nicht mit dem Thema Home-Office befasst haben und es nun - bedingt durch die Pandemie - müssen. Andere wenden seit Längerem flexible Arbeitsmodelle an. Häufig sind es IT-Firmen, für die das Arbeiten mit ortsunabhängigen Tools qua Branche ohnehin Alltag ist. Ein solches Unternehmen ist beispielsweise die Lorenz Software GmbH in Freising.

"Bei uns arbeiten wir seit zwei Jahren remote", sagt Antonella Lorenz, Chefin von 20 Angestellten. "Wie sie arbeiten, entscheiden die Mitarbeiter selbst, viele kommen nur an zwei Tagen pro Woche ins Büro." Räumlichkeiten ganz abzuschaffen, wie es manche Unternehmen vorhaben, könne sie sich zwar nicht vorstellen, aber eben genauso wenig das Gegenteil: "Diese Flexibilität ist nicht mehr wegzudenken. Die Idee, dass man Zeit absitzt, ist veraltet", glaubt die 56-Jährige. "Und es funktioniert sehr gut." Einer ihrer Mitarbeiter etwa arbeite problemlos aus der ungarischen Heimat.

Das Bedürfnis sich auszutauschen ist groß

Dennoch hat die Pandemie Abläufe verändert. "Man merkt, dass die Tage viel intensiver sind als früher, die Leute bekommen mehr Termine rein", sagt Lorenz. "Man ist auch viel konzentrierter, wenn man nur virtuell unterwegs ist. Das ist eine andere Atmosphäre." Während des Lockdowns hat sie ein sogenanntes Barcamp organisiert, ein dreistündiges Onlineseminar mit Kunden: mit einem Impulsvortrag und Gruppenarbeiten zu selbst gewählten Themen. "Da war ein großes Bedürfnis, sich auszutauschen, weil die ganzen Netzwerktreffen ja gerade wegfallen." Für den 9. Juli ist deshalb das nächste Barcamp geplant.

Absprachen finden bei dem Softwareunternehmen in der Regel digital statt. "Ein Mitarbeiter kommt in mein virtuelles Büro, wenn er mit mir sprechen will", sagt Lorenz. "Das ist, als wäre er bei mir im Büro, genau so läuft das auch in Meetings unter Mitarbeitern." Flexible Arbeitszeiten entlang von Zielvorgaben, dazu Weiterbildungen zu Themen wie virtuellem Teambuilding, so habe sie den Umstieg gemeistert. Für Chefs sei es dabei wichtig, loszulassen und Vertrauen in die Mitarbeiter zu haben, sagt sie.

"Die Kontrolle abzugeben und den Leuten zu vertrauen, ist ultra wichtig", bestätigt Alexander Grossmann, Chef der Fair Recruitment GmbH in Freising. Er sieht die Verantwortung dafür bei den Führungskräften. "Gerade wenn man viel Micro-Management macht, also Kleinigkeiten überwacht. Das wird dann auch belohnt, da kann man gute oder sogar bessere Ergebnisse kriegen." Grossmann verbrachte die Hochphase der Pandemie alleine im Büro, inzwischen kehren einzelne Mitarbeiter aus dem Dauer-Home-Office zurück. An zwei von vier Arbeitstagen daheim zu arbeiten, sei aber ohnehin die Regel, sagt er.

"Wir schauen eher, dass die Leute nicht zu viel arbeiten"

Arbeiten auf Vertrauensbasis, darauf setzt auch Hannes Hahne, CEO des Freisinger Biotech-Unternehmens OmicScouts. "Wir haben keine Stechuhren und schauen eher, dass die Leute nicht zu viel arbeiten", sagt der 38-Jährige. Die 2014 gegründete Firma sei "von Anfang an Home-Office-fähig" gewesen, sagt der Familienvater. Bei OmicScouts arbeitet ein etwa zwölfköpfiges Team aus Produktmanagern, Schreibtischwissenschaftlern, Bioinformatikern und Laborkräften. Dazu kommen Partner rund um den Globus. "Unsere Kunden sind auf der gesamten Erde verteilt", sagt Hahne, "da läuft viel über E-Mail. Daten diskutieren wir via Telefonkonferenz." Ein Vorteil als junges Unternehmen sei, an vielen Stellen noch keine eingefahrenen Strukturen zu haben.

Trotz Home-Office-Möglichkeit hätten vor Corona viele der mehrheitlich jungen Kollegen zumeist vor Ort gearbeitet, manche an einem Wochentag von zu Hause. Im Pandemie-Modus lautet derweil die Devise: "Alles, was man von zu Hause aus erledigen kann, daheim erledigen" - zum Beispiel die Laborvorbereitung. "Das ist natürlich etwas umständlicher", sagt Hahne. Er selbst sei zuletzt wieder viel im Büro gewesen, seit seine Kinder wieder in die Schule gehen dürfen. Auch wegen der besseren Infrastruktur. "Ich wohne in Kranzberg, die Internetverbindung bei uns in der Straße ist so schlecht, dass die Telekom uns gar keinen Vertrag anbieten will."

Probleme mit der Netzanbindung kennt auch der Webdesigner Rudolf Fiedler. Vor anderthalb Jahren hat er sich in Fahrenzhausen im Home-Office eingerichtet, davor in einem Münchner Büro gearbeitet. Gezwungenermaßen, denn: "Die DSL-Leitung in Fahrenzhausen war vor ein paar Jahren noch fürchterlich. Da ist in meinem Ortsteil die Leitung zusammengebrochen, wenn es mal ein bisschen geregnet hat."

Fiedler erkennt ein wachsendes Bewusstsein für die Vorteile des Home-Office. "Langsam merken viele: Das ist gut so, da muss ich nicht Hunderte Kilometer durch die Gegend fahren. Das hat, glaube ich, auch einen nachhaltigen Effekt." Dennoch, der soziale Kontakt sei unabdingbar. Darum gebe es trotz weiterhin geltender Einschränkungen im kleinen Kreis wieder Besprechungen - im Freien. Für die Umsetzung kehren alle zurück ins Home-Office.

Den öffentlichen Dienst hat das Home-Office überrumpelt

Überrumpelt hat der kurzfristig notwendige Umstieg aufs Home-Office vielerorts den öffentlichen Dienst. Bei der Stadt Freising mit ihren rund 800 Mitarbeitern gab es Home-Office vor der Pandemie "nur ausnahmsweise und auf Antrag in Einzelfällen", teilt die Pressestelle mit. Während der Krise wiederum sei dieser Arbeitsmodus "ausdrücklich erwünscht" gewesen. Dass unter Rückgriff auf Laptop-Bestände der zeitweise geschlossenen Schulen und durch einen "effizienten Arbeitseinsatz der IT" relativ zügig der Umstieg gelungen sei, sei eine wichtige Lernerfahrung. "Die Home-Office-Erfahrungen haben Vor- wie Nachteile des Arbeitens von zu Hause gezeigt und damit sicherlich den Weg zu einem letztlich viel unvoreingenommeneren, bereits praxiserprobten Umgang mit der Thematik erwirkt."

Es gelte nun, zu prüfen, inwieweit im individuellen Fall der Dienstalltag Home-Office zulasse. Grundsätzlich sehe man darin viele Chancen: wegfallende Wegezeiten und weniger Verkehrsaufkommen, einen effizienteren Nutzen von Büroflächen. Trotz allem müsse eine Verwaltung als Dienstleister den Bürgern immer die Möglichkeit zum persönlichen Austausch bieten. Es gebe zudem viele Arbeitsfelder - im Bürgerbüro oder dem Bauhof, in der Verkehrsüberwachung oder Stadtgärtnerei -, die grundsätzlich Anwesenheit erforderten.

In seinem Büro in Freising verweist auch Architekt Reinhard Fiedler darauf, dass Home-Office nicht in jeder Bauphase möglich sei. "Aber da, wo es sinnvoll ist, werden wir das in Zukunft ermöglichen. Wir wissen ja jetzt, wie es geht. Wir sind gerüstet."

© SZ vom 03.07.2020/nta
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