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Schärfere Regeln:Unsichere Zukunft für Heilpraktiker

Homöopathische Präparate

Homöopathische Präparate (Symbolbild)

(Foto: dpa)

Die Bundesregierung hat ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Ziel sind Veränderungen bei der Qualifikation, bis hin zur möglichen Abschaffung. Betroffene in Freising sehen das als "Hetzjagd", räumen aber Reformbedarf ein.

Die Bundesregierung lässt derzeit schärfere Regeln für Heilpraktiker prüfen, unter anderem die Option, den Beruf abzuschaffen. Dazu hat das Gesundheitsministerium ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Rund die Hälfte der bundesweit tätigen Heilpraktiker kommt aus Bayern, wie Daten des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und des Statistischen Bundesamts zeigen. Im Landkreis Freising gibt es insgesamt 388 Heilpraktiker gegenüber knapp 300 niedergelassenen Ärzten, teilt das Landratsamt mit. Wie reagieren Vertreter beider Berufsgruppen auf den Vorstoß der Politik?

"Eine reine Hetzjagd" sei das, kritisiert Matthias Müller. Dem 59-Jährigen gehört eine Naturheilpraxis in Freising. "Uns wird ja oft vorgeworfen, wir hätten nur einen Wochenendkurs gemacht." Tatsächlich begründet die Bundesregierung das Gutachten mit der Sicherheit der Patienten. Denn bislang müssen Heilpraktiker keine einheitliche Ausbildung absolvieren. Matthias Müller verweist allerdings auf die gängigen Heilpraktiker-Schulen. Die bekämen von den Berufsverbänden Konzepte an die Hand. "Es gibt da schon schlüssige Konzepte, zum Beispiel in der Homöopathie. Da halten sich auch die meisten dran."

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Schon jetzt werden Prüfungen an Heilpraktiker-Schulen schwerer, die Durchfallquoten steigen

Christian Neumeir leitet seit nunmehr zehn Jahren eine solche Schule in Freising. Er sei aber "kein typischer Heilpraktiker", arbeite nicht mit Homöopathie und verteufele auch nicht Antibiotika, betont der 50-Jährige. Auch Neumeir sieht im Vorgehen der Bundesregierung eine "Hexenjagd". Der häufig geäußerte Vorwurf, man verwende fahrlässige Behandlungsmethoden, gehe auf "Einzelfälle" zurück. "Klar gibt es schwarze Schafe unter Heilpraktikern, die gibt's bei den Ärzten aber genauso. Wenn eine Reform die aus dem Verkehr zieht, finde ich das gut."

Eine Reform der Ausbildung von Heilpraktikern begrüßt auch Neumeir: Es brauche verbindliche Vorgaben. "Da ist es wünschenswert, wenn das einheitlich geregelt wäre", sagt er. Da das momentan aber nicht so sei, werde seitens der Heilpraktiker-Schulen der Prüfungsanspruch zunehmend höher gesetzt, um Standards sicherzustellen - was teilweise zu hohen Durchfallquoten führe.

Die Zahl der Heilpraktiker im Landkreis hat sich ungeachtet dessen mehr als verdoppelt: von 157 im Jahr 2004 auf zuletzt fast 400. Und: Es sind deutlich mehr Heilpraktiker als Ärzte gemeldet.

Schulmediziner wie Rainer Pfefferle ärgert das. Der 56-Jährige betreibt in Freising eine Arztpraxis. "Oft wenden sich Menschen mit chronischen Krankheiten an Heilpraktiker und bekommen einen Mist versprochen", sagt er. Pfefferle sieht die zunehmende Zahl an Heilpraktikern als Teil eines Trends, "dass bestimmte medizinische Bereiche nicht mehr von Ärzten wahrgenommen werden sollen". Er verweist auf den relativ neuen Beruf des Notfallsanitäters, der auf Basis einer Grundausbildung Aufgaben eines Notarztes übernimmt. "Ich halte davon nichts", sagt Pfefferle, der bis vor einem Jahr als Notarzt tätig war.

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Voraussetzungen für den Beruf: 25 Jahre, Hauptschulabschluss, ungefährlich

Wer als Heilpraktiker arbeiten will und keine ärztliche Ausbildung durchlaufen hat, muss beim zuständigen Landratsamt eine Erlaubnis beantragen und sich einer Prüfung unterziehen. Dort werden unter anderem grundlegende medizinische Kenntnisse abgefragt. So sieht es die Durchführungsverordnung des Heilpraktikergesetzes vor. "Sinn dieser Prüfung ist es, festzustellen, dass die Gesundheit des Patienten keinen Schaden nimmt", sagt Pfefferle. Er habe selbst einer solchen Prüfung beigewohnt: "Da hatten viele keine Ahnung, um was es da geht."

Die Gesetzesgrundlage, besagtes Heilpraktikergesetz, stammt aus dem Jahr 1939 und wurde weitgehend ins Grundgesetz übernommen. Heilpraktiker müssen danach 25 Jahre alt und deutscher Staatsbürger sein sowie einen Hauptschulabschluss haben. "Die Ausbildung ist völlig frei, das können die sich aussuchen", kritisiert Pfefferle. "Das ist heikel." Viele Heilpraktiker haben im schulmedizinischen Umfeld angefangen: Matthias Müller etwa als Krankenpfleger auf der Intensivstation und in der Anästhesie, Christian Neumeir ehrenamtlich im Rettungsdienst. Ein Medizinstudium hat keiner von beiden absolviert. Komplett verteufeln will Pfefferle die Kollegen deswegen nicht, alternative Heilmethoden könnten ja im Alltag durchaus wirksam sein. Es gelte der Grundsatz: "Wer heilt, hat recht." Und es gebe ja in der Bevölkerung "ein großes Bedürfnis nach alternativen Heilformen", räumt er ein. "Was die machen, ist okay, solange sie keine Sch... bauen."

Auch der Mediziner Rainer Pfefferle sieht in dem angestrebten Rechtsgutachten der Bundesregierung eine Chance. "Was dabei herauskommt, wird sicherlich nicht uninteressant sein." Hinter dem Argument der Patientensicherheit vermutet allerdings auch er ein anderes Ziel: "Wir räumen jetzt mal ein bisschen auf."

© SZ vom 03.01.2020
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