Welcher ihr Lieblingstee ist? „Holundertee“, antwortet Ingrid Kaiser sofort. „Holundertee tut Wunder: So heißt es. Und es ist tatsächlich so.“ Daneben auch Lindenblütentee. Der sei nicht nur ein Wohltäter für die Schleimhäute, sondern schmecke auch noch gut, berichtet Freisings Apothekensprecherin. Beide seien während der Erkältungszeit sehr gefragt.
„Natur hat Konjunktur“, sagt Kaiser. In ihrer Apotheke gibt es etwa 30 verschiedene Sorten Tee, auf Nachfrage stellt sie für ihre Kunden gewünschte Mischungen zusammen – je nach Indikation. Bei Magenbeschwerden beispielsweise Schafgarbe gemischt mit Kamille oder Pfefferminze. Tee sei eine schöne Therapieform, er sei aber nicht nur zum Trinken da, erklärt Kaiser. „Tees können vielfältig eingesetzt werden. Äußerlich angewendet, verdünnt oder unverdünnt, ungesüßt zum Gurgeln, oder Spülen von Wunden oder kleineren Verletzungen“, sagt Kaiser. Bei Verletzungen eignet sich beispielsweise Ringelblumentee.

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Heilpflanzen seien effektiv und sehr wirksam – aber die sanften Pflanzen stoßen auch an ihre Grenzen, betont die Apothekerin. „Bei Krebserkrankungen oder Corona helfen sie nicht.“ Viele Menschen glaubten, dass Heilpflanzen keine Nebenwirkungen haben, aber das sei nicht so. „Sie enthalten zum Teil sogar extrem starke Gifte“, erklärt Kaiser. Nur weil etwas pflanzlich oder natürlich sei, sei es nicht frei von Nebenwirkungen. „Viele Pflanzen können in bestimmten Dosen heilen, in anderen Dosen hingegen großen Schaden anrichten.“
Auch sei nicht jede für jeden geeignet: So könne Pfefferminze bei kleinen Kindern Krämpfe auslösen. „Man sollte also nicht bei Doktor Google fragen, sondern in der Apotheke, bevor man sich etwas kauft“, betont Kaiser. Nicht alle Wirkungen von Heilpflanzen sind wissenschaftlich belegt. Erst wenn eine Pflanze den naturwissenschaftlichen Bewertungsmaßstäben des Europäischen Arzneibuchs entspricht, also die Wirksamkeit anhand von Studien nachgewiesen ist, spricht man von einer Arzneipflanze.
Die Nutzung von Heilpflanzen habe bereits eine jahrtausendealte Tradition, sagt Kaiser. Das älteste dokumentierte Schriftstück wurde im alten Ägypten im 16. Jahrhundert vor Christus verfasst. Im „Papyrus Ebers“ finden sich Beschreibungen von Krankheiten und Behandlungsmöglichkeiten. In Europa wurde die Wirkung der sanften Pflanzen im Mittelalter systematisch erfasst. Mönche und Nonnen katalogisierten Heilpflanzen und bauten sie in ihren Klostergärten an. „Später rückte die moderne Medizin mit chemisch hergestellten Medikamenten in den Vordergrund. Damals ging Wissen um die Wirkung der Heilpflanzen wieder verloren“, berichtet Kaiser.

Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine Renaissance – und heute enthalten viele Medikamente wieder natürliche Inhaltsstoffe statt chemisch produzierter Substanzen. „Und das wollen viele Menschen, die Nachfrage ist groß“, sagt Kaiser. Etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung nutzten Heilpflanzen, insbesondere dort, wo chemische Produkte selten sind.
Ingrid Kaiser fand schon während ihres Pharmaziestudiums das Fach Pflanzenkunde „sehr schön“. Intensiver damit befasst hat sie sich aber erst seit 1989. Damals wurde in Freising der Weihenstephaner Apothekergarten als Teil des Oberdieckgartens angelegt, der viele Heilpflanzen, aufgeteilt nach Indikationsgebieten, zeigt. Der Professor, der diesen initiiert hatte, fragte sie, ob sie die Führungen durch den Apothekergarten übernehmen wolle. „Ich fand das sehr faszinierend und sagte zu – auch weil es mir wichtig ist, dass das Wissen um die Heilpflanzen nicht verloren geht“, so Kaiser. Es gibt nun mehrere Führungen im Jahr. „Die Resonanz ist sehr gut, manche der Besucher kommen jedes Jahr wieder“, sagt Ingrid Kaiser.

