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Freising:Hebammen in Not

Hebamme mit Säugling

Immer weniger Frauen wollen den Beruf der Hebamme erlernen. Das hat Konsequenzen für die werdenden Mütter.

(Foto: dpa)

Die Beiträge für die Haftpflichtversicherung steigen immer weiter. Viele sehen ihre Existenz gefährdet

Die immer weiter steigenden Beiträge zur Haftpflichtversicherung bedrohen zunehmend die Existenz der selbständigen Hebammen. Immer mehr resignieren und geben ihren Beruf auf - auch im Landkreis Freising. Eine ihrer Kolleginnen beispielsweise arbeite nun wieder fest angestellt in ihrem früheren Beruf als Erzieherin, als Hebamme nur noch nebenberuflich, erzählt Evi Altenbeck. Sie ist Hebamme in Moosburg und wie die allermeisten in Bayern - nämlich 80 Prozent - ist sie selbständig. Wie viele andere Hebammen ist Evi Altenbeck bereits vor fünf Jahren aus der Geburtshilfe, wo die Prämien exorbitant erhöht wurden, ausgestiegen.

Seitdem steigen die Versicherungsbeiträge kontinuierlich weiter an: Am 1. Juli folgte wiederum eine Erhöhung von 6274 auf 6843 Euro im Jahr, 2017 soll sie laut Deutschen Hebammenverbandes (DHV) auf 7639 Euro anwachsen. 2003 waren es noch knapp 500 Euro gewesen.

Derzeit arbeiten noch etwa 28 Hebammen im Landkreis Freising. Darunter 19, die vor allem Vor- und Nachsorge, also Wochenbettbesuche, anbieten. "Viele haben kleine Kinder und arbeiten nur wenig, manche nehmen nur wenige Frauen an, weil sie zusätzlich in der Geburtshilfe tätig sind", schildert Annette Fußeder, Hebamme und Leiterin der Elternschule in Freising. Von einer Unterversorgung im Landkreis will sie aber noch nicht sprechen. Auch, wenn in den beiden vergangenen Jahren mehr Kinder geboren wurden, könnten werdende Mütter und solche im Wochenbett derzeit "weitgehend" von einer Hebamme betreut werden. Aber die Arbeitsbelastung steigt: "Viele Kolleginnen stöhnen schon."

Gerade bei den selbständigen Hebammen im Bereich der Hausgeburten oder im Geburtshaus sei die Versicherungsprämie extrem hoch, erklärt Annette Fußeder. "Das geht dann nur noch im Team. Oder man arbeitet in der Geburtshilfe in Kliniken, die meisten unterstützen ihre Hebammen." Dennoch müsse man sehr viel arbeiten, um sich die hohe Versicherungsprämie überhaupt noch leisten zu können. Allein von der Prämie ab Juli müssten freiberufliche Hebammen mindestens 1954 Euro selbst stemmen - trotz des mit den Kassen ausgehandelten Sicherstellungszuschlags, nach dem diese einen Teil des Geldes wieder zurückbekommen sollen. Den nach langem Streit erzielten Ausgleich bewertet der Hebammenverband allerdings nur als Tropfen auf dem heißen Stein. Viele würden sich deshalb auch aus der Geburtshilfe zurückziehen - und nur noch in der Vor- und Nachsorge arbeiten. Wie die Moosburgerin Evi Altenbeck. Dennoch werde es auch für sie zunehmend schwieriger, über die Runden zu kommen. "So hart war es noch nie", meint Altenbeck. Es bräuchte eine gerechte Finanzierungspolitik, gerade die Gebühren, die freiberufliche Hebammen für die Betreuung im Wochenbett bekämen, seien "eine Frechheit". Und Annette Fußeder, die in der Vor- und Nachsorge tätig ist, erzählt von einem jungen Paar, dessen Krankenkasse die Versorgung im Wochenbett durch eine Hebamme nur dann übernimmt, wenn der Fall pathologisch ist - also bei einer Krankheit, wie einer Brustentzündung der Mutter. Die Begleitung nach der Geburt, die für Fußeder "unglaublich wichtige Beratung", beispielsweise beim Stillen, aber werde nicht bezahlt. Das sei zwar derzeit noch ein Ausnahmefall, aber: "Das macht mich wütend." Der Hebammenmangel habe noch ganz andere Konsequenzen: Immer mehr Kreißsäle müssten schließen. Das unterstütze die Tendenz hin zu großen Zentren mit immer größeren Abteilungen und immer weiteren Anfahrtswegen. "Dass aber die wichtigste Voraussetzung für eine gut verlaufende Geburt eine Eins-zu-Eins-Betreuung durch eine Hebamme wäre, wird dabei nicht gesehen und anerkannt", sagt sie.

© SZ vom 12.07.2016

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