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Landwirtschaft  in der Krise:Der Hopfen braucht Kletterhilfe

Hopfen

In den Hopfengärten müssen in den kommenden ein, zwei Wochen die Drähte angebracht und im Boden verankert werden. Das geht nur von Hand.

(Foto: Lukas Barth)

Die Hallertauer Betriebe benötigen dringend Saisonarbeitskräfte, doch die werden teilweise an den Grenzen abgewiesen. Auch zahlreiche Gemüsebauern im Landkreis warten auf Unterstützung.

"Es ist eine verrückte Situation", sagt Otmar Weingarten, Geschäftsführer des Hopfenpflanzerverbands Hallertau. Die Betriebe benötigen dringend Saisonarbeitskräfte, doch die würden teilweise an den Grenzen abgewiesen. Auch zahlreiche Gemüsebauern im südlichen Landkreis warten auf Unterstützung. Der Bayerische Bauernverband (BBV) und der Hopfenpflanzerverband sind in engem Kontakt mit der Politik. "Aber uns läuft die Zeit davon", sagt Weingarten.

In den Hopfengärten müssen in den kommenden ein, zwei Wochen die Drähte angebracht und im Boden verankert werden. Das geht nur von Hand. Pro Betrieb würden dafür in der Regel vier bis fünf Saisonarbeiter benötigt, schildert BBV-Kreisgeschäftsführer Gerhard Stock. Allein im nördlichen Landkreis Freising seien das 400 bis 500 Helfer. Ende April, Anfang Mai seien es für das Anleiten der Pflanzen etwa doppelt so viele. Dann müssen die Pflanzen an den Draht gedreht werden, damit sie nach oben klettern. Bleiben die Helfer aus, "haben wir keinen Hopfen", fasst Weingarten kurz und knapp zusammen.

Die Familien alleine könnten die Arbeit nicht schaffen

Viele Höfe sind laut Stock zuletzt gewachsen, sie bewirtschaften im Durchschnitt eine Fläche von 20 Hektar. Familie Stanglmair in Reichertshausen arbeitet seit etwa 25 Jahren mit dem gleichen Team aus Polen zusammen. "Das sind unwahrscheinlich gute Leute", erzählt Barbara Stanglmair. Aber so wie es aussieht, dürften sie heuer nicht kommen. Es sei aber gelungen, einige Helfer aus Rumänien zu gewinnen. Sie werden gerade auf dem Hof erwartet. Die Familien alleine könnten die Arbeit nicht schaffen. "Man kann doch nicht zusehen, dass alles verrottet", sagt Barbara Stanglmair. Sie versuche, positiv zu bleiben und hoffe, dass eine Lösung gefunden wird. Alle müssten jetzt zusammenhelfen und bei freien Kapazitäten den Kollegen helfen.

Josef Fischbeck, der in Hallbergmoos Gemüse anbaut und direkt vermarktet, kann am Telefon zwar noch lachen, aber es ist wohl eher ein gewisser Fatalismus. Denn er sei eigentlich ziemlich angespannt, berichtet er. Normalerweise sind auf seinem Betrieb von Mitte März bis in den Herbst hinein zwei Saisonarbeiter beschäftigt. Derzeit fange er den zusätzlichen Arbeitsaufwand mit der Familie auf. "Ich habe aber keine Ahnung, wie lange wir noch durchhalten." Dabei boome das Geschäft im Hofladen und auf dem Markt, berichtet Fischbeck - gerade wegen der Coronakrise.

Der Hopfenpflanzerverband sucht nach alternativen Lösungen

"Es muss eine Lösung kommen", betont Gerhard Stock, der BBV sei hier "intensiv dran", die Gespräche liefen auf höchsten Ebenen. "Ich denke, wir sind auf einem guten Weg." Bei der eigenen Versorgung mit Nahrungsmitteln sei die Region gut aufgestellt, ohne Saisonarbeitskräfte aber sei das alles nicht zu bewerkstelligen. Auch viele der osteuropäischen Saisonarbeitskräfte seien auf die Einnahmen im Deutschland angewiesen. Allerdings wollen in diesem Jahr nicht alle nach Bayern kommen. Einige befürchteten, dass sie nach ihrer Rückkehr in die Heimat zwei Wochen in Quarantäne müssen, schildert Otmar Weingarten.

Der Hopfenpflanzerverband geht deshalb bei der Suche nach Lösungen auch ungewöhnliche Wege. "Wir haben uns schon an die Fachschaften der Universitäten gerichtet." Die seien derzeit ja geschlossen. Die Arbeiten seien gut erlernbar. Auch an andere Interessenten appelliert Weingarten, sich beim Verband zu melden. Möglich ist dies per Telefon (0 84 42/957-210 oder -226) oder per E-Mail (info@deutscher-hopfen.de). Der Maschinenring Ilmtal vermittelt ebenfalls Helfer (Telefon 0 84 41/78 83 30, E-Mail mr.ilmtal@maschinenringe.de). Der Appell steht unter der Überschrift "Rettet das Bier". Auch andere Optionen prüfen die Verbände, beispielsweise ob die landwirtschaftlichen Helfer eingeflogen werden könnten. Die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt fordert unterdessen, Saisonbeschäftigte vor Infektionen zu schützen, ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen sei die Arbeit nicht zumutbar.

© SZ vom 19.03.2020/fpol
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