Früher Nachmittag in der „Q-Bar“ in Freising. Zwei ältere Frauen sitzen an einem der kleinen Tische: Die eine trinkt Kaffee, die andere eine Limonade. Ob sie auch mal Alkohol trinken? Ab und an einmal ein Glas Wein beim Weggehen, das war es dann aber auch schon, antwortet die eine. „Alkohol war bei mir aber nie großes Thema.“ Ihre Freundin erzählt, dass sie seit etwa einem Jahr nur noch alkoholfreies Bier trinkt, „aus Gründen der Vernunft.“
Der Alkoholkonsum in Deutschland geht zurück, das belegen die Zahlen. Und das nicht nur im Dry January. Alkoholfreies Bier boomt, statt Cocktails werden Mocktails bestellt. „Vor allem tagsüber wird weniger Alkohol getrunken“, sagt Franziska Fischer von der „Q-Bar“. Dort stehen ein alkoholfreies Helles und Weißbier auf der Karte, außerdem vier Mocktails. „Die werden zwar auch gerne getrunken, am besten läuft bei uns aber das alkoholfreie Helle“, sagt Fischer.
In der Bar „La Cueva“ ist das Angebot deutlich größer: Allein 24 Cocktails finden sich auf der Getränkekarte. „Von fast jedem bieten wir die alkoholfreie Version an“, sagt Luis, der Barkeeper an diesem Abend. Und die Mocktails seien durchaus gefragt. Gerade die Klassiker, der Mojito oder Piña Colada ohne Alkohol, laufen gut. „In meiner Wahrnehmung sind es vor allem die jüngeren Frauen, die lieber alkoholfrei trinken“, berichtet Luis Gronau. Seit etwa eineinhalb Jahren sei das ein deutlicher Trend, immer mehr Gäste – nicht nur junge Frauen – verzichteten auf Alkohol. „Ich schätze, dass inzwischen bis zu 25 Prozent der bestellten Getränke alkoholfrei sind.“
Auf dem Freisinger „Nährberg“ in Weihenstephan wird seit 1040 Bier gebraut, hier findet sich die älteste Brauerei der Welt. Kein Wunder, dass viele Touristen und Einheimische das benachbarte „Bräustüberl Weihenstephan“ wegen des Biers besuchen. „Helles oder Weißbier sind bei unseren Gästen besonders beliebt“, sagt Magdalena Richter, die seit vielen Jahren hier arbeitet. „Zuletzt lief auch das alkoholfreie Weißbier richtig gut, bei jeder Bestellung ist inzwischen eins dabei.“ Aber nicht nur beim Bier, grundsätzlich werde weniger Alkohol konsumiert. „Vor allem im Winter – in der Biergartensaison schaut es etwas anders aus“, schildert Richter.


Auf der Karte des Restaurants finden sich inzwischen einige Getränke ohne Promille, neben dem alkoholfreien Bier ein Sekt, ein Weißwein und ein Aperitif. „Rosenzauberspritz“ heißt dieser, gemixt wird er aus Tonic Water und Apfelcider, dazu kommen Beeren und Minze. „Der wird übrigens sogar häufiger bestellt als die alkoholhaltigen Aperitifs“, sagt Richter.
Auch in der „Hansi Bar“ gibt es im Vergleich zu früher mehr Gäste, die keinen Alkohol bestellen, berichtet der stellvertretende Geschäftsführer Jonas Niedermeier. „Das ist aber noch eine deutliche Minderheit“, betont er. „Wir sind da auch noch nicht so breit aufgestellt.“ Im Gesamtumsatz spielten Mocktails und Co. noch kaum eine Rolle. Die Stammgäste ab 35 Jahren würden vor allem Bier und Wein bestellen, beliebt sei auch nach wie vor der Aperol Spritz. Nach Varianten ohne Alkohol werde kaum gefragt – wenn, dann werde sehr häufig das alkoholfreie „Augustiner“ bestellt. „Auffällig ist, dass vor allem die Jüngeren seltener Alkohol trinken – aber wenn, dann bewusst und qualitativ hochwertig.“
Dass vor allem die Generation Z weniger Alkohol trinkt, bestätigt Bärbel Würdinger, Leiterin der Freisinger Suchtberatungsstelle Prop. „Viele junge Menschen sind körperbewusst, wollen fit bleiben und gesund leben. Die feiern auch schon mal ganz ohne Alkohol.“ Laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sind die Zahlen tatsächlich stark rückläufig: Der Anteil der männlichen Konsumenten zwischen 18 und 25 Jahren, die regelmäßig Alkohol trinken, lag 2023 bei 38,8 Prozent, in den Siebzigerjahren waren es noch 84,6 Prozent gewesen. „Alkohol ist aber nach wie vor die Droge Nummer eins in Deutschland. Wie schädlich er ist, wird aber oft nicht wahrgenommen“, sagt Würdinger.


Der Grenzwert für ein geringes Risiko liegt laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen bei 20 Gramm Alkohol pro Woche für Männer, für Frauen bei zehn Gramm: „20 Gramm sind gerade einmal eine Halbe Bier pro Woche“, sagt Würdinger. „Die allermeisten, die Alkohol trinken, konsumieren aber deutlich mehr – und zwar ohne Risikobewusstsein.“ Dass diejenigen, die keinen Alkohol trinken möchten, in der Gastro mittlerweile schon oft ein breit gefächertes Angebot an nichtalkoholischen Getränken finden, sei sehr positiv: „Das erleichtert die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Immer nur Wasser, Apfelschorle oder alkoholfreies Bier sind auf Dauer langweilig.“
Auch zu Hause wird inzwischen weniger Alkohol getrunken. „Und das nicht nur im Januar“, sagt Michaela Gißibl, Storemanagerin der Wein- und Spirituosen-Handlung „weinundbar“. „Das ist definitiv ein Trend.“ Immer mehr Kunden fragten nach alkoholfreien Alternativen. „Viele überzeugen schon und schmecken wirklich gut. Der Sekt gehört beispielsweise dazu“, sagt Gißibl. Weine dagegen seien derzeit im Laden nicht so viele im Angebot, die seien geschmacklich noch nicht ausgereift. „Einen wirklich guten alkoholfreien Rotwein haben wir bislang noch nicht gefunden. Und einen, der nach Kirschsaft schmeckt, können wir nicht empfehlen.“
Daneben werden alkoholfreier Gin, Rum, Whiskey, Perlwein, Wermut, Aperitif und Bier angeboten. Besonders beliebt seien die Schaumweine, die verkauften sich sehr gut, sagt Gißibl. Doch trotz des Trends seien die alkoholfreien Alternativen noch ein Nischenthema. „Sie machen geschätzt unter fünf Prozent unseres Gesamtumsatzes aus.“

