Süddeutsche Zeitung

Pantaleonsberg in Kranzberg:Unterirdische Geheimnisse

Der Kranzberger Pantaleonsberg birgt viele Geschichten. Eine ist die von dem Stollen, der am Ende des Zweiten Weltkriegs noch in den Berg geschlagen wurde. Dort sollen die Menschen Schutz gesucht haben.

Kranzberg ist historisch gesehen einer der spannendsten Orte im Landkreis Freising. Die Chronik, an der ein Team um Ortsarchivar Alfons Berger derzeit arbeitet, wird das wieder zeigen. Die Wiege war wohl der markante Pantaleonsberg am südlichen Ortseingang. Hier stand im frühen Mittelalter eine Burg, erbaut um 1200 vom Ministerialengeschlecht der "Chranichsberg". Besiedelt war der 30 Meter hohe Buckel aber wohl schon früher, wie die vielen Funde vermuten lassen.

Die historischen Schriften belegen, dass die Burg im 15. Jahrhundert zerstört wurde, Sigfrid III. von Fraunberg war gegen das Bistum Freising gezogen. Endgültig niedergebrannt wurde sie dann am Christi Himmelfahrts-Tag des Jahres 1632 während des Dreißigjährigen Kriegs, als 50 schwedische Reiter anrückten. 1660 haben Kranzberger Bauern aus der Burgruine 460 000 Ziegelsteine nach München gefahren, für den Bau des Marstalls der Residenz. Trotzdem blieb der Pantaleonsberg über Jahrhunderte, ab Mitte des 13. Jahrhunderts bis Mitte des 19. Jahrhunderts stets auch Amtssitz eines Landgerichts, erst herzoglich, später königlich. Und noch später wurde auf dem Berg ein Heim für die Hitlerjugend gebaut. Heute ist in dem Gebäude das Kranzberger Kulturzentrum, samt einem kleinen Bronzezeit-Museum untergebracht.

Ende des Zweiten Weltkriegs wurde ein Stollen in den Berg geschlagen, der als Luftschutzbunker dienen sollte

Der Pantaleonsberg selbst, weiß Alfons Berger, 75, birgt aber noch weitere Geschichten. Eine ist die von dem Stollen, der am Ende des Zweiten Weltkriegs noch in den Berg geschlagen wurde. Darin sollte auf Anweisung der Kreisverwaltung ein Luftschutzbunker für die Bevölkerung entstehen. "Es gibt Zeitzeugen, die sagen, sie waren bei Fliegeralarm da drin. Aber da muss man vorsichtig sein, die Leute waren damals Kinder", so Berger. Tatsächlich gab es Eingänge auf der West- und Ostseite des Berges. Berger weiß, wo sie liegen, doch zu sehen sind sie nicht mehr, längst verschüttet und bewachsen. Er vermutet, dass auf beiden Seiten ungefähr zehn Meter tief in den Berg gegraben wurde, weiter nicht. "Es war Winter und im Berg sind immer wieder Felsen, das dürfte schwer gewesen sein", sagt er.

Was er im Gemeindearchiv aber noch hat, sind die Pläne des Reichsluftschutzbunds Freising-Erding, auf rosa Papier gezeichnet, auch ein maßstabsgetreuer Querschnitt des Pantaleonsberges, Angaben zur Bauweise des Tunnels. Über 80 Meter lang war er geplant, quer durch den Berg, 200 Menschen sollten hier Schutz finden. Fertig geworden, das ist sicher, ist der Bunker aber nie. Das, was nicht wenige Zeitgenossen für den alten, inzwischen verschütteten Eingang halten, ist jedenfalls kein Eingang. Denn das kleine Häuschen auf der Westseite ist der Rest einer Pumpstation, die Wasser auf den Berg pumpte. Alfons Berger schätzt, die Anlage stammt aus den 1930er- oder 1940er-Jahren. Einen öffentlichen Weg hierher gibt es nicht, weiß Berger, "der hintere Teil ist in Privatbesitz".

Im kleinen Heimatmuseum im Alten Schulhaus auf dem Kirchberg gegenüber hat Alfons Berger Relikte, Gemälde und Fotos aus der reichen Kranzberger Geschichte gesammelt, vom versteinerten Elefantenzahn aus einer Sandgrube bei Bernstorf über Schmuck und Pferdegeschirr aus der Eisenzeit bis zur Lieferliste für die Landshuter Hochzeit 1475. Weil Kranzberg zum Herzogtum Bayern-Landshut gehörte, mussten 400 Hennen, 300 Gänse, 6600 Eier und 700 Lämmer und Ferkel gebracht werden. Reste der Burg hat Berger auch im Angebot, Keramikscherben und Kachelofenteile, deren Muster denen der Öfen auf Burg Trausnitz in Landshut gleichen. Zu sehen ist die Ausstellung auf Anfrage, wenn man dann wieder darf.

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SZ vom 01.04.2020/lada
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