Es war kein Tag der großen Redner und dennoch eine der großen Reden, als an diesem Donnerstag, 8. Mai, auf dem Freisinger Marienplatz an das Kriegsende und die Befreiung Deutschlands von der nationalsozialistischen Terrorherrschaft vor genau 80 Jahren erinnert wurde. Die zahlreichen Vortragenden hatten weitgehend auf eigene Beiträge verzichtet und stattdessen Reden, Zitate und Liedtexte zu den Schrecken des Krieges ausgewählt, die schon vor Jahrzehnten entstanden und noch heute von erschreckender Aktualität sind.
Das gilt vor allem für die berühmte Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, die dieser vor genau 40 Jahren zum Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs in Europa gehalten hatte. Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher zitierte daraus in Auszügen. Auch die Passage, in der Weizsäcker die geschichtlichen Hintergründe für das Unheil in den Jahren 1939 bis 1945 eingeordnet hatte.

„Großen, ja bestimmenden Einfluss hatten die Europäer in der Welt, aber ihr Zusammenleben auf dem eigenen Kontinent zu ordnen, das vermochten sie immer schlechter. Über hundert Jahre lang hatte Europa unter dem Zusammenprall nationalistischer Übersteigerungen gelitten. Am Ende des Ersten Weltkrieges war es zu Friedensverträgen gekommen. Aber ihnen hatte die Kraft gefehlt, Frieden zu stiften. Erneut waren nationalistische Leidenschaften aufgeflammt und hatten sich mit sozialen Notlagen verknüpft.Auf dem Weg ins Unheil wurde Hitler die treibende Kraft. Er erzeugte und er nutzte Massenwahn. Eine schwache Demokratie war unfähig, ihm Einhalt zu gebieten. Und die europäischen Westmächte, nach Churchills Urteil ‚arglos, nicht schuldlos‘, trugen durch Schwäche zur verhängnisvollen Entwicklung bei. Amerika hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg wieder zurückgezogen und war in den Dreißigerjahren ohne Einfluss auf Europa.“
Das erinnert in erschreckender Weise an die fragilen politischen Zustände in der Welt, wie sie gerade jetzt herrschen. Auch folgende Mahnung Weizsäckers, die Eschenbacher vortrug, macht einen angesichts der aktuellen Umstände sehr nachdenklich: „Es gibt keine endgültig errungene moralische Vollkommenheit – für niemanden und kein Land! Wir haben als Menschen gelernt, wir bleiben als Menschen gefährdet. Aber wir haben die Kraft, Gefährdungen immer von Neuem zu überwinden.Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren. Die Bitte an die jungen Menschen lautet:Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hassgegen andere Menschen. . .“
Es gab spontanen Applaus von dem doch eher kleinen Kreis der Zuhörenden an diesem Tag. Fast so, als habe Weizsäcker diese Worte auf dem Freisinger Marienplatz persönlich gesprochen, während oben auf dem Turm der Stadtpfarrkirche St. Georg zwei weiße Fahnen gehisst wurden. Wie schon am 29. April 1949, als der Freisinger Hotelier Carl Dettenhofer, Konditor Kraml und der Bäcker Pfaller den letzten Nazi-Bürgermeister der Stadt sowie den SS-Kommandanten erst mit Nachdruck überzeugen mussten, sich den vorrückenden Amerikanern kampflos zu ergeben.
Der Grünen-Landtagsabgeordnete Johannes Becher war der Initiator dieser Gedenkveranstaltung auf dem Marienplatz. Die Veranstaltung solle an diesen bedeutsamen Tag erinnern und zugleich zum Nachdenken über die Gegenwart anregen, so seine Absicht. Denn „der 8. Mai 1945 markiert nicht nur das Ende eines verheerenden Krieges, sondern auch den Beginn einer neuen Ära, die auf den Werten der Demokratie, der Menschenrechte und des friedlichen Zusammenlebens aufbaut“, erklärte Johannes Becher. Die Rednerliste war lang: Die Dekane Christian Weigl von der evangelischen und Daniel Reichel von der katholischen Kirche in Freising gehörten unter anderem dazu. Ebenso Otto Radlmeier vom Kreiskriegerverein, Freisings Geschichtsreferent Guido Hoyer, Stephan Griebel, Sprecher der Helferkreise für Flüchtlinge im Landkreis, oder Johannes Reicheneder von der Lebenshilfe Freising.

Die ausgewählten Texte waren allesamt berührend. Marina Freudenstein vom Kreisbildungswerk hatte eine der letzten Radioansprachen von Thomas Mann ausgewählt, die er von 1940 bis 1945 aus dem amerikanischen Exil heraus an die Bewohner Deutschlands richtete und ihnen dabei ins Gewissen redete. Und Ernst Fischer von Pax Christi fügte einen Liedtext von Konstantin Wecker dazu. Nämlich folgender aus dem Jahr 1993: „Wenn sie jetzt ganz unverhohlen wieder Nazi-Lieder johlen, über Juden Witze machen,über Menschenrechte lachen, wenn sie dann in lauten Tönensaufend ihrer Dummheit frönen, denn am Deutschen hinterm Tresen muss nun mal die Welt genesen, dann steh auf und misch dich ein: Sage nein!“


