SZ-Kulturpreis Tassilo:Wo der Cafébesuch kein Privileg ist

SZ-Kulturpreis Tassilo: Carolin Stanzl (links) und Cora Huhn-Kücükakyüz begrüßen ihre Gäste hinter der Theke.

Carolin Stanzl (links) und Cora Huhn-Kücükakyüz begrüßen ihre Gäste hinter der Theke.

(Foto: Marco Einfeldt)

Dafür hat die Stadt was übrig: Seit neuestem gibt es in Bayerns erstem Foodsharing-Café geretteten Kuchen und Kaffee für alle. Bezahlen tut jeder so viel, wie er mag. Das Konzept kommt an.

Von Pauline Held und Ella Rendtorff, Freising

Die Kaffeemaschine läuft gerade warm, als die ersten Besucher am Donnerstagnachmittag das Café Übrig in der Freisinger Innenstadt betreten. Selbstgeschreinerte Holzbänke, Vintage-Lampen, bunte Bilder an den Wänden und Blumen auf den Tischen laden zum Verweilen ein. An der Theke wartet frisch gebackener Apfelkuchen auf die Gäste. Das Besondere: Alle Zutaten sind vor der Mülltonne gerettet worden. Und das gilt nicht nur für den Kuchen, das ganze Café baut auf diesem Konzept auf. Hier wird angeboten, was andernorts verschmäht wird: Obst, Gemüse, Milchprodukte, Brot - eben das, was noch übrig ist. Es ist ein einzigartiger Ort, den der Verein Übrig in Freising geschaffen hat: Bayerns erstes Foodsharing-Café. Nach dem Motto "sharing is caring" kommt hier jeder auf seine Kosten, ohne etwas bezahlen zu müssen. Dafür ist der Verein jetzt für den Tassilo-Sozialpreis der Süddeutschen Zeitung nominiert.

Was als Zwischennutzungsprojekt begann, bekam vor knapp zwei Wochen einen festen Platz: Am 21. Januar eröffnete das Café Übrig an der General-von-Nagel-Straße. Carolin Stanzl und Cora Huhn-Kücükakyüz denken noch oft an den Abend, als die Idee einer Vereinsgründung beim gemeinsamen WG-Essen entstand. "Wir wollten einen Ort schaffen, an dem man sich über Lebensmittelverschwendung austauschen kann", erinnert sich Cora Huhn-Kücükakyüz. Zwei Jahre später stehen die beiden heute stolz hinter dem Tresen ihres ersten eigenen Cafés. Mittlerweile zählt ihr Verein 125 Mitglieder, die sich alle ehrenamtlich für mehr Nachhaltigkeit und gegen die Wegwerfkultur engagieren.

Die Tür geht auf, eine Studentin betritt das Café. Die Brille noch beschlagen von der Kälte, bestellt Nele Rutenberg zwei Stücke veganen Apfel- und Zwetschgenkuchen zum Mitnehmen. Sie ist heute zum ersten Mal hier, von Außen sei ihr der Schriftzug "Übrig" auf dem Schaufenster aber schon mehrmals aufgefallen. Als sie bezahlen will, klärt Carolin Stanzl auf: "Der Kuchen ist umsonst, hier kann jeder so viel geben, wie er möchte." Im Übrig wird der soziale Gedanke gelebt, Kaffee und Kuchen sollen hier kein Privileg sein. Auch deshalb steht der Verein im regen Austausch mit der Freisinger Tafel und der Caritas.

Die Konsumenten sollten mehr auf ihren Geruchs-und Geschmackssinn vertrauen

Es ist 16 Uhr, langsam füllt sich der kleine Raum. Auch der "Fairteiler", bestehend aus einem Regal und einem Kühlschrank in der Mitte des Cafés, wird sich heute noch füllen. Die Idee dahinter ist simpel: Der Verein sammelt noch haltbare Lebensmittel, die in Supermärkten, Bäckereien oder Privathaushalten übrig bleiben. Jeder der will, kann sich am Fairteiler kostenlos bedienen. Hafermilch und Schokolade, aber auch Salat, Karotten und Erdbeeren warten heute darauf, abgeholt zu werden. Über Netzwerke wie Foodsharing.de erhält das Café Übrig täglich mehrere Kisten voll geretteter Lebensmittel. "Das Mindesthaltbarkeitsdatum spielt bei uns keine Rolle", sagt Carolin Stanzl. In Deutschland sei das nämlich sowieso viel zu knapp bemessen, anstatt auf das MHD sollten die Konsumenten mehr auf ihren Geruchs-und Geschmackssinn vertrauen. "Wenn das Ablaufdatum überschritten ist, bedeutet das nicht, dass die Lebensmittel verschimmelt oder ungenießbar sind. Was man nicht mehr essen kann, geben wir hier nicht weiter."

Es wird langsam dunkel, als vor dem Café ein kleiner blauer Wagen hält. Carolin Stanzl geht nach draußen: Eine neue Lieferung von der Freisinger Tafel ist eingetroffen. Der Kofferraum ist randvoll mit einer bunten Mischung aus Obst und Gemüse. Das sei nicht immer so: "Manchmal kommen auch 50 Salatköpfe an, dann muss man kreativ werden", berichtet Stanzl. "Mit der Zeit lernt man, nicht nach Rezept zu kochen, sondern mit den Zutaten, die gerade da sind."

SZ-Kulturpreis Tassilo: Eine Atmosphäre wie im Wohnzimmer herrscht im Café Übrig. Die Einrichtung ist zum Teil gespendet, zum Teil selbst gebaut.

Eine Atmosphäre wie im Wohnzimmer herrscht im Café Übrig. Die Einrichtung ist zum Teil gespendet, zum Teil selbst gebaut.

(Foto: Marco Einfeldt)

Viel Zeit, um die Lebensmittel aus den Kisten in den Fairteiler zu räumen, bleibt nicht, denn im Café Übrig herrscht inzwischen viel Betrieb: Vier Angehörige der Offenen Behindertenarbeit Freising geben gerade ihre Bestellung bei Cora Huhn-Kücükakyüz auf: "Das Café hätten wir uns größer vorgestellt, aber so ist es gemütlich." Im Café Übrig rückt man auch mal enger zusammen, die Mischung aus gespendeten und selbst gebauten Möbeln schafft Wohnzimmer-Atmosphäre. Dabei soll das Übrig ein inklusiver Ort für Alle sein: "Wir sind sogar barrierefrei", betont Stanzl. "Es sollte viel mehr solcher Cafés geben", findet eine Gruppe aus München, die im hinteren Eck Platz genommen hat. Vom Konzept des Fairteilers sind sie überzeugt: "Wir würden regelmäßig Lebensmittel vorbeibringen und abholen."

Carolin Stanzl wünscht sich, dass in Zukunft noch mehr Menschen Foodsharing nutzen. Jetzt muss sie aber erstmal wieder an die Arbeit, um 18 Uhr steht eine Abholung beim Bäcker an. Was für andere nicht mehr zu retten ist, ist für den Verein Übrig immer noch wertvoll: "Lebensmittelwertschätzung ist unser Lieblingswort."

Bis Mitte Februar stellen wir Ihnen Kandidatinnen und Kandidaten für den Tassilo-Kulturpreis 2023 vor. Alle Nominierten finden Sie unter sz.de/tassilo.

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