Süddeutsche Zeitung

Integration in Freising:Viele Flüchtlinge in geregelten Jobs

Es klappt vor allem dann, wenn sie vorher die Spezialklassen an den Berufsschulen besuchten, wo sie auch Alltagskompetenzen erwerben. Ins Handwerk aber zieht es eher wenige.

Von Petra Schnirch, Freising

Etwa 100 junge Leute mit Fluchthintergrund besuchen im neuen Schuljahr die speziell für sie eingerichteten Klassen an der Freisinger Berufsschule. Dort sollen sie auf eine Ausbildung beziehungsweise das Berufsleben vorbereitet werden. Die Erfahrungen mit diesen Angeboten sind gut. "Wenn sie zwei oder drei Jahre konsequent unsere Schule durchlaufen haben, sind sie auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts vorbereitet", sagt die stellvertretende Schulleiterin Ingrid Link. Denn ganz einfach ist die Integration nicht.

Kreishandwerksmeister Martin Reiter gesteht, dass er sich für das Handwerk mehr erhofft habe. Von im Schnitt 170 Ausbildungsverträgen pro Jahr würden sieben bis acht mit jungen Flüchtlingen geschlossen. Auf dem Bau kämpfen die Betriebe seit Jahren damit, Nachwuchs zu finden. In diesem Herbst sei die Zahl der Abschlüsse nicht schlecht, sagt Reiter, es würden aber weiterhin Lehrlinge gesucht - Einstellungen seien bis in den November hinein möglich. Ein Problem sei heuer, dass Ausbildungsmessen wegen Corona abgesagt wurden, Besuche in den Schulen, auch in den Flüchtlingsklassen, fielen aus. Berufe auf dem Bau hätten nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen Herkunftsländern der Flüchtlinge kein gutes Image, schildert Reiter. Gemischte Erfahrungen hätten er und seine Kollegen auch mit Praktikanten gemacht, die zum Teil schon nach wenigen Tagen nicht mehr zur Arbeit erschienen seien.

Einige besuchen bereits die Fachklassen für Azubis im Einzelhandel, Kfz-Mechatroniker oder Anlagenmechaniker

Ohne den Besuch der Spezialklassen sei es schwierig, eine Ausbildung zu beginnen, sagt Ingrid Link. Fehlende Sprachkenntnisse sind ein Problem, aber auch "Alltagskompetenzen", wie sie es nennt, wie eben Pünktlichkeit. Auch das aber lernten die jungen Leute an der Schule. Am Anfang steht die Deutschklasse, die von Oktober an zehn Schüler besuchen, die noch nicht lange in Deutschland sind, im Laufe des Jahres kommen erfahrungsgemäß weitere dazu. Etwa 46 junge Leute sind in den beiden Vorklassen, 40 in den zwei Berufsintegrationsklassen, die es in Bayern seit 2017 gibt. Dort stehen so unterschiedliche Fächer wie ethisches Handeln und Kommunikation, Mathematik, Sozialkunde und Deutsch auf dem Programm. Es gehe darum, Kompetenzen wie Selbstorganisation, Wertebildung oder Medienkompetenz zu vermitteln, schildert Link. Auch die sozialpädagogische Betreuung sei ein wichtiger Baustein, denn einige der Schüler seien stark traumatisiert. Diese Unterstützung gebe es bei Bedarf aber auch für deutsche Jugendliche.

Einige junge Leute mit Fluchthintergrund besuchen an der Freisinger Berufsschule bereits die Fachklassen für Azubis im Einzelhandel, Kfz-Mechatroniker oder Anlagenmechaniker. Vor allem wegen der Fachbegriffe sei das aber nicht leicht, sagt Ingrid Link. Die Vor- und Berufsintegrationsklassen haben sich nach ihren Worten bewährt. "Wir sind überzeugt, dass das der richtige Weg ist." Es sei ein gutes Gefühl, "die jungen Menschen auf ihrem Weg in die Integration begleiten zu können", fügt sie hinzu. Gerade in Gemeinschaftsunterkünften sei es aber oft schwierig, Ruhe zum Lernen zu finden.

Ein besseres Leben

Ali kommt aus Afghanistan, vor sechs Jahren ist er nach Deutschland geflüchtet. Ali ist nicht sein wirklicher Name, den will der junge Mann nicht nennen. Er will auch nicht erzählen, was die Gründe für seine Flucht waren. Nur, dass diese viele Monate gedauert hat und er fast ein Jahr lang unterwegs war, bis er endlich in München und später dann in Freising ankam. Ali hat, so erzählt der 25-Jährige, in seiner ersten Zeit in Deutschland sehr viele Probleme gehabt. "Das war eine schlimme Zeit für mich", sagt er. Am Anfang konnte er kein Deutsch, verstand niemanden und kannte sich nicht aus. "Ich hatte keine Kontakte und habe mich nicht zurechtgefunden", erzählt er. Er habe sich verloren gefühlt, wurde beschimpft.

Auch seine späteren Erlebnisse, als er eine Ausbildung machen wollte, hat er in keiner guten Erinnerung. "Ich habe lange keine Ausbildungserlaubnis bekommen." Erst nach drei Jahren hielt er diese endlich in den Händen. Sein erstes Ausbildungsjahr zur Fachkraft für Lagerlogistik ist nun bereits vorbei, vor wenigen Tagen hat das zweite begonnen. "Jetzt ist mein Leben besser", sagt Ali. Er habe Arbeit, hat den Führerschein gemacht und ein Auto. Eine eigene Wohnung aber hat er bislang nicht gefunden, noch immer lebt er in einer Flüchtlingsunterkunft. Gemeinsam mit vielen verschiedenen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. "Die sind oft sehr laut", sagt er. Ali kann oft lange nicht einschlafen, muss aber wegen seiner Ausbildung früh am Morgen aufstehen. Auch zum Lernen sei es zu laut, "ich kann mich nicht konzentrieren, so laut ist es oft", erzählt Ali. Ein Zurück nach Afghanistan aber ist für ihn nicht vorstellbar. "Ich möchte hier bleiben, ich bin gekommen, um etwas zu lernen und ein besseres Leben zu haben", sagt Ali bestimmt. regu

Auch bei der Agentur für Arbeit ist man optimistisch, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. In den Betrieben im Landkreis stammen 103 Auszubildende aus Eritrea, Nigeria, Somalia, Afghanistan, Irak, Iran, Pakistan oder Syrien - aus diesen Ländern kommt die überwiegende Zahl der Asylbewerber. Die Daten wurden Ende Dezember 2019 erhoben, ein Jahr davor waren es fünf weniger. 50 Personen aus diesen Ländern waren geringfügig beschäftigt, 30 weniger als Ende 2018. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist innerhalb eines Jahres um 91 auf 707 Personen gestiegen.

Für das Berufsberatungsjahr 2019/20 liegen nur Zahlen für den gesamten Agenturbezirk vor, zu dem auch die Landkreise Dachau, Ebersberg und Erding gehören. Seit Oktober haben sich in den vier Landkreisen 70 Jugendliche mit Fluchthintergrund auf Ausbildungssuche in der Agentur beraten lassen, 19 von ihnen hatten im August noch nichts Passendes gefunden.

Ausgesprochen positive Beispiele gibt es immer wieder. Ingrid Link erzählt von einem Schüler, der den externen Realschulabschluss geschafft hat. Bäckermeister Thomas Grundner spricht von einem "Leuchtturmprojekt", wenn er von seinem Mitarbeiter Hosein erzählt. Der junge Mann, der inzwischen Mitte 20 ist, arbeitet noch immer in seinem Betrieb, die Gesellenprüfung schloss er mit der Note 2,1 ab. Der junge Afghane war bereits drei Jahre früher als die meisten anderen Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. "Ein Glücksgriff", sagt Grundner. Er hätte gern weitere eingestellt, es sei aber an der Zuverlässigkeit, der Pünktlichkeit gescheitert.

Trotz solcher Erfahrungen zieht Harald Brandmaier, Teamleiter Berufsberatung bei der Agentur für Arbeit Freising, ein positives Resümee. In den vergangenen beiden Jahren sei es verstärkt gelungen, jungen Flüchtlingen Ausbildungsplätze zu vermitteln, ein großer Teil sei gut integriert. Er bekomme positive Rückmeldungen. Es sei immer klar gewesen, dass dies kein Sprint, sondern ein Marathon sei. Aber er sei überzeugt, dass der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt profitieren werde.

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Quelle:
SZ vom 11.09.2020
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