Die Schulzeit: Manche denken mit Grausen daran zurück, andere wiederum hegen die besten Erinnerungen an unbeschwerte Jahre, die Freunde und das Lehrpersonal. Der Hallbergmooser Heimatforscher Karl-Heinz Zenker hat jetzt als Zeitzeuge seine persönlichen Erinnerungen an seine Schulzeit niedergeschrieben. Es handelt sich dabei auch um ein Stück Sozialgeschichte in seiner damaligen Heimatstadt Freising.
Es ist möglich, dass das Heft in der älteren Generation Erinnerungen an die eigene Schulzeit weckt. Jüngere Menschen können sich vergegenwärtigen, wie der Schulbetrieb in den Nachkriegsjahren ablief. Ein Schwerpunkt liegt auf der Entstehungsgeschichte des Hofmiller-Gymnasiums, das dieser Tage von der Stadt an den Landkreis Freising übergeht.
Zenkers Vater, ein gelernter Schmied, geboren in Schlesien, war ein Mann der Tat. 1947 heiratete er die spätere Mutter von Karl-Heinz Zenker. Weil er sich vergebens um eine Wohnung für sich und seine Frau bemühte, beschloss er, sich auf Staatsgrund ein eigenes Haus zu bauen.
Der damalige Freisinger Oberbürgermeister Max Lehner ermunterte ihn mit den Worten: "Es ist schon manches Haus über Nacht fertig geworden." So baute Zenkers Vater auf dem Gelände des ehemaligen Standortmunitionslagers, der heutigen Waldsiedlung, kurzerhand ein "Behelfsheim". Er handelte sich dafür eine Gerichtsverhandlung "wegen Übertretens der Bauordnung", der Errichtung eines Schwarzbaus, ein und musste eine Geldstrafe zahlen.


Karl-Heinz Zenker, Jahrgang 1949, verlebte in der Waldsiedlung eine unbeschwerte Kindheit. Ein kleiner Tümpel und der Wald boten genügend Platz für abenteuerliche Spiele. Amerikanische Soldaten übten damals noch in den Wäldern im Norden von Freising. Die Kinder sammelten leere Patronenhülsen, aus denen sich schnell ein Patronengurt basteln ließ.
Das Schulleben begann für Karl-Heinz Zenker am 4. September 1956 an der evangelischen Volksschule in Freising. Einen Unterrichtsraum gab es für evangelische Kinder seit 1874 an der Knabenschule St. Georg. Zwischendrin ein paar Mal ausgelagert, kehrte die Klasse 1902 in den Altbau der Knabenschule zurück. 1911 bekleidete sie, als eine genügend große Schülerzahl erreicht war, den Rang einer öffentlichen Schule.

Evangelische und katholische Kinder lernten damals noch getrennt in Konfessionsschulen. Diese hoben die Nationalsozialisten 1937 auf und ersetzten sie durch Gemeinschaftsschulen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es die Rolle rückwärts, die Bekenntnisschulen wurden wieder eingeführt. Bis 1964 waren die Klassenzimmer für evangelische Kinder im ersten und zweiten Stock der katholischen Knabenschule untergebracht. Auf dem gemeinsamen Pausenhof durchmischten sich dann wieder die verschiedenen Konfessionen. 1964 zog die evangelische Schule in das neue Gebäude am Sternplatz um. 1969 wurden die Bekenntnisschulen aufgelöst.
An den Tag seiner Einschulung hat Karl-Heinz Zenker keine Erinnerung. Zur klassischen Ausstattung eines Klassenzimmers gehörten damals Sitzbänke mit Tintenfässern, eine Wandtafel und das Lehrerpult. Im Schulranzen steckten neben einem Schönschreibheft eine Schiefertafel nebst Griffel, Schwamm und Tafellappen. An den Schulen herrschte damals noch die Sechstagewoche. Herbst- und Winterferien gab es keine.

Körperliche Strafen waren an den Schulen bis in die Sechzigerjahre hinein noch üblich. Zenker erinnert sich daran, dass ein Mitschüler bei einem Diebstahl ertappt worden war. Der Missetäter musste vor der Klasse seine Finger auf einen Stuhl legen und erhielt einige Hiebe mit dem "Tatzenstock". "Seine Schreie kann ich noch bis heute aus meinem Gedächtnis abrufen", schreibt Zenker.
Das "Wangenkneifen" war die Spezialität eines Lehrers, mit der Zenker unangenehme Bekanntschaft machte. "Zu Hause erzählte ich davon nichts", verrät Zenker. Denn sein Vater hatte gedroht: "Wenn Du eine Ohrfeige bekommen hast, gibt es noch eine, denn Du wirst sie schon verdient haben."
1960 wechselte Zenker an die damalige Josef-Hofmiller-Oberrealschule. Die gehörte noch zum Domgymnasium. Bezeichnend für den pädagogischen Geist, der damals an Schulen herrschte, war ein Schreiben, in dem der Oberstudiendirektor Zenker explizit die Aufnahme "in die erste Klasse unserer Anstalt" bescheinigte.


Oberrealschulen waren Ende des 19. Jahrhunderts als Alternative zu humanistischen/altsprachlichen Schulen entstanden. Sie unterrichten moderne Fremdsprachen und Naturwissenschaften. Latein war kein Pflichtfach mehr.
In einer längeren Passage beschreibt Zenker die Baugeschichte der Oberrealschule und des späteren Hofmiller-Gymnasiums, die er aus Ausgaben des Freisinger Tagblatts nachrecherchiert hatte. Der Startschuss fiel am 23. Januar 1958, als der Stadtrat den Schulbau an der Vimystraße beschloss. Ursprünglich waren drei Bauabschnitte geplant, aber nur einer mit einer Kostenschätzung von 1,3 Millionen Mark genehmigt.
Ein Jahr später stimmte der Stadtrat der Finanzierung des ersten Abschnitts zu. Die Kosten wurden jetzt auf 1,4 Millionen Euro taxiert. Dafür musste die Stadt einen Kredit von 700 000 Mark aufnehmen. Baubeginn war am 5. August 1959. Der Rohbau stand bereits am 11. Dezember. Bezugsfertig war die Schule zum 15. September 1960, eingeweiht wurde sie am 10. Dezember. Zenker merkt an, dass die amerikanische Garnisonskirche der Hofmiller-Oberrealschule weichen musste.
Die Klassenzimmer waren mit Tischen, Stühlen, dem Lehrerpult, einer Wandtafel und einem Waschbecken ausgestattet. In Einbauschränken vor den Klassenzimmern sollten Garderobe und Turnbeutel unterkommen. Dort mussten die Schülerinnen und Schüler ihre Straßenschuhe aus- und Hausschuhe anziehen.
Schulleiter war Hans Schmuck, der seines Amtes noch bis in die Siebzigerjahre hinein waltete. Sein Markenzeichen war seine Zigarre, die im ganzen Schulgebäude zu riechen waren. Noch länger als Schmuck waltete Hausmeister Johann Rannertshauser am Gymnasiums seines Amtes.


Gebühren mussten an der Oberrealschule für eine Unfallversicherung (3 Mark), die Schülerlesebücherei (2 Mark), Schulaufgabenpapier (2 Mark), Material- und Werkzeugbeschaffung (7 Mark) sowie das Zwischenzeugnis (1,50 Mark) gezahlt werden. Zum Ende des Schuljahres wurden weitere zwei Mark für das Jahreszeugnis und 2,50 Mark für den Jahresbericht fällig. Diese Gebühren blieben bis zum Schuljahr 1964/65 unverändert. Sportunterricht fand in der Halle der amerikanischen Soldaten in der Vimykaserne statt. Erst vom 1. April 1962 an konnten die Schüler die neue Turnhalle des TSV Jahn Freising benutzen.
Auch an der Oberrealschule waren die Schüler vor tätlichen Übergriffen seitens der Lehrkräfte nicht gefeit. Zenker erinnert sich an einen Lehrer, den seine Klasse allerdings des Öfteren in Rage gebracht hatte. Der schlug derart auf einen Schüler ein, dass dieser seine Hände schützend über seinen Kopf legte. In der nächsten Unterrichtsstunde diktierte er seinen Schutzbefohlenen einen Text mit dem Titel "Der typische Weg eines Schülers zum schulischen Misserfolg". Beschrieben ist darin die Lust am Unterricht stören, was letztlich die Unterrichtsmoral untergräbt, wenn Lehrkräfte und Eltern nicht rechtzeitig einschritten. Die Eltern mussten den Text unterschreiben, was zu einem Donnerwetter im Hause Zenker führte.
Die Oberrealschule für Mädchen wurde aufgelöst
1964 wurde aus der Oberrealschule das Hofmiller-Gymnasium. Der zweite Bauabschnitt ging in Betrieb und das Wichtigste: Die Oberrealschule für Mädchen in Freising wurde aufgelöst und auf das neue Gymnasium verteilt. Fortan gab es auch ein staatliches Schulgeld in Höhe von 40 Mark. Was Zenker in Erinnerung blieb: In Aufsätzen mussten die Schülerinnen und Schüler immer "sogenannte DDR" schreiben oder das Kürzel für die Deutsche Demokratische Republik in Gänsefüßchen setzen. So war das im damaligen Sprachgebrauch der Bundesrepublik.
Mit dem Abitur endete 1969 die schulische Laufbahn von Karl-Heinz Zenker. Am 1. Oktober 1969 trat er als Offiziersanwärter in die Luftwaffe der Bundeswehr ein. Als Oberstleutnant leitete er lange Zeit die Kraftfahrzeugstaffel am Erdinger Fliegerhorst. Bemerkenswert ist für Karl-Heinz Zenker, dass aus dem Abiturjahrgang 1969 inklusive ihm selbst nur vier Absolventen nicht aus Akademikerfamilien stammten.
"Meine Schulzeit in der Evangelischen Volksschule und Josef-Hofmiller Gymnasium Freising 1956 bis 1969" von Karl-Heinz Zenker gibt es zu einem Preis von sechs Euro bei Bücher Pustet in Freising oder bei Karl-Heinz Zenker in Hallbergmoos.


