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Traditionelle Wirtshäuser:Die wilden Zeiten sind vorbei

Nach einem Brand im Jahr 1850 wurde der Freisinger Gasthof Stieglbräu, das heutige "Et Cetera", neu errichtet.

(Foto: Marco Einfeldt)

Seit Anfang des 16. Jahrhunderts gibt es den "Präu auf dem Stiegl" in Freising. Heute findet sich dort das "Et Cetera", früher eine Studentenkneipe.

Von Thilo Schröder, Freising

Es sind nur zweieinhalb Stufen, die Gäste des Et Cetera alias Stieglbräu in der Oberen Hauptstraße in Freising heutzutage erklimmen müssen. Anfang des 16. Jahrhunderts führte zum "Präu auf dem Stiegl" dagegen tatsächlich eine steinerne Stiege, eben jene namensgebende Treppe, weil die Straße damals tiefer lag. So schreibt es Hans Lorenzer in einer Chronik der Freisinger Brauereien. Gebraut wird in der Gaststätte schon seit Längerem nicht mehr. 1850 wurde der Braubetrieb eingestellt, wie Hermann Bienen in einem kulturgeschichtlichen Überblick Freisings als "Stadt des Bieres" festhält. Das heute ausgeschenkte Bier kommt von der Brauerei Weihenstephan. Vieles hat sich in der langen Geschichte des bei Einheimischen immer noch als Stieglbräu bekannten Gasthauses verändert.

Wer besagte zweieinhalb Stufen zum Et Cetera emporsteigt, betritt keine urige, holzvertäfelte, mit schweren Eichentischen ausgestattete Stube mehr, in der Schweinebraten mit Sauerkraut serviert wird. Der Gastraum ist lichtdurchflutet und in hellen Farben gehalten, die Speisekarte mit Salaten, Vorspeisenteller und Pizzen mediterran ausgerichtet. An der Wand hängen auf Leinwänden aufgezogene Bilder des Fotografen Thomas Strasser, aufgenommen auf einer Reise in New Orleans.

Wirtshausserie / Etcetera (Gasthof Stieglbräu) , Helmut Priller

Das Foto zeigt einen Ausschnitt aus einer Postkarte aus der Zeit um 1900. Zwischenzeitlich war der Gasthof eine Studentenkneipe, mittlerweile sind die Gäste ruhiger geworden.

(Foto: Stadtarchiv Freising)

Für den Wirt begann alles in der späten Phase der Hippies und alternativer Protestbewegungen

Hinter der Theke, vorrangig aber in der Küche, steht Helmut Priller: 66 Jahre alt, Lachfalten, graues, noch volles Haar, in das er eine Lesebrille geschoben hat. Priller wirkt auf sympathische Weise etwas chaotisch. Fragt man ihn etwa nach der Größe des Gastraums, runzelt er die Stirn, läuft den Raum dann in Meterschritten ab: etwa 150 Quadratmeter, schätzt er. Im Jahr 1982 hat Priller das Lokal mit zwei Partnern übernommen, nachdem im ersten Anlauf das 1978 gemeinsam eröffnete Podestl an der Ziegelgasse abgebrannt war.

Priller hatte damals nach seinem Zivildienst bei der Lebenshilfe Freising als Schaufensterdekorateur in einem Möbelhaus in der Umgebung gearbeitet, auch seine Partner gingen anderen Berufen nach. "Wir haben uns Ende der Siebzigerjahre getroffen und beschlossen, eine Kneipe aufzumachen, weil es in Freising nichts gab", erzählt Priller. Ein Studentenleben in Freising sei zu dieser Zeit "nicht existent", einziger Treffpunkt für junge Leute ein Kaffeehaus gewesen. Also pachteten sie zu dritt das ursprüngliche Podestl, bauten es nach ihren Vorstellungen zu einem Ort für Kleinkunst und Kabarett um. "Das Startkapital betrug für jeden 5000 Mark. Aber das ging, wir haben alles selber gemacht, die Wandverkleidung, die Bänke", sagt Priller.

Wirt Helmut Priller denkt gerne an die wilden Freisinger Kneipen-Zeiten von früher zurück. Fotos im Gastraum des "Et Cetera" erinnern daran.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die ersten Jahre seien "gigantisch, hammermäßig" gewesen, schwärmt er, bei "unheimlich günstigen Konditionen". Schon ab Mittag sei das Lokal geöffnet gewesen. Fotos aus dieser Zeit zeigen einen proppenvollen Gastraum. Die meisten Männer tragen lange Haare und Vollbart, es ist die späte Phase der Hippies und alternativer Protestbewegungen. Es wird geraucht, geschunkelt, Spaghetti gekocht, Drehleier gespielt und vor allem: getrunken. "Der Chef der Brauerei damals hat gesagt, er hat noch nie so viel Bier ausgeschenkt in einem einzigen Wirtshaus", sagt Priller und lacht.

Etwa ein Viertel Jahr nach dem Brand im Podestl dann der Neuanfang im Stieglbräu, das zufällig gerade frei war. Nach der Vorstellung der drei Partner sollte sich ihr Konzept dort nahtlos fortsetzen; darum gaben sie dem Wirtshaus den Namen "Et Cetera". Wieder bauen die drei Self-Made-Wirte das Lokal nach ihren Vorstellungen um. "Das war so gut bürgerlich mit ganz schweren Tischen, furnierter Eiche, Gelsenkirchener Barock", erinnert sich Priller. "Die Hausbesitzer waren schon skeptisch, ob wir das draufhaben, die haben das selbst lange betrieben. Aber das hat sich dann gelegt."

Erlebnispfad

Wer in Freising einen etwa zwei Kilometer langen Spaziergang im Wald unternehmen und dabei noch etwas lernen möchte, dem sei der Walderlebnispfad im Freisinger Forst nahegelegt. Er beginnt und endet an der Waldgaststätte "Plantage", die ihrerseits mit einem großen Spielplatz ausgestattet ist. Auf den 23 Stationen entlang des Erlebnispfades können Naturbegeisterte den Wald näher kennenlernen - mal erforschend, mal spielerisch, mal besinnlich. Es gibt beispielsweise ein Waldlabyrinth, bestehend aus hohen Hecken, einen Balancierbaum und eine Waldkathedrale, in der man die Kraft der Natur auf sich wirken lassen kann. Es können heimische Baumarten bestimmt werden. Auf einem auf einer idyllischen Lichtung gelegenen Waldspielplatz gibt es unter anderem ein Baumtelefon. Den Wegesrand säumen zahlreiche geschnitzte Tierskulpturen, die mal zum darauf reiten, mal zum Blick aufs Wasser einladen. Ein Waldklassenzimmer ist besonders für Schulklassen geeignet. An einer Station kann sich im Tierweitsprung gemessen werden: Wer springt so weit wie welches Tier? Um den Zustand des Weges kümmert sich ein Verein, der Förderverein Weltwald und Erlebnispfad Freising. Der Pfad ist auch für Kinderwagen und Rollstuhl geeignet.ilos

Zur Gaststätte gehört ein etwa 80 Quadratmeter großer Veranstaltungssaal im ersten Stock, der Platz für 40 bis 50 Personen bietet. Noch im Januar hat hier das Kreative Schauspiel Ensemble Jean-Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft" aufgeführt. Im Corona-Modus wird der Raum dagegen nur für private Feiern vermietet. An der Wand lehnt ein Angebotsschild aus früheren Tagen, das ein Mittagsmenü für 6,50 Euro anpreist. "Der Betrieb vom Et Cetera und vom Podestl war nie wirklich gewinnorientiert", sagt Priller dazu, "das war immer sehr idealistisch besetzt, eine große Familie, aus der Zeit heraus."

Die Zeiten, sie haben sich inzwischen geändert, zumindest teilweise. Nach wie vor bietet das Et Cetera seinen Gästen für Freisinger Verhältnisse günstige Preise und eine lässige Atmosphäre. Priller, der inzwischen letzte verbliebene der drei Gründungspartner, setzt weiter auf flache Hierarchien im Team. "Da darf jeder mitreden, entscheiden, Verbesserungsvorschläge anbringen." Allein das Publikum ist heute ein anderes. "Wir sind jetzt keine Studentenkneipe mehr, die Gäste sind mit uns alt geworden, hab ich so den Eindruck", sagt Priller. Bierschwemmen wie einst gebe es keine mehr. "Das Publikum, das wir früher hatten, ist heute eher im Furtner."

"Wäre ja auch komisch, wenn 40 Jahre spurlos vorbeigehen und sich nix ändert."

Dicht gedrängte Menschengruppen gehören im Et Cetera der Vergangenheit an, nicht erst seit Corona. Freischankflächen gibt es zudem bedingt durch die Großbaustelle in der Oberen Hauptstraße derzeit nicht. "Früher hatten wir hinten einen kleinen Biergarten, so mit 30, 40 Plätzen, der ist super angenommen worden", sagt Priller. "Da haben sie dann aber Häuser hingebaut. Das war halt schon ein altes Gemäuer, aus den Häusern konnte man natürlich mehr rausholen." Auch das Kulturangebot ist heute weniger umfangreich. Ob er sie vermisse, die wilden Siebziger- und Achtzigerjahre, als die Sounds von Pink Floyd und Led Zeppelin aus der Musikanlage tönten, als regelmäßig lokale Bands auftraten und das Bier in Strömen floss? "Nein, das ist schon okay, das passt schon", sagt Helmut Priller. "Wäre ja auch komisch, wenn 40 Jahre spurlos vorbeigehen und sich nix ändert. Nur das mit der Kleinkunst und den Konzerten, das war schon eine tolle Stimmung."

Um Punkt 16 Uhr an diesem Freitag Ende August kommen die ersten Gäste, ein Seniorenstammtisch. "Der Wirt, das ist ein freundlicher", meint einer von ihnen. Damit ist eigentlich alles gesagt.

© SZ vom 09.09.2020/ilos

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