Erding und Freising:So bauen die Landkreise die Windkraft aus

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Erding und Freising: Im Landkreis Freising gibt es bereits zwei Windräder, davon eins in Kammerberg.

Im Landkreis Freising gibt es bereits zwei Windräder, davon eins in Kammerberg.

(Foto: Marco Einfeldt)

Wegen der 10-H-Regelung sind in Bayern in den vergangenen sieben Jahren kaum neue Windkraftanlagen gebaut worden. Wie sich das in den Landkreisen Erding und Freising nun ändern soll und welche Fortschritte die Politik bereits zu vermelden hat.

Von Gudrun Regelein, Erding/Freising

Die Gemeinde Wartenberg spielt Vorreiter beim Thema Windkraft im Landkreis Erding. In einem Wald bei Auerbach soll die erste Windkraftanlage des Landkreises stehen. Im Landkreis Freising gibt es bereits zwei Windräder, bei Kammerberg und Paunzhausen, drei weitere sind genehmigt. Wegen der 10-H-Regelung hatte es in Bayern beim Ausbau der Windenergie in den vergangenen Jahren einen Stillstand gegeben. Durch eine nun vom Landtag beschlossene Lockerung soll sich das ändern. Künftig soll ein Bau bereits mit einem Abstand von mindestens 1000 Metern zur nächsten Wohnsiedlung möglich sein. Bisher musste er in der Regel das Zehnfache der Bauhöhe betragen.

"Noch besser wäre es gewesen, wenn sie ganz weggefallen wäre, aber zumindest bringt die Lockerung Bewegung rein", sagt Werner Hillebrand-Hansen, einer der beiden Vorstände der Bürger-Energie-Genossenschaft Freisinger Land. Auch die Genossenschaft will nun neben ihrem Windrad in Kammerberg im Landkreis Freising weitere realisieren.

In Wartenberg läuft die Planung seit 2020

In Wartenberg treibt Bürgermeister Christian Pröbst das Vorhaben, ein Windrad in seiner Gemeinde zu haben, schon seit 2020 voran. Ende Oktober hatte der Marktrat beschlossen, den Flächennutzungsplan zu ändern und will nun als nächsten Schritt einen Bebauungsplan aufstellen. Grund für diese Beschlüsse war die Lockerung der 10-H-Regel nicht, wie er sagt. Und auch nicht das Wind-an-Land-Gesetz, das im Februar 2023 in Kraft treten wird (siehe Kasten).

Bis von verschiedenen Behörden, der Flugsicherung und den Grundstückseigentümern grünes Licht kam, habe es einfach gedauert. Dass gerade jetzt im Marktrat der Beschluss gefasst wurde, habe nichts mit der aktuellen politischen Entwicklung zu tun, das sei reiner Zufall gewesen. "Dennoch ist es erfreulich, denn wir sind beim Thema Windkraft weiter als die meisten anderen Gemeinden im Landkreis. Wir sind auf einem guten Weg." Die geplante Anlage im Wald bei Auerbach werde knapp 230 Meter hoch sein, die Rotordurchmesser betrage 138 Meter, die Nennleistung 4,2 Megawatt.

Teilflächennutzungsplan Windkraft

Pröbst ist nicht nur Bürgermeister von Wartenberg, er ist auch einer der beiden Geschäftsführer der Projektentwicklung GmbH Energievision Landkreis Erding. Diese wurde vor etwa zehn Jahren ins Leben gerufen, um eine nachhaltige und regenerative Energieversorgung, insbesondere durch Förderung der Windkraft, vorzubereiten. Nachdem dies wegen der 10-H-Regelung in Bayern nicht zu realisieren war, fokussierte man sich auf Freiflächen-Photovoltaikanlagen. Bereits 2013 war für den Landkreis Erding mit der Ausarbeitung des Teilflächennutzungsplans Windkraft begonnen worden, in dem auch die Fläche bei Auerbach zu finden ist. "Nun soll der Plan endlich fertiggestellt werden", sagt Pröbst. Denn wenn es bereits einen Flächennutzungsplan gebe, könne eine Kommune selber entscheiden, wo ein Windrad künftig stehen soll - ansonsten entscheide darüber der Regionale Planungsverband.

Zahlreiche rechtliche Vorgaben

Potenzial gebe es im Landkreis, sagt Pröbst. In der Nähe von Erding oder Bockhorn beispielsweise, die Flächen seien auch bereits im Teilflächennutzungsplan eingezeichnet. "Falls alle im Plan vorgesehenen Flächen als Vorranggebiete für Windräder ausgewiesen werden, hätten wir im Landkreis dann auch die gesetzliche Vorgabe von 1,8 Prozent erfüllt." Ob dort dann aber tatsächlich auch überall eine Windkraftanlage entstehen wird, sei eine andere Frage. Denn es gehe ja nicht nur um den Mindestabstand, sagt Pröbst. Auch zahlreiche andere rechtliche Vorgaben müssten eingehalten werden: Unter anderem aus Naturschutz- und Waldrecht, Luftverkehrsrecht und Denkmalschutz.

Der Landkreis Erding befürworte den Ausbau erneuerbarer Energien, heißt es aus dem Landratsamt Erding. Das Thema Windkraft werde bereits seit 2013 behandelt. Bis 2027 müssen 1,1 Prozent der Landesfläche - das sind im Landkreis etwa 70.541 Quadratkilometer - für Windkraft ausgewiesen werden, bis Ende 2032 dann 1,8 Prozent. "Der Landkreis Erding unterstützt die Gemeinden bei den Bestrebungen zur Erfüllung der Quote", teilt Markus Hautmann, Mitarbeiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Landratsamt, mit.

Eile ist geboten

Im Landkreis Freising sind derzeit zwei Windkraftanlagen in Betrieb, neben dem der Bürger-Energie-Genossenschaft Freisinger Land in Kammerberg auch eins in Johanneck bei Paunzhausen. Drei weitere sind bereits genehmigt - zwei davon in der Gemeinde Nandlstadt, das dritte in der Gemeinde Rudelzhausen. Das "Ob" des Ausbaus der Windenergienutzung sei mittlerweile durch das Wind-an-Land-Gesetz bundesrechtlich vorgegeben: "Jetzt geht es um das "Wo" der Windenergienutzung", sagt Landrat Helmut Petz.

Beim Regionalen Planungsverband sei das Anliegen des Landkreises auf offene Ohren gestoßen, die Ausweisung der Vorranggebiete in enger Abstimmung mit den Gemeinden und Landkreisen der Region vorzunehmen. "Insbesondere sollen bereits umgesetzte oder rechtsverbindlich beschlossene Positivflächen, aber auch entsprechende gemeindliche Planungskonzepte oder in Aufstellung befindliche Planungen berücksichtigt werden", erklärt Petz. Dennoch sei bei diesem Thema Eile geboten, denn: "Wenn wir unsere Vorstellungen darüber, wo Windenergienutzung bei uns stattfinden soll, nicht rasch konkretisieren und präsentieren, werden andere darüber entscheiden."

Derzeit laufe bereits eine vom Landkreis in Auftrag gegebene Potenzialflächen-Grobanalyse, die Ergebnisse sollen Ende November vorliegen. Die pauschalen Abstandsflächen der Flugsicherung und die Abstandsflächen der Radaranlage in Haindlfing reduzierten allerdings das Potenzial im Landkreis Freising erheblich. Erleichterungen seien aber geplant, beispielsweise durch eine Ablösung der radargestützten Flugsicherung durch satellitengestützte Flugleitverfahren. Die Grobanalyse solle in erster Linie eine Diskussionsgrundlage bieten. Gemeinsam mit den Gemeinden soll dann eine Vorauswahl getroffen werden.

Akzeptanz für Windkraft

Er sei erleichtert, dass die für ihn unverantwortliche 10-H-Regel nun endlich gelockert wurde, sagt Werner Hillebrand-Hansen. Die Biomasse sei nicht unbegrenzt ausbaubar - Wind und Sonne aber hätten noch Potenzial. Etwa 30 bis 35 Windkraftanlagen in Kombination mit Solarenergie wären für das Erreichen eines klimaneutralen Landkreises Freising notwendig. Zumindest das Bürgerwindrad der Genossenschaft bei Kammerberg, das im Herbst 2015 in Betrieb genommen wurde, sei sehr leistungsfähig, es erzeugte 2021 fast 6,5 Millionen Kilowattstunden Strom. Im Jahr 2019 seien es sogar 7,6 Millionen gewesen. Auch im Landkreis sei Windkraft also möglich, betont er.

Die Akzeptanz der Windkraft habe bei den Bürgern in den vergangenen Jahren stark zugenommen, da ist sich Hillebrand-Hansen sicher. Geeignete Standorte gebe es genügend im Landkreis. Auch die Genossenschaft wolle neue Projekte angehen, zu möglichen Standorten und wie viele Windräder es sein könnten, könne er noch nicht sagen. "Wir sind in Kontakt zu mehreren Gemeinden", sagt er. Fast sieben Jahre habe es einen Stillstand gegeben: "Wir müssen jetzt loslegen." Dann sei die Energiewende, wie sie im Energiewendebeschluss des Landkreises 2007 beschlossen wurde, noch zu schaffen.

Wind-an-Land-Gesetz

Der durch die 10-H-Regel in den vergangenen Jahren praktisch zum Erliegen gekommene Ausbau der Windkraft in Bayern soll mit diesem Gesetz wieder angekurbelt werden. Bis Ende 2026 muss der Freistaat einen Anteil von 1,1 Prozent seiner Landesfläche als Vorranggebiete für Windräder ausweisen, bis 2032 sollen es 1,8 Prozent sein. Allein für die Planungsregion München - zu der neben der Landeshauptstadt die Landkreise Dachau, Ebersberg, Erding, Freising, Fürstenfeldbruck, Landsberg, München und Starnberg zählen - müssen bis 2026 Flächen von umgerechnet 8500 Fußballfeldern für die Windkraft zur Verfügung gestellt werden. Rein rechnerisch geht es um 400 neue Windkraftanlagen. Dafür müssen nun passende Standorte gefunden werden.

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