Zur Lage der VolkshochschulenDie Erwachsenenbildung boomt wieder

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Neben klassischer Erwachsenenbildung  gibt es bei den Volkshochschulen mittlerweile auch Angebote wie Alpaka-Wanderungen.
Neben klassischer Erwachsenenbildung  gibt es bei den Volkshochschulen mittlerweile auch Angebote wie Alpaka-Wanderungen. (Foto: Peter Hinz-Rosin)
  • Volkshochschulen in Bayern haben sich laut dem Bayerischen Volkshochschulverband nach der Corona-Krise fast vollständig erholt und erreichen wieder ihr Vor-Pandemie-Niveau.
  • Viele Volkshochschulen in der Region München mussten fusionieren, um zukunftsfähig zu bleiben, wie 2023 Starnberg und Herrsching oder 2024 Bad Tölz, Wolfratshausen, Geretsried und Lenggries.
  • Der Bildungsauftrag wird heute breit gefasst und umfasst neben klassischen Inhalten auch Gesundheits- und Freizeitangebote wie Klangmeditation oder Alpaka-Wanderungen.
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Während der Pandemie gerieten viele Volkshochschulen in massive Schwierigkeiten, in der Region München kam es zu einigen Fusionen. Inzwischen nehmen die Kursangebote wieder stark zu. Aber: Erfüllen die Erwachsenenbildungseinrichtungen noch ihren Auftrag?

Von Francesca Polistina, Neufahrn/Erding/Ismaning

Der Däne Nikolai Frederik Severin Grundtvig gehörte zu jener Sorte Universalgelehrten, von denen es heutzutage immer weniger gibt. Grundtvig war Schriftsteller, Historiker, Philosoph, Pfarrer, Pädagoge und Politiker. Berühmt ist er allerdings aus einem anderen Grund: weil er im Jahr 1844 als geistiger Vater der ersten Volkshochschulen in Dänemark gilt, die so genannten folkehøjskoler. Grundtvig war eine komplexe Figur, die progressive sowie konservative Positionen vertrat, weshalb bestimmte Aspekte seines Denkens nach seinem Tod auch in rechtsextremen Kreisen rezipiert wurden. Seine pädagogischen Reformansätze waren jedoch revolutionär: Seine Vision eines lebenslangen, nicht-prüfungsorientierten Lernens breitete sich aus – und in mehreren Ländern entstanden Einrichtungen, die sich speziell der Erwachsenenbildung widmeten.

In Deutschland wurden die Volkshochschulen (VHS) in ihrer modernen Form hauptsächlich nach 1919 gegründet, als ihr Auftrag in der Verfassung der Weimarer Republik festgeschrieben wurde. Im Artikel 148 war nämlich zu lesen: „Das Volksbildungswesen, einschließlich der Volkshochschulen, soll von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden.“ Immer noch sind die Volkshochschulen in allen 16 deutschen Bundesländern rechtlich verankert, was bedeutet, dass sie einen öffentlichen Kernauftrag erfüllen. Doch wie geht es ihnen heute? Sind sie überhaupt noch zeitgemäß?

Die Frage stellt sich deshalb, weil während der Pandemie viele Volkshochschulen in massive Schwierigkeiten gerieten, einige standen kurz vor der Pleite. Auch die Zeit unmittelbar danach war von großer Unsicherheit geprägt. Fünf Jahre später zeigt sich ein anderes Bild: Laut dem Bayerischen Volkshochschulverband, der 157 Einrichtungen vertritt, haben sich die Volkshochschulen im Freistaat „fast vollständig erholt“. Die meisten haben ihr Vor-Corona-Niveau wieder erreicht. Einige haben es sogar übertroffen.

Wenn man sich im Münchner Umland umhört, wird dieses Bild bestätigt. Alina Comber, seit wenigen Monaten Leiterin der Volkshochschule im Norden des Landkreises München, zeigt sich mit ihrer Einrichtung durchaus zufrieden. „Unsere VHS hat sich von der Corona-Zeit gut erholt“, sagt sie. Zwar sind laut Comber bestimmte Themenbereiche gefragter als andere, was auch mit den gesellschaftlichen und digitalen Veränderungen zu tun hat. Aber insgesamt erfreut sich die Einrichtung, die in den Kommunen Garching, Ismaning, Unterföhring und Unterschleißheim aktiv ist, großer Beliebtheit.

Große Nachfrage

Auch die Leiterin der Volkshochschule Erding, Doris Fähr, berichtet von einer großen Nachfrage und einer stabilen finanziellen Lage. Anders als die Volkshochschule im Norden des Landkreises München, die als eingetragener Verein registriert ist, ist die Erdinger Volkshochschule seit über zehn Jahren als Zweckverband organisiert und wird von allen 26 Gemeinden des Landkreises getragen. „Wir haben eine breite kommunale Basis und die Gemeinden gehen solidarisch miteinander um“, sagt Leiterin Fähr, die über diese Organisationsform sehr froh ist. Denn einerseits ist dadurch eine gewisse Stabilität gesichert, andererseits werden alle Gemeinden bei der Programmgestaltung involviert. Ein Beispiel: Die digitale Bildung für Seniorinnen und Senioren sei den Bürgermeistern sehr wichtig gewesen, weshalb sie von der Volkshochschule gezielt in fast jedes Dorf gebracht werde, erzählt Fähr.

Volkshochschulen werden stark öffentlich gefördert. Im Durchschnitt stammen etwa 30 Prozent der Mittel aus kommunalen Zuschüssen und rund zwölf Prozent vom Land. Der Rest stamme aus Teilnehmergebühren, hinzu kämen Projektförderungen und Drittmittel, erklärt der Bayerische Volkshochschulverband. Gut funktionierende Volkshochschulen – wie die im Norden des Landkreises München und die im Landkreis Erding – finanzieren sich zu einem großen Teil über Teilnehmergebühren.

Viele Fusionen

In den vergangenen fünf Jahren musste keine bayerische Volkshochschule schließen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass viele fusionieren mussten, um zukunftsfähig zu bleiben und den gesetzlich oder verbandlich festgelegten Kriterien gerecht zu werden. Einige Beispiele aus der Region München verdeutlichen diese Tendenz: 2023 schlossen sich die Volkshochschulen Starnberg und Herrsching zusammen, 2024 die Volkshochschulen Bad Tölz, Wolfratshausen, Geretsried und Lenggries, 2025 waren die Volkshochschulen Fürstenfeldbruck, Maisach und Mammendorf an der Reihe. Nicht immer lief dieser Prozess reibungslos: Die geplante Fusion zwischen den Volkshochschulen Eching und Allershausen im Landkreis Freising platzte kurz vor der formalen Vereinigung trotz einer jahrzehntelangen losen Partnerschaft, weil Allershausen sich doch dagegen entschied. In den Nachbargemeinden Neufahrn und Hallbergmoos ist die Fusion hingegen schon 2021 erfolgt.

„Der Zusammenschluss war eine Erfolgsgeschichte“, erklärt Susanne Arndt, Leiterin der Volkshochschule Neufahrn-Hallbergmoos. Die Daten belegen das: Die Gesamtzahl der Teilnehmenden ist mehr als doppelt so hoch wie in der Zeit vor Corona, als die beiden Volkshochschulen noch getrennt waren. Insgesamt 6000 Menschen pro Jahr haben damals in Neufahrn und Hallbergmoos einen Kurs der jeweiligen Volkshochschule besucht, 2025 lag die Zahl bei etwa 14 000. Die Gemeinden wissen das sehr zu schätzen: Der Neufahrner Bürgermeister Franz Heilmeier (Grüne) spricht etwa von „beeindruckenden Nutzerzahlen“ und von einem „wertvollen und zentralen Baustein der Erwachsenenbildung in unserer Gemeinde“.

Der Bildungsauftrag einer VHS wird heutzutage „breit gefasst“

Leiterin Susanne Arndt führt die Positive Resonanz vor allem auf die Qualität der Lehrkräfte zurück. „Unsere Dozentinnen und Dozenten sind sehr gut ausgebildet und bringen viel fachliche Expertise mit “, erklärt sie. Außerdem nimmt die Volkshochschule mit ihren Inhalten gezielt Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Bedarfe. Besonders stark nachgefragt werden derzeit Kurse aus den Bereichen Gesellschaft und Gesundheit. Laut dem Bayerischen Volkshochschulverband laufen auch die Integrationskurse und die Kurse aus den Bereichen Sprachen und Kultur gut.

Die Vielseitigkeit der Inhalte – zusammen mit den niedrigen Preisen und der Fokus auf Präsenzveranstaltungen – ist das, was die Volkshochschule ausmacht. Schon immer versuchen die Einrichtungen, die Zeit widerzuspiegeln: Lag der Fokus anfangs auf politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Inhalten, sind inzwischen auch die Sparten Gesundheit und Freizeit nicht mehr wegzudenken. Einerseits ist das verständlich und hat mit der Nachfrage des Publikums zu tun, andererseits wirft es Fragen auf. Denn manch einer könnte sich fragen, was Kurse wie etwa Klangmeditation oder Alpaka-Wanderungen, die inzwischen von vielen Volkshochschulen angeboten werden, mit gesellschaftlicher Relevanz oder Gesundheit zu tun haben.

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Alina Comber, Leiterin der VHS im Norden des Landkreises München, erklärt es so: „Heutzutage wird der Bildungsauftrag einer Volkshochschule breit gefasst.“ Das bedeutet: Bildung ist nicht nur das klassische Schulwissen. Ihre Kolleginnen sehen es ähnlich: Für Susanne Arndt können Angebote wie etwa Klangmeditation dabei helfen, resilienzstärkende Techniken zu entwickeln – ein Thema, das gerade in einer Zeit der Krisen und Unsicherheit immer wichtiger wird. „Solche Angebote helfen Menschen, leistungsfähig zu bleiben und gleichzeitig zu entspannen“, sagt sie. Für Doris Fähr können Teilnehmende bei einer Alpaka-Wanderung durchaus einiges lernen, etwa den Umgang mit den Tieren. Solche Angebote haben außerdem einen entspannenden Charakter und machen das bekannt, was eine Region zu bieten hat, erklärt sie.

Abgesehen von den einzelnen Kursen, von denen manche vielleicht unerwartet klingen, besteht das Hauptziel der Volkshochschulen nach wie vor darin, Wissen und Fähigkeiten zu einem niedrigen Preis zu vermitteln – getreu dem Motto: „Bildung für alle“. Das gilt auch für die politische Bildung vor der bayerischen Kommunalwahl am 8. März. In vielen VHS-Programmen finden sich Angebote zu diesem Thema, zur Demokratie oder zu wichtigen Kapiteln der deutschen Geschichte. Es lohnt sich, darin zu blättern.

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