Einzelhandel„Der Wind weht einem strenger ins Gesicht“

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Andrea und Wolfgang Billmayer feiern ein kleines Jubiläum. Seit 35 Jahren gibt es eine Filiale des Modehauses in Freising.
Andrea und Wolfgang Billmayer feiern ein kleines Jubiläum. Seit 35 Jahren gibt es eine Filiale des Modehauses in Freising. Marco Einfeldt

Das familiengeführte Modegeschäft Billmayer in Freising wird 35 Jahre alt. Wie Familienunternehmen es schaffen, trotz Online-Shoppings im Internet zu überleben.

Von Ronja Bartel, Linn Petersen, Sofia Wildgruber, Freising/Erding

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Bereits seit den 90er-Jahren gibt es den Billmayer in Freising. Obwohl sich das Einkaufsverhalten durch das Internet stark verändert hat, ist das Modegeschäft bei vielen Leuten eine beliebte Adresse. Wie gelingt es familiengeführten Unternehmen, trotz dieses Wandels zu bestehen? Bei Gesprächen mit den Modegeschäften Billmayer, Gruber, Kraus am Eck in Erding und Chiceria in Freising zeichnen sich Gemeinsamkeiten in Geschäftsstrategien ab, vor allem besteht ein Konsens: Die wichtigste Waffe im Konkurrenzkampf mit dem Online-Handel ist Individualität.

Wolfgang und Andrea Billmayer eröffneten ihre Filiale in Freising vor 35 Jahren. An der familiengeführten Geschäftsweise schätzt Wolfgang Billmayer die Entscheidungsfreiheit bei der Auswahl des Sortiments. Dabei gingen sie „zeitgeistgetrieben“ vor: „Wir nehmen laufend neue Firmen auf und reduzieren andere oder lassen sie auslaufen.“ Die Billmayers verkauften während der Corona-Pandemie sie an der Ladentür. So gelang es, trotz Abstandsregelungen Kontakt zu Stammkunden zu bewahren. Mittlerweile empfangen 28 Beschäftigte an vier Standorten die Kunden und Kundinnen wieder persönlich im Laden. Trotzdem sind die Umstände nicht die gleichen wie vor der Pandemie.

Bei der jährlichen IKT-Umfrage des Bundesamtes für Statistik für das Jahr 2023 gaben 74 Prozent der Befragten im Alter von 16 bis 74 Jahren an, Kleidung online eingekauft zu haben. 2010 waren es bei der gleichen Umfrage (Wirtschaft und Statistik) 55 Prozent gewesen.

Diese Steigerung des Online-Shoppings hat auch Wolfgang Billmayer registriert. Trotzdem sieht der Geschäftsführer die Herausforderung nicht im Kampf gegen den Wandel, sondern im Erhalt der bestehenden Kundschaft. Laut Billmayer zeichne das Geschäft aus, dass es ein „persönlicher, kleiner und familiärer Betrieb“ sei. Durch individuelle Beratung könnten der Kundschaft markenübergreifend komplette Outfits empfohlen werden – im Online-Handel unmöglich.

Leopold Gruber vom Gewandhaus Gruber in Erding spricht von einer lebendigen, herzlichen und vielseitigen Firmen-Philosophie. Sein Geschäft investierte viel in technische Neuerungen und Personalausbildung. Atmosphäre und Auswahl der Shops sowie der Mode würden ständig an die Nachfrage angepasst.

Optisch hat sich das Gewandhaus Gruber längst der Moderne angepasst. Das Traditionsgeschäft investiert viel in technische Neuerungen und setzt auf eine herzliche Firmen-Philosophie.
Optisch hat sich das Gewandhaus Gruber längst der Moderne angepasst. Das Traditionsgeschäft investiert viel in technische Neuerungen und setzt auf eine herzliche Firmen-Philosophie. Renate Schmidt

Beim Kraus am Eck in Erding herrscht eine ähnliche Philosophie: Das Modegeschäft ist seit 1642 fester Bestandteil der Erdinger Innenstadt und offiziell das älteste Modegeschäft Bayerns. Geschäftsführer Wolfgang Kraus übernahm den Laden 2016 in der achten Generation von seinem Vater. Wie Billmayer und Gruber sieht Kraus eine aktuelle Herausforderung darin, das Geschäft an die Anforderungen der Gegenwart anzupassen. Kraus am Eck scheint also ebenfalls durch Traditionsreichtum und Nähe zum Kunden herausstechen zu wollen. Kraus und sein zehnköpfiges Team würden jedoch den Wandel im Kaufverhalten spüren. „Der Kuchen wird, was den Modekonsum angeht, insgesamt nicht größer“, bedauert der Geschäftsleiter.

Kraus akzeptiert, dass virtuelles Einkaufen für vielen Menschen mittlerweile Normalität sei. Schon immer habe es Veränderung gegeben, früher zum Beispiel durch neue Fachmarktzentren und Großmärkte im Gewerbegebiet. Jetzt sei einfach „ein neuer Player hinzugekommen“. Der Online-Handel ist nicht die einzige Herausforderung, mit denen das Geschäft zu kämpfen hat: Kraus am Eck leidet unter Personalmangel, dazu kämen Kaufzurückhaltung von Kunden, und die Umsetzung des Nachhaltigkeitsgedankens.

Kraus am Eck in Erding ist das älteste Modegeschäft in Bayern. Geschäftsführer Wolfgang Kraus akzeptiert, dass der Online-Einkauf mittlerweile Normalität ist.
Kraus am Eck in Erding ist das älteste Modegeschäft in Bayern. Geschäftsführer Wolfgang Kraus akzeptiert, dass der Online-Einkauf mittlerweile Normalität ist. Renate Schmidt

Für das kleine Modegeschäft Chiceria Woman in der „Altstadtgalerie“ der Freisinger Fußgängerzone stellt zumindest Personalmangel kein Problem dar. Die Seele des 1997 gegründeten Ladens ist ein Mutter-Sohn Gespann: Ingo und Brunhilde Burkhardt betreiben das Geschäft ohne weitere Mitarbeiter. Sie sind sich, ebenso wie Kraus und Billmayer, einig, dass Familiarität viele Vorteile bietet. Chiceria Woman zeichne, so Brunhilde Burkhardt, „das kleine Individuum“ aus: „Beide von uns kennen die Kunden bis ins Detail.“ Ingo Burkhardt ergänzt stolz: „Familienbetrieb bedeutet auch, dass die Kundin hier zur Familie gehört.“

Trotzdem haben auch die beiden eine Veränderung in der Klientel bemerkt: „Es hat sich auf jeden Fall verändert, vor allem im jüngeren Bereich. Man merkt aber auch, dass Manche online negative Erfahrungen machen und dann zurück in den Einzelhandel kommen.“ Diese „Rückbesinnung“ nimmt auch Gruber wahr. Er sieht eine Ursache in den Mühen des „Hin und Herschickens“ von Paketen. Brunhilde Burkhardt meint, besonders die jüngeren Generationen müssten sich wieder mehr auf das Individuelle einlassen: „Die Leute müssen raus in die Städte, damit die Städte leben. Wenn man nur von der Couch aus kauft, bleiben die Straßen leer.“

Viele der Geschäftsführenden benutzen, wenn sie über Online-Shopping sprechen, das Wort Konkurrenz. In Bezug auf andere Modegeschäfte fällt dieses Wort nicht, hier ist von „Mitstreitern“ die Rede. Brunhilde Burkhardt sagt dazu: „Man kennt sich, man grüßt sich, man fragt, wie es geht. Es ist ein gutes Miteinander und wir profitieren vom jeweils anderen.“ Auch das unterscheide die Modegeschäfte vor Ort vom Online-Handel, sagt die Chiceria-Geschäftsführerin. Da sei der Konkurrenzkampf wesentlich größer. Leopold Gruber spricht gar von einem „großen Haifischbecken“: „Ich weiß gar nicht, ob ich da als kleiner Goldfisch mit schwimmen wollen würde.“ Auf einen Onlineshop verzichte der Betrieb daher. Die Bezeichnung „kleiner Goldfisch“ liegt aus der Sicht von Außenstehenden nicht nahe, hat der Gruber doch etwa 280 Mitarbeitende in vier Filialen.

Brunhilde und Ingo Burkhardt von der Modeboutique Chiceria kennen die Wünsche ihrer Kundinnen bis ins Detail.
Brunhilde und Ingo Burkhardt von der Modeboutique Chiceria kennen die Wünsche ihrer Kundinnen bis ins Detail. Marco Einfeldt

Spricht der Geschäftsführer von den Vorteilen eines Familienbetriebs, wird klar, dass da Welten liegen zu Großkonzernen wie Zalando und Co. Seine ganze Familie arbeite beim Gruber, Frau, Mutter, Vater, Brüder - es sei ein nettes, herzliches Miteinander. Nicht nur zu seiner Familie hat der Geschäftsführer engen Kontakt, auch zu den Mitarbeitenden versucht der Betrieb gute Beziehungen zu führen, sagt Gruber: „Da gibt es keine bloßen Nummern, jeder ist ein Mensch mit eigener Geschichte und eigenem Hintergrund“. Am Ende wolle, so der Geschäftsführer, ja jeder gerne in die Arbeit gehen.

Um die Zukunft scheint sich keiner der drei Betriebe Sorgen zu machen. Brunhilde Burkhardt arbeitet seit 36 Jahren in der Branche. Sie sagt: Im Handel weiß man leider nie, wo der Weg hingeht.“ Kraus wird „bestärkt durch den täglichen Zuspruch seiner Kundinnen und Kunden“. Er glaubt fest daran, dass es den stationären Einzelhandel weiter geben wird. Allerdings würde er wahrscheinlich herausfordernder werden: „Der Wind weht einem strenger ins Gesicht heutzutage“. Leopold Gruber sagt, lokale Betriebe und Online-Handel könnten „nebeneinander“ existieren. Auch Wolfgang Billmayer blickt positiv in die Zukunft: „Mit einer unserer Töchter haben wir eine Nachfolgerin in den Startlöchern. Das ist für uns Motivation, das Feld mit einer guten Übergabe so zu bestellen, dass die nächste Generation Lust und Laune hat.“

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