Thomas Lehnerer (1955 – 1995) wurde nur 39 Jahre alt. Er starb an den Folgen einer schweren Krankheit. In diesem viel zu kurzen Leben hat der Münchner Künstler, als Zeichner, Bildhauer, Theologe, Philosoph, Kunsthistoriker und Pädagoge Erstaunliches geschaffen. Als hätte er geahnt, dass ihm nicht viel Zeit bleiben würde. Der Nachwelt hat er ein zeitloses künstlerisches Werk hinterlassen, das sich mit dem Kern der menschlichen Existenz befasst: ihrer absoluten Machtlosigkeit.
Das Diözesanmuseum auf dem Freisinger Domberg bewahrt Bronzefiguren, Papierarbeiten und eine Installation aus dem Werk des Münchner Künstlers auf. Jahrelang waren die Plastiken und zarten Aquarelle aus der Sammlung des Hauses in Kisten verpackt. Das Diözesanmuseum ist bekanntlich nach einer 73 Millionen teuren Rundumsanierung 2022 nach fast zehn Jahren wieder eröffnet worden.
„Beim Aufräumen haben wir gesehen, wie schön seine Plastiken und Zeichnungen sind“, erinnert sich Carmen Roll, stellvertretende Direktorin des Museums. Darum und auch aus Anlass des 30. Todestages von Thomas Lehnerer, der außerdem jetzt im September seinen 70. Geburtstag hätte feiern können, widmet das Museum dem Künstler eine Sonderausstellung in der neuen Reihe „Interventionen“.
„Letztlich doch radikal machtlos“
„Homo pauper“ lautet der Titel dieser Ausstellung. Den armen, bedürftigen Menschen hat Thomas Lehnerer dem „Homo sapiens“ und dem „Homo faber“ zur Seite gestellt. Warum er diesen Begriff für seine Kunst gewählt habe, fragte ihn 1993 in Basel ein Kurator. Die Antwort Lehnerers: „Denn sowohl im Ganzen gesehen als auch individuell, im eigenen Leben sind wir letztlich doch radikal machtlos. Eine demütige und entsprechend machtfreie, eine arme Grundhaltung, käme unserer Natur wohl viel eher entgegen.“
Nachzulesen ist das in dem Essay, den Peter Steiner, von 1979 bis 2007 Direktor des Diözesanmuseums in Freising, für die Publikation verfasst hat, die jetzt zur Ausstellung von Thomas Lehnerer erschienen ist. Steiner war Förderer der zeitgenössischen Kunst in dem kirchlichen Museum.
In seinem Beitrag erinnert sich Steiner auch, dass Lehnerer die Ausstellung seiner Werke mit dem Titel „Licht der Welt“ 1996 nicht mehr hatte erleben können. Zu sehen war damals auch die Installation „Doppelnatur“ aus dem Jahr 1983, eine auf dem Kopf stehende gekreuzigte Christusfigur, die sich in einem verglasten Kubus spiegelt.

Die Installation gehört zu den frühen Erwerbungen des Diözesanmuseums aus dem Werk von Thomas Lehnerer. Der gekreuzigte Christus auf dem Kopf: Traditionalisten hat das immer wieder irritiert. Katharina Huys aus dem Team des Diözesanmuseums erläutert in der Publikation zur Ausstellung, der Titel „Doppelnatur“ beziehe sich auf die Lehre von den zwei Naturen Christi: Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch.
Im „Freisinger Saal“ des Diözesanmuseums beherrscht die monumentale Installation den Raum, lässt den Betrachter still davor verharren. Die kleinen Bronzeplastiken Lehnerers können sich dagegen durchaus behaupten. Wer sich ihnen nähert, spürt ihre eigenständige Präsenz.


Kluge Gesichter blicken einen an, aufrecht und selbstbewusst stehen die kleinen, oft nur handgroßen Figuren da. Thomas Lehnerer formte sie mit der Hand meist aus Wachs, bevor sie in Bronze gegossen wurden. Man sieht die handwerkliche Arbeit des Künstlers, seine Daumenabdrücke, die der Figur ihre Form gaben. „Ähnlich dem Schöpfungsakt Gottes, der Menschen aus der Erde des Ackerbodens formte“, wird in der Ausstellungsbeschreibung erläutert.
Das ist es dann auch, was das Werk von Thomas Lehnerer am verständlichsten beschreibt: eine tiefe Religiosität, Spiritualität und Ehrfurcht vor der menschlichen Existenz.
Thomas Lehnerer, „Homo Pauper“, bis 5. März, Diözesanmuseum Freising, das Museum ist Dienstag bis Sonntag von 9 bis 17 Uhr geöffnet. Montags geschlossen.

