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Am Pullinger Weiher:Die wilden Zeiten sind vorbei

Noch wird an den westlichen Pullinger Weihern Kies abgebaut. Hier könnte später einmal ein Badesee ohne zu viel Reglementierung entstehen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Obwohl gleich mehrere Stadträte verschiedener Fraktionen ihre anarchistische Ader neu entdecken: In einem Erholungsgebiet regelt eine Satzung, was Erholung ist

Was waren das noch für Zeiten, damals vor mehr als 30 Jahren, als Männer wie Rudi Schwaiger, Sebastian Habermeyer und Karl-Heinz Freitag nicht nur gemeinsam die Schulbank drückten, sondern sich auch des Abends am Pullinger Weiher trafen - vielleicht nicht direkt am gleichen Lagerfeuer, wohl aber an benachbarten; und vor allem: In totaler Freiheit!

Und wirklich, was konnte man da als junger Mensch nicht alles tun und lassen. Feuer anzünden, ohne eine ausgewiesene Grillstelle aufgesucht zu haben, nachts baden, nackt baden, Feste feiern, ohne sie anzumelden, auf Isomatten schlafen, verbotenerweise auf den Förderbändern des Kieswerks herumklettern oder vom großen Bagger in den See springen - na, gut, das konnte man auch lassen.

Auf jeden Fall herrschte eine gewisse Anarchie, an die sich Habermeyer, Freitag und Schwaiger - die mittlerweile gemeinsam, wenn auch auf unterschiedlichen Seiten, die Stadtratsbank drücken - offenbar gerne erinnern. Entsprechend schwer fiel es ihnen in der Sitzung am Donnerstag, der totalen Durchreglementierung des neuen Erholungsgebietes "Pullinger Seen" via Satzung zuzustimmen.

Kein offenes Feuer, keine Übernachtungen, keine Hunde und keine "Tonwiedergabegeräte" - Sebastian Habermeyer (Grüne) erklärte sich für "genervt von der Satzungsdichte im Freizeitbereich". Rudi Schwaiger (CSU) hatte schon bei der ersten Beratung des Regelwerks im Finanzausschuss kritisiert, dass das Tauchen im Pullinger Weiher nicht mehr erlaubt sein soll, nach neuesten Erkenntnissen auch nicht außerhalb der Saison. Dieser Sport diene seinen Anhängern schließlich auch zur Erholung, wiederholte er seine Bedenken im Stadtrat, rief damit aber Karl-Heinz Freitag (FW) auf den Plan, der sich um die Laich der Fische sorgte, die durch den Tauchbetrieb beeinträchtigt würde.

Gleichwohl gab auch er zu verstehen, dass "die Veränderungen an den Weihern vielen früheren Nutzern nicht gefallen" und erntete zustimmendes Nicken der Kollegen. Fast schien es, als könnte die Stimmung im Stadtrat kippen, die Satzung abgelehnt werden, die Anarchie vergangener Jahrzehnte sich erneut Bahn brechen . . . da meldete sich mit der Stimme von Hausjuristin Ingrid Hannemann-Heiter die Vernunft zu Wort. Wenn man die skizzierte Freiheit an den Weihern wolle, sagte sie nüchtern, "dann darf man sie nicht an den Erholungsflächenverein übergeben".

Genau diese Übergabe hatten die Stadträte indes zu einem früheren Zeitpunkt selbst beschlossen, auch, weil die Neugestaltung der Pullinger Seen damit von dem Verein übernommen - und bezahlt - wurde. Und weil im Leben nichts wirklich umsonst ist, müssen in dem Erholungsgebiet die in der Satzung fixierten Regelungen gelten, das war schlicht Bedingung für die Übernahme.

Der Erholungsflächenverein "grast alles ab, dann darf man dem vielleicht nicht immer alles übergeben, wenn man auch mal etwas für Menschen mit Hunden oder Taucher tun will", empörte sich dann noch Johanna Hiergeist (FW) - und Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher sicherte zu, für die beiden weiteren, bislang noch nicht angelegten Pullinger Kiesweiher eine andere Lösung prüfen zu lassen.

Zu viel Hoffnung auf eine Rückkehr der Weiheranarchie sollten sich die Stadträte allerdings trotzdem nicht machen: Am Vöttinger Weiher, der statt vom Erholungsflächenverein von der Stadt Freising betreut wird, gelten dieselben Regeln und Beschränkungen.