Die Stadt Freising, man muss es so wahrnehmen, sie putzt sich heraus. Ob geöffnete Moosach und neues Pflaster an der Hauptstraße, Verwandlung des alten Asamgebäudes in ein neues Bürgerhaus oder Neugestaltung des Dombergs inklusive neu eröffnetem Diözesanmuseum und Bau eines gläsernen Aufzugs: Im Jahr vor der Feier des 1300. Bistumsjubiläums wird allenthalben saniert, repariert, neu verputzt und poliert.
Sogar manch ein grantelnder Hauseigentümer, dem die neue Innenstadtkonzeption lange nur Verdruss bedeutete, hat sich anstecken lassen - das eine oder andere unansehnlich gewordene Privatgebäude wird nun ebenfalls auf Vordermann gebracht. Schließlich kommt 2024 auch die Landesausstellung nach Freising, da darf ein wenig Glanz schon sein.

Newsletter abonnieren:SZ Gerne draußen!
Land und Leute rund um München erkunden: Jeden Donnerstag mit den besten Freizeittipps fürs Wochenende. Kostenlos anmelden.
Umso seltsamer wirkt in all der wienernden Geschäftigkeit das so genannte Uth-Haus an der Fischergasse 2. Eingezwängt zwischen Fuß des Dombergs, Altem Gefängnis und Cafehaus, irgendwie vergessen und aktuell auch gut verborgen hinter ein paar Freisinger "Wanderbäumen", verrät schon die Fassade, dass hier seit Jahrzehnten niemand mehr Wert auf schöner Wohnen gelegt hat.
In dem Haus ist es an diesem Sommertag warm wie in einer gut aufgeheizten Sauna. Das liegt nicht nur an den Fenstern, die fest verrammelt sind, sondern auch an dem Blechdach, das die Stadt hat anbringen lassen. Wasser, Feuchtigkeit generell, schadet der Bausubstanz arg - und vor allem den Dachstuhl gilt es zu schützen.



Er ist bei einer dendrochronologischen Untersuchung vor ein paar Jahren auf die erstaunliche Entstehung 1347/1349 datiert worden. Eine kleine Sensation, weil man das Uth-Haus damit als eines der ältesten Gebäude der Stadt identifiziert hatte. Es bestand wohl im Jahr 1491 schon weitgehend in seiner heutigen Form, samt wieder verwendetem Dachstuhl.
Als man das noch nicht wusste, also kurz vor dieser Untersuchung, wäre das Haus als vermeintlicher Schandfleck fast abgerissen worden, die entsprechende Genehmigung war bereits erteilt, wie sich Stadtbaumeisterin Barbara Schelle erinnert. Dass das Haus trotzdem noch steht, ist ihr und auch ein bisschen dem Zufall zu verdanken. Denn als für die Fläche hinter dem Asamgebäude eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben wurde, wurde auch das Areal bis zum Uth-Haus mit untersucht - und dabei fiel auf, dass die Abrissgenehmigung abgelaufen war. Schelle, damals frisch im Amt, ließ dann noch einmal einen etwas genaueren Blick auf das Uth-Haus werfen - und am Ende der Bauforschung wurde das Gebäude zurückbefördert in den Status als Einzeldenkmal.

Damit haben nun also die Denkmalschützer den Daumen auf dem Uth-Haus - und die Stadt als Eigentümerin ein bisschen den Schwarzen Peter. Alte Häuser zu sanieren, kostet ohnehin viel Geld, das denkmalgerecht tun zu müssen, ist noch einmal deutlich teurer. Aber natürlich kann eine Stadt nicht von Privateigentümern verlangen, dass sie sich um die historische Substanz ihrer Gebäude in der Altstadt kümmern, sich selber aber dieser Verpflichtung entziehen.
Also kümmert sich die Stadt. Da ist nicht nur das schützende Blechdach, da sind nicht nur die Deckenstützen und die Stellen, an denen der Boden bereits genauer untersucht wurde, es kommt auch regelmäßig ein Statiker, der die Standfestigkeit prüft und zum Beweis seiner Tätigkeit kleine Aufkleber an den Wänden hinterlässt. Bleiben diese bis zu seinem nächsten Besuch intakt, verziehen sich nicht oder reißen gar, hat sich auch das Mauerwerk kaum oder gar nicht verschoben.



Auch ansonsten finden sich an den Wänden Spuren. Die letzten regulären Bewohner haben eine psychedelisch anmutenden Blümchentapete im Erdgeschoss hinterlassen, auf der auch noch ein paar alte Mofa-Nummernschilder kleben. Einige Türen sind verziert mit Aufklebern von der Lufthansa und natürlich finden sich überall Graffiti. "Peace" steht da, "Rasta" an einer anderen Wand - und ein möglicher Hinweis auf die Urheber "www.fs-graffitti.stylers.hpage.com". Die Website allerdings ist nicht - oder nicht mehr - zu erreichen.
Früher seien immer mal wieder ungebetene Besucher in das Haus eingedrungen, hätten es ausgeräumt und teilweise auch dort genächtigt, sagt der Mann vom Hausmeisterservice, der regelmäßig vorbei schaut, aber inzwischen habe man das Gebäude wohl gut genug gesichert. Die Treppen sind wenig Vertrauen erweckend, Möbel gibt es ohnehin nicht mehr - nur in einer Ecke im ersten Stock steht noch ein Kruzifix am Boden, vielleicht 30 Zentimeter hoch und arg angerostet.

An solchen Kreuzen vergreift sich nie jemand, wie der Hausmeister weiß: Alles wird zerschlagen, bemalt, gestohlen, aber an die Kreuze traut sich keiner ran. Tatsächlich gehörte auch das Uth-Haus einst der in Freising stets allgegenwärtigen Kirche. Es war bis zur Säkularisation ein Chorherrenhof des Kollegiatstiftes St. Paul. Nach 1803 ging es in privaten Besitz über und wechselte mehrmals seine Besitzer, wie sich anhand der Häuserkartei nachvollziehen lässt. Die handschriftlichen Eintragungen dort werfen Schlaglichter auf das Haus und seine Bewohner vom frühen 19. Jahrhundert an.
Gekauft hat es demnach im Jahr 1805 der Kanonikus Alois Hiernle für den Preis von 500 Gulden. Hiernle starb 1820 - und für das Jahr 1827 ist vermerkt, dass seine Witwe Ursula ein "Verehelichungsgesuch" stellte, weil sie den pensionierten Feldwebel und Mechanikus Mair heiraten wollte.
Ein Verfahren wegen Unzucht verhindert zunächst die Hochzeit
Die Bewilligung wurde zunächst verschoben, weil gegen den besagten Feldwebel offenbar ein Verfahren wegen Unzucht anhängig war. 1828 wurde die Hochzeit dann endgültig untersagt, weil man dem Paar nicht zutraute, sich selber ernähren zu können. Andere Zeiten.
Die immer noch ledige Ursula Hiernle verkaufte das Haus schließlich an den Schuhmacher Mathias Hirner aus Neustift, dessen Familie dann in den folgenden Jahren vor allem darum kämpfte, ihr Handwerk in der Stadt ausüben zu dürfen. Zu schaffen machte den Hirners auch ein Erdrutsch vom Domberg her - aus dieser Zeit stammt beispielsweise eine Stützmauer hinten im Garten.



Mitte des 20. Jahrhunderts lebte schließlich eine Familie namens Uth an der Fischergasse 2, nach der das Haus auch bis heute benannt ist. 1986 hat die Stadt es gekauft. Dass es erhalten und hergerichtet werden muss, darin sind sich Barbara Schelle und Stadtarchivar Florian Notter einig. "Jedes Haus aus dem Mittelalter ist wertvoll", sagt Notter: "So viele gibt es davon in Freising nicht mehr." Sehr besonders sei das Uth-Haus, bestätigt Schelle, schon wegen der Blockhauskonstruktion aus geflößten Hölzern und weil es eines der letzten Zeugnisse der alten Fischergasse darstelle. "Da ist schon viel zu viel weggerissen worden."
Eine Idee für eine Nutzung gäbe es auch schon: Auf der angrenzenden Fläche könnte ein Neubau für das Stadtarchiv entstehen - und dessen Verwaltung könnte in einem dann sanierten Uth-Haus untergebracht werden. Das aber wird frühestens umgesetzt werden können, wenn all die anderen Sanierungsprojekte schon einmal glänzen - und dann muss natürlich auch das nötige Geld vorhanden sein.
Zumindest ein Kruzifix für den Schutz aller künftigen Nutzer des Hauses würde es ja schon geben.
Verwunschen, verwittert, vergessen: Die neue SZ-Serie führt Sie an Orte im Münchner Umland, die dem Verfall preisgegeben wurden. Diese und künftige Folgen finden Sie hier .

