Freising - Demenz sei bereits jetzt ein großes Thema, sagt Edith Wesel, "und es wird angesichts des demografischen Wandels zu einem noch größeren werden." Edith Wesel ist Expertin, sie berät im Caritaszentrum Freising an Demenz erkrankte Menschen und deren Angehörige. Im vergangenen Jahr sei die Zahl ihrer Klienten in der Fachstelle für pflegende Angehörige und der Demenzberatung im Vergleich zu 2020 um 20 Prozent gestiegen. "Unsere Kapazitäten sind ausgereizt."
Umso mehr habe sie sich gefreut, dass der Landkreis nun Mittel aus dem Bundesförderprogramm "Lokale Allianzen für Menschen mit Demenz" des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bekommt. Die Geschäftsführerin der Gesundheitsregion plus Landkreis Freising, Susanne Bauer, hatte den Antrag im Januar 2021 eingereicht - und sich zuvor die Genehmigung dafür in den Kreisgremien eingeholt. "Die Bewerbung war erfolgreich, so dass wir nun jährlich 10 000 Euro für drei Jahre für den Aufbau eines Demenznetzwerkes erhalten", berichtet Robert Stangl, Pressesprecher des Freisinger Landratamtes.
Das Projekt startet in Mauern
Konkret sei für die drei Jahre geplant, ein Bewegungsangebot für Menschen mit Demenz in drei Gemeinden des Landkreises zu etablieren. Übungsleiterinnen und Übungsleiter werden dafür speziell geschult, sie sollen für die Betroffenen vor Ort wöchentlich etwas anbieten. Einmal im Monat ist zudem ein Programm für die Angehörigen geplant: Vorträge, Beratungen und daneben Entspannung und Sport.
Vor allem Gemeinden, in denen die Betreuung nicht so breit und vielfältig sei wie in den Städten Freising oder Moosburg, sollen bedacht werden, sagt Stangl. Start des Projekts, das ganz im Zeichen der Teilhabe und Integration von Betroffenen und Angehörigen direkt vor Ort stehe, ist in der Verwaltungsgemeinschaft Mauern. Danach wird es auf Au und Allershausen ausgeweitet. "Für dieses geplante Angebot und für die jährlich stattfindende Freisinger Demenzwoche ist das Fördervolumen eine sehr große Hilfe", betont Stangl. Außerdem könne mit der Förderung die landkreisweite Beratung noch ausgebaut und beispielsweise auch in Online-Formaten angeboten werden.

Mut, den kranken Partner abzugeben:Ein wunderbares Angebot
Im Café Miteinander werden an Demenz erkrankte Menschen in heiterer Atmosphäre betreut. Der Nutzen für Patienten und pflegende Angehörige ist groß, doch der Caritas mangelt es an ausgebildeten Helfern
Durch diese Förderung sei der Landkreis nun eine von bundesweit vielen "Lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz". Dadurch stehen den Netzwerkpartnern, also den Fachkräften, viele kostenlose Schulungsmöglichkeiten und die Chance zur bundesweiten Vernetzung mit den anderen lokalen Allianzen offen, was für den Landkreis nur von Vorteil sei. Das Thema sei ein sehr wichtiges, sagt Robert Stangl.
Lokale Zahlen können derzeit nur geschätzt werden
Für den Landkreis Freising gebe es derzeit zwar keine belastbaren Zahlen zu von Demenz betroffenen Menschen. Bayernweit aber werde bis 2030 die Zahl der Betroffenen um ein Viertel von etwa 240 000 auf 300 000 ansteigen. Umgerechnet auf den Landkreis mit etwa 180 000 Einwohnern entspräche dies aktuell einem Wert von etwa 3300 Landkreisbürgern mit Demenz. 2030 könne man nach dieser Berechnung bereits von etwa 4100 Betroffenen ausgehen. Allerdings sei das keine belastbare Zahl, sondern nur eine grobe Schätzung, betont der Pressesprecher.
Die Arbeitsgruppe "Demografie" der Gesundheitsregion plus, die bereits seit 2016 unter der Leitung von Kreisrat Heino Pause tätig ist, sei allerdings schon selbst ein "kleines Demenznetzwerk" im Landkreis Freising gewesen. "Für alle Aktionen stand aber kein Budget zur Verfügung. Die Freisinger Demenzwochen oder die Aktionstage Seniorengesundheit beispielsweise mussten aus Landkreisgeldern finanziert werden", berichtet Stangl. Für solche Projekte könne nun auch das Geld des Förderprogrammes genutzt werden.
In der Arbeitsgruppe liege der Schwerpunkt auf dem Thema Demenz, "einem sehr wichtigen Thema", sagt auch Heino Pause. Zwar gebe es im Landkreis bereits von vielen Akteuren, wie den Wohlfahrtsverbänden, Kreisseniorenbeirat und Klinikum Freising, ein breit gefächertes Angebot, aber ausreichend sei dieses noch nicht. "Wir fangen erst damit an." Auch müsse in der Öffentlichkeit noch eine größere Aufmerksamkeit geschaffen werden. Eine Demenzerkrankung nämlich bedeute für alle - für die Erkrankten und deren Angehörige - eine extrem große Herausforderung.
Die Pflege ist für Angehörige "unglaublich anstrengend"
Das sieht auch Edith Wesel von der Caritas so: Demenz sei inzwischen zu einem sehr komplexen Thema geworden, alleine schon deshalb, weil sich das Familiengefüge stark verändert habe, sagt sie. Früher sei die dement gewordene Oma in der Großfamilie mitbetreut worden, heutzutage dagegen seien die Rahmenbedingungen ganz andere. Berufstätige Angehörige bräuchten eine Unterstützung von außen.
Es sei eine Art Baukastensystem, das sich aus Tagespflege, ambulanter Pflege und verschiedenen Gruppen für Betroffene und Angehörige zusammensetzt. Für Angehörige sei diese Pflege "unglaublich anstrengend". Mitzuerleben, wie ein Elternteil oder der Partner sukzessive seine Identität verliere, sei extrem belastend., sagt Edith Wesel. In der Fachstelle spiele deshalb auch die psychosoziale Unterstützung eine Rolle.
Zwar gebe es in Freising, Erding und Moosburg bereits ein relativ enges Unterstützungsnetz, in den kleineren Gemeinden dagegen sei das bislang noch nicht so, dort gebe es vorerst nur sehr wenig Angebote. Mit der zugesicherten Förderung könne nun einiges angestoßen werden. "Wichtig aber wäre, dass es nicht nur ein Projekt bleibt, sondern auch langfristig laufen kann."
