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Folge der Corona-Krise:Mehr Fälle häuslicher Gewalt in Freising

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Sowohl das Bayerische Rote Kreuz Freising als auch die Diakonie melden zunehmend Probleme innerhalb von Familien.

(Foto: Günther Reger)

Die Ausgangsbeschränkungen zeigen erste Folgen, die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt steigt auch in Freising an. In der Diakonie ist man bemüht, unbürokratisch Lösungen zu finden - das Frauenhaus aber ist voll belegt.

Seit über einer Woche gelten die Ausgangsbeschränkungen: Ohne Grund sollte man die Wohnung oder das Haus nicht verlassen, auch die Kinder gehen nicht zur Schule oder in die Kita. "Dieses erzwungene Zusammensein ist für viele Familien ungewohnt. Es kann stressen und Aggressionen fördern", sagt Beate Drobniak, Vorständin der Diakonie Freising. Man rechne mit einem Anstieg der Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt, dies sagte Freisings Polizeichef Ernst Neuner vor einigen Tagen bei einer Pressekonferenz des Landrats. Wirklich überraschend kommt dies nicht.

Im chinesischen Wuhan beispielsweise ist die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt in der Corona-Krise um das Dreifache gestiegen. In Spanien soll es laut Medienberichten sogar zu versuchten Tötungen zwischen Partnern, die in Quarantäne waren, gekommen sein.

Montagsinterview

Beate Drobniak ist Vorsitzende der Diakonie in Freising.

(Foto: Lukas Barth)

Die Diakonie in Freising berichtet bereits von einem spürbaren Anstieg. "Bei uns melden sich schon jetzt mehr betroffene Frauen", sagt Beate Drobniak. Es sei für Familien "wahnsinnig anstrengend", immer zusammensein zu müssen. "In dieser Situation fällt einem schnell die Decke auf den Kopf." Dazu komme, dass viele Familien nun große Zukunftsängste haben. "Viele sind von Kurzarbeit oder einem drohenden Arbeitsplatzverlust betroffen, das löst eine existenzielle Krise aus", erklärt Drobniak. Diese Probleme könnten eine ohnehin schon angespannte familiäre Situation noch einmal verschärfen - relativ schnell könne diese dann komplett eskalieren.

Auch beim Roten Kreuz melden sich zunehmend Eltern

Beim Bayerischen Roten Kreuz in Freising, das Träger mehrerer Kindergärten ist, melden sich zunehmend verzweifelte Eltern, berichtet BRK-Kreisgeschäftsführer Albert Söhl. "Die sagen, dass sie am Durchdrehen sind." Die Isolation, die Ungewissheit, wie es weitergeht - das Leben der Menschen sei aus den Fugen geraten. "Die meisten wissen nichts mit sich anzufangen. Wenn dann noch Alkohol ins Spiel kommt, gerät das schnell außer Kontrolle." Schon in der ersten Woche der Ausgangsbeschränkung wurde der Rettungsdienst zu einer Prügelei zwischen einem Paar gerufen, die Polizei musste einschreiten. "Es wird aber - je länger die Ausgangsbeschränkungen gelten - sicher noch mehr Fälle geben", sagt Söhl.

"Wenn man auf engem Raum sitzt, steigt die Gereiztheit", sagt auch Michael Ertl, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Freising. Bei massiven Streitigkeiten oder bei körperlicher Gewalt spreche die Polizei ein Kontaktverbot aus. Das bedeute, dass der Täter - in etwa 80 Prozent seien das Männer - vorübergehend die gemeinsame Wohnung oder das Haus verlassen muss. In der Corona-Krise sei es zwar nicht so einfach, ein Hotelzimmer zu finden, sagt Ertl. "Aber in Sonderfällen wie diesen ist das möglich - beziehungsweise gibt es auch andere Unterbringungsmöglichkeiten. Bei sehr renitenten Tätern ist das für eine Nacht dann auch mal die Arrestzelle." Außerdem weist die Polizei die Opfer auf die Interventionsstelle und das Frauenhaus der Diakonie hin und gibt die Adresse der Frau, falls diese damit einverstanden ist, an diese weiter.

Das Frauenhaus ist voll - es gibt aber andere Hilfsmöglichkeiten

Die betroffenen Frauen sollten sich in dieser Situation Hilfe suchen, betont Beate Drobniak. Die Diakonie-Fachberatungsstelle "Hilda", "Hilfe ist da", die erst kürzlich eröffnet wurde, bietet neben dem Frauennotruf den Opfern häuslicher Gewalt eine Anlaufstelle. Dort finde eine Krisenberatung statt, zunächst werde geklärt, was in der Familie los sei. "Wir versuchen, dann unbürokratisch eine Lösung zu finden", schildert Drobniak. Das Frauenhaus aber sei voll, dort könne man derzeit keine neuen Fälle aufnehmen. Die fünf Plätze für Frauen und acht für Kinder sind alle belegt.

Beate Drobniak hat sich in ihrer Not nun an Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher und an Landrat Josef Hauner gewandt. Sie appelliert an beide, den Opfern häuslicher Gewalt Wohnungen zur Verfügung zu stellen. "Irgendwo müssen diese Frauen doch eine Zuflucht finden", sagt sie. Von einem Hotel habe sie bereits das Angebot erhalten, die leer stehenden Zimmer zu nutzen, berichtet die Diakonie-Vorständin. "Wir sind für alles dankbar, wir brauchen die Plätze dringend."

Laut einer Pressemitteilung der bayerischen Sozialministerin Carolina Trautner wird derzeit geprüft, wie zusätzliche Plätze für betroffene Frauen geschaffen werden können. Auch die Finanzierungsfragen sollen geklärt werden. "Dabei werden auch die kommunalen Spitzenverbände eingebunden, da es in erster Linie Aufgabe der Kommunen ist, eine ausreichende Zahl an Hilfsangeboten für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen und deren Kinder zur Verfügung zu stellen."

Die Fachberatungsstelle Hilda der Diakonie Freising mit Frauennotruf und Interventionsstelle für Opfer häuslicher Gewalt ist unter der Telefonnummer 0 81 61/49 47 40 erreichbar.

© SZ vom 31.03.2020/nta
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