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Freisinger Wirte sorgen sich um die Zukunft:Unverständnis und Enttäuschung

Maske, Schmuddelwetter und der nächste Lockdown vor der Tür: Auch im Landkreis Freising herrscht dieser Tage allenthalben Katerstimmung.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der "Lockdown light" trifft auch die Gastronomen im Landkreis Freising hart. Weil sie seit Beginn der Pandemie mit umfassenden Hygienekonzepten für die Sicherheit ihrer Gäste gesorgt haben, fühlen sie sich nun zu Unrecht gestraft.

Von Alexander Kappen, Petra Schnirch und Alexandra Vettori, Freising

Am Mittwoch haben Bund und Länder einen "Lockdown Light" für den Monat November beschlossen, der vor allem drastische Einschnitte für die Gastro-Branche vorsieht. Von Montag an dürfen Speisen nur noch außer Haus verkauft werden, Freizeiteinrichtungen wie Kinos bleiben geschlossen, Veranstaltungen sind ebenso untersagt wie touristische Übernachtungen. Im Landkreis Freising wie in den sozialen Medien schwanken die Reaktionen zwischen Unverständnis und blanker Enttäuschung. Denn das Infektionsgeschehen ist "diffus", wie Landrat Helmut Petz im Gespräch mit der SZ sagte, und Restaurants seien nicht das Problem.

"Das ist natürlich eine dramatische Lage", sagt Thierry Willems, Pächter des Weihenstephaner Bräustüberls. "Wir waren bis Kirchweih sehr gut unterwegs." Das Geschäft habe sich stabilisiert. Er hofft nun, dass zumindest das kommende Wochenende noch gut laufen wird, auch den Biergarten will er nochmals öffnen. Über die aktuelle Entwicklung zeigt er sich enttäuscht, man habe ein gutes Konzept gehabt. Dann sagt Willems etwas, was zunächst widersinnig klingt: "Ich bin eigentlich erleichtert, dass wir schließen müssen." Denn schon in den vergangenen Tagen seien die Gäste nach den Appellen der Politiker, die Kontakte einzuschränken, ausgeblieben. "Wir hatten noch 20 Kunden mittags und 20 abends." Feiern mussten abgesagt werden. Die Leute seien ziemlich verunsichert. Vermutlich hätte er ohnehin einige Tage zumachen müssen, sagt Willems.

Wie es im Dezember weitergehen wird, darüber will er noch nicht nachdenken. Das Adventsgeschäft "ist kaputt", an Weihnachten müsse man sehen. Er versuche, "kühlen Kopf zu bewahren und das Personal zu beruhigen", sagt der Bräustüberl-Wirt. Wie stark die Verluste durch die zugesagten Hilfen des Bundes aufgefangen werden können, dazu kann Willems noch nichts sagen. Die Regierung habe aber schon einiges gemacht, attestiert er. Aktuell sieht die angekündigte außerordentliche Wirtschaftshilfe vor, Betrieben mit bis zu 50 Mitarbeitern bis zu 75 Prozent ihrer Umsätze im Vergleich zum Vorjahresmonat zu ersetzen. Größere Betriebe sollen bis zu 70 Prozent erhalten.

Elisabeth Hofmeier, Freisinger Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststätten-Verbandes Dehoga, kann die Zielrichtung der Maßnahmen nach eigenen Worten "nicht ganz nachvollziehen". Das Infektionsgeschehen sei schließlich gerade mal zu 0,5 Prozent auf die Gastronomie zurück zu führen, sicher auch dank der Hygienekonzepte, die es überall gebe. Hofmeier betreibt selbst im Neufahrner Ortsteil Hetzenhausen einen Landgasthof, zum Restaurant gehört auch ein Hotel mit 58 Zimmern. Während es im Küchenbereich schon im Sommer wieder recht gut gelaufen sei, habe man bei den Übernachtungen starke Rückläufe, "das wäre jetzt gerade wieder langsam losgegangen", so Hofmeier.

Ihr Hotelbereich zeigt auch deutlich das Problem mit dem eingeschränkten Betrieb: Hotels und Pensionen dürfen noch Gästen beherbergen, allerdings nur Geschäftsreisende. Doch die Einnahmen werden sinken, fixe Kosten fallen aber auch bei Teilbetrieb an. Sie selbst, sagt Hofmeier, werde nur einige treue Geschäftsreisende, die Stammkunden sind, weiter beherbergen, "die lassen wir nicht im Regen stehen". Ansonsten werde sie das Service-Personal wieder in Kurzarbeit schicken, "das Hotel-Personal war noch gar nicht wieder da". Rückmeldungen von anderen Gastronomen aus dem Landkreis habe sie noch nicht bekommen, erzählt sie, sie sei gerade von einer Dienstreise zurück gekommen, "das hat uns jetzt eiskalt erwischt".

Verena Dollingers Enttäuschung kann man selbst übers Telefon förmlich greifen. "Das ist natürlich eine blöde Situation", sagt die Betreiberin der Moosburger Rosenhof-Lichtspiele. Der Betrieb in dem Kino, zu dem auch ein Restaurant gehört, war - den Umständen entsprechend - gerade wieder richtig gut angelaufen. Während die Gastronomie bereits seit Ende Mai geöffnet war, lief der Kinobetrieb erst seit zehn Wochen - und jetzt ist schon wieder Schluss. Nach zähem Beginn sei das Kino zuletzt "relativ gut gefüllt gewesen", berichtet Dollinger. Einige Vorstellungen seien - bei coronabedingt verringerter Kapazität - sogar ausverkauft gewesen. "Die Leute sind wieder gekommen, wir haben uns also nicht beschweren können."

Ausgerechnet jetzt im Herbst, "in dem Kinos Hauptsaison haben", müsse man wieder schließen, bedauert Dollinger. Die meisten Mitarbeiter seien 450-Euro-Kräfte, für die anderen prüfe man Kurzarbeit oder regele es über Urlaub. Von Montag an ist der Rosenhof zwei Wochen lang zu. "Dann schauen wir, wohin die Reise geht und ob wir im Restaurant wieder Essen to go anbieten, das ist beim letzten Mal gut angenommen worden", sagt die Kinochefin. Wenn es bei einem vierwöchigen Lockdown bleibe, "können wir das stemmen, ansonsten schauen wir im Dezember halt weiter". Fürs Erste "wäre für uns die größte Unterstützung, wenn die Leute jetzt bis Sonntag noch zu uns kommen".

Auf die Unterstützung der Moosburger vertraut auch Andreas Mühlbacher, der Wirt des "Corner House". Auch er wird in seinem Irish Pub jetzt wieder Essen zum Mitnehmen anbieten und im Umkreis von zehn Kilometern auch ausliefern. Er vertraut darauf, dass dieses Angebot ähnlich gut angenommen wird wie schon beim ersten Lockdown. Die Unterstützung für die Gastronomie, das merke man auch in den Sozialen Medien, sei groß. "Es gibt in der Bevölkerung viele, die massiv hinter den Corona-Maßnahmen stehen, aber das jetzt einfach nicht mehr verstehen, dass wie wieder zumachen müssen", sagt er.

Auch für ihn ist die Entscheidung der Bundes- und Landesregierungen "komplett unverständlich - wir haben immer alles gemacht, um die Hygienevorschriften einzuhalten und die Gäste zu schützen, und jetzt müssen wir komplett zumachen". Für Mühlbacher ist das besonders ärgerlich, hat er doch erst vergangene Woche ein beheiztes Zelt im Biergarten seines Pubs in Betrieb genommen. Er hat es extra angeschafft, um bei den gängigen Abstandsregeln über den Winter zu kommen. "Das war gerade am Wochenende gut gefüllt, es hat richtig Spaß gemacht". Jetzt bleibt das Zelt erst mal leer.

Wirt Mühlbacher sieht noch eine weitere Folge der Schließung: "Die Leute werden von der Gastronomie, wo es Hygienekonzepte gibt und die Kontaktverfolgung möglich ist, ins Private gedrängt - und sie werden sich definitiv daheim treffen." Er hält es für schwer absehbar, wie es für die Gastwirte in zwei Wochen weitergeht, wenn die Regierungen die Maßnahmen überprüfen wollen. Man höre, "dass es Demos und viele Einzelklagen geben soll: Man weiß aber nicht, ob dieser Druck was bewirkt".

© SZ vom 30.10.2020
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