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Brauchtum im Landkreis Freising:Seilwinde für den Heiland

In einigen Kirchen wird die Himmelfahrt Christi noch immer schlicht, aber eindrucksvoll nachgespielt. In Viehbach geschieht dies seit vielen Jahren - pandemiebedingt muss das Spektakel diesmal aber ausfallen.

Von Gudrun Regelein, Freising

40 Tage nach Ostern, der Auferstehung Jesu, feiert die Kirche das Fest seiner Himmelfahrt. Gleich zu Beginn der Apostelgeschichte wird berichtet, wie Jesus auf dem Ölberg von seinen Jüngern Abschied nahm und gen Himmel fuhr. Diese Himmelfahrt wurde schon in sehr frühen Zeiten festlich begangen, berichtet der ehemalige Kreisheimatpfleger Rudolf Goerge. Im Abendland seit dem frühen Mittelalter - und seit dem 13. Jahrhundert augenfällig. "Seitdem wurde in den Kirchen mit Figuren, die nach oben gezogen wurden, die Himmelfahrt nachgespielt", erzählt Rudolf Goerge.

In der Viehbacher Kirche wird das Auffahrtsspiel seit vielen Jahren gezeigt.

(Foto: Marco Einfeldt)

In der katholischen Kirche in Viehbach bei Fahrenzhausen passiert das noch heute: Dort wird seit vielen Jahren das Auffahrtspiel zelebriert. Wie lange schon, ist unbekannt. Sebastian Siegl zumindest kannte es bereits als Kind. Der 76-Jährige war in Viehbach über 30 Jahre lang Kirchenpfleger. Jedes Jahr wurde während des Gottesdienstes an Christi-Himmelfahrt eine etwa 80 Zentimeter hohe Figur an einem Seil nach oben gezogen. "Christi-Himmelfahrt war immer ein besonderer Festtag", sagt Sebastian Siegl. "Gerade auch für die Kinder ist das Spiel besonders interessant." In diesem Jahr aber wird es - wie bereits im Vorjahr - pandemiebedingt wieder nicht stattfinden können. Dafür wird es einen Freiluftgottesdienst geben - "und im kommenden Jahr kann dann hoffentlich wieder das Spiel gezeigt werden", sagt Siegl.

"Schlicht, aber eindrucksvoll"

Auch Rudolf Goerge hat diesen Brauch einmal miterlebt, erzählt er. Als "schlicht, aber eindrucksvoll" beschreibt er das Auffahrtsspiel: Vor dem Triumphbogen, genau unter dem Heilig-Geist-Loch, steht in der Viehbacher Kirche auf einem kleinen Tisch die barocke Figur des auferstandenen Heilands. "Sie ist in einem Rahmen befestigt und mit Blumen geschmückt." Zwei Seile führen hinauf zum Heilig-Geist-Loch. Nach dem feierlich gesungenen Evangelium stellen sich zwei Ministranten mit den Kerzenleuchtern rechts und links von der Figur auf. Der Priester schreitet vor das Bild und bespritzt es mit Weihrauch. Dann singt die Gemeinde ein Lied aus dem "Gotteslob", während des Gesangs schwebt der Heiland langsam in die Höhe. "Diese festliche Zeremonie wird ganz profan, aber unsichtbar für das Kirchenvolk, auf dem Kirchenboden gesteuert", sagt Goerge. Männer drehen dort oben mit einer fest montierten Seilwinde die Figur mit dem Rahmen in die Höhe und lassen sie in der Öffnung der Kirchendecke verschwinden.

Rudolf Goerge war viele Jahre lang Kreisheimatpfleger im Landkreis Freising. Die Bräuche und auch die Geschichte der Region kennt er wie kaum ein anderer.

(Foto: Lukas Barth)

"Am Beispiel des Christi-Himmelfahrt-Spiels zeigt sich, dass sich Bräuche über Jahrhunderte hinweg - trotz oder gerade wegen unserer nüchternen und profanen Welt - erhalten, auch wenn sie sich im Lauf der Zeit geändert haben", sagt Goerge. In Moosburg beispielsweise wurde Mitte des 14. Jahrhunderts sogar ein kleines Christi-Himmelfahrts-Drama gespielt, vor einer extra gebauten Kulisse sangen Apostel, auch für die Jesus-Figur gab es einen Darsteller. In die Höhe gezogen wurde dann allerdings eine Figur. Europaweit sei es wohl einzigartig gewesen, dass ein Theater mit Darstellern die Himmelfahrts-Geschichte vorführte, sagt Goerge. Den Brauch, eine schön verzierte Jesus-Figur von Engeln begleitet durch das Christi-Himmelfahrts-Loch verschwinden zu lassen, wurde später im 17. Jahrhundert in vielen Kirchen begangen. Auch in Zolling sei das Auffahrtsspiel seit einigen Jahren wieder zu sehen. "Die Leute wollen halt etwas Sinnliches", sagt Goerge.

So werde an Pfingsten, das 50 Tage nach Ostern gefeiert wird, und bei dem die Gläubigen die Sendung des Geistes Gottes zu den Jüngern Jesu und seine bleibende Gegenwart in der Kirche feiern, eine Taube von oben heruntergelassen. "Früher ist das eine echte gewesen, später dann zumeist eine hölzerne - die Taube sollte den Heiligen Geist, der an Pfingsten ausgesendet wird, symbolisieren", erklärt Rudolf Goerge.

© SZ vom 12.05.2021
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