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Erleichterung bei Freisinger Bücherfreunden:Durststrecke beendet

Nur mit Mund- und Nasenschutz ist der Eintritt in die Stadtbücherei erlaubt. Sich gemütlich hinsetzen und schmökern darf man auch nicht.

(Foto: Marco Einfeldt)

Wochenlang war die Stadtbücherei wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Nur die Online-Ausleihe war möglich. Jetzt kann man sich dort wieder persönlich mit Lesestoff versorgen. Gemütlich hinsetzen darf man sich aber noch nicht.

Von Gudrun Regelein, Freising

Der Rucksack der jungen Frau ist so prall gefüllt mit Büchern, dass sie ihn nur schwer anheben kann. "In unserer Familie sind alle Bücherfetischisten", sagt Petra Klink. Die vergangenen Wochen, als die Stadtbibliothek wegen der Corona-Krise schließen musste, seien schrecklich gewesen. "Eine Durststrecke." Die Wiedereröffnung am 13. Mai sei ein Lichtblick gewesen, gleich am ersten Tag war sie mit den beiden Söhnen, die neun und 12 Jahre alt sind, hier. Heute ist es seitdem ihr dritter Besuch: "Wir lieben unsere Bücherei."

Normalerweise geht die Familie jeden Samstag gemeinsam in die Bibliothek, danach wird Pizza gegessen. "Das ist für uns ein Ritual." Das in den vergangenen Wochen gefehlt hat. Zumindest habe sie rechtzeitig erfahren, dass die Stadtbibliothek am 16. März schließen müsse, sagt Petra Klink. So konnte sich die Familie noch das Maximum an Medien ausleihen - pro Kind sind das 30 Bücher, Videos oder CDs, pro Erwachsener 50. Für sie als Vielleser habe das dennoch nicht ausgereicht, erzählt die junge Mutter. Die Online-Ausleihe aber habe nicht optimal funktioniert, zumindest seien die meisten Medien, die sie wollten, schon ausgeliehen gewesen. "Aber jetzt müssen wir ja endlich keine Bücher mehr doppelt lesen, wir sind glücklich." Die Einschränkungen und Regelungen, die momentan für den Besuch der Stadtbibliothek gelten, nimmt sie dafür gerne in Kauf.

Auch in der Bücherei gelten strenge Hygienevorschriften

Natürlich muss auch dort ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Gleich am Eingang steht ein Spender mit Desinfektionsmittel, auf einem Tischchen sind die Eintrittskarten, leere CD-Hüllen, aufgestapelt. Farbige Streifen auf dem Boden markieren die Abstände beim Eintritt und lotsen im Inneren die Besucher - das dürfen gleichzeitig maximal 30 sein - in einem Einbahnsystem durch die Räume. An diesem späten Vormittag sind es nur wenige, vor allem junge Mütter mit ihren Kindern oder ältere Besucher sind zwischen den Regalen unterwegs. An den sechs Tagen aber, an denen die Bibliothek wieder geöffnet war, zählte man trotz der verkürzten Öffnungszeiten 1600 Besucher, berichtet Leiterin Susanne Beck. Relativ gesehen seien das nicht besonders viele, denn an den zehn Tagen, an denen im März noch geöffnet war, waren es über 5000 Besucher gewesen. Allerdings wurden seit der Wiedereröffnung bereits über 6000 Medien ausgeliehen. "Wenn das so weitergeht, dann wäre das bei den momentanen Beschränkungen ein sehr gutes Ergebnis."

Auch Susanne Beck ist sehr froh, dass es nun weitergeht. Alleine schon deshalb, da sich zuletzt über 100 Bestellungen angesammelt hatten. Die gut achtwöchige Zeit der Schließung hätte man genutzt, um den Wechsel in ein neues E-Book-Portal vorzubereiten, außerdem wurde die Kinder- und Jugendbibliothek umgeräumt. In den Kisten mit den Kinderbüchern, die für die jüngsten Leser gut erreichbar auf dem Boden stehen, sucht sich ein kleines Mädchen gerade Bilderbücher aus. "Ich bin wirklich froh, dass wir wieder kommen dürfen", sagt ihre Mutter Xin Jin. Viele Wochen lang ein Vorschulkind zu Hause beschäftigen zu müssen, sei anstrengend gewesen. "Außerdem gibt es hier auch chinesische Bücher, das ist für meine Familie, die aus China kommt, natürlich schön."

Lesungen, Führungen und Vorlesenachmittage entfallen weiterhin

In den Wochen zuvor war nur die digitale Ausleihe möglich, das wurde auch gut genutzt, sagt Susanne Beck. Bücher in der Hand zu haben, sich in aller Ruhe etwas aussuchen zu können, sei aber doch etwas anderes. Momentan sei aber nur die reine Ausleihe möglich, die anderen Angebote, Lesungen, Führungen und die Vorlesenachmittage für Kinder beispielsweise, aber dürfen noch nicht wieder stattfinden, auch das Lesecafé hat geschlossen. "Das ist sehr schade. In den vergangenen Jahren hat sich die Bibliothek als öffentliches Wohnzimmer profiliert, das ist jetzt alles weg", bedauert Beck. Auch der Service leide etwas, so werden diejenigen Besucher, die nach einem bestimmten Buch suchen, nicht mehr wie früher zu einem Regal geführt, es gilt, Distanz zu halten.

"Wir haben neue Arbeitsabläufe, aber auch da wird sich eine Routine finden", sagt Beck. So werden die zurückgegeben Bücher nun vor oder nach den Öffnungszeiten wieder in die Regale sortiert. Zurückgegeben werden dürfen diese derzeit nur über die Bücherklappe. Die Medien werden dann nicht desinfiziert - sondern drei Tage liegengelassen, bevor sie wieder entliehen werden können.

Ein älterer Herr holt sich an der Ausleihe gerade ein bestelltes Buch ab, auch er hat die Bibliothek sehr vermisst, sagt er. Normalerweise kommt er zwei- bis dreimal die Woche, die Zeit der Schließung hat er mit der Lektüre seiner eigenen Bücher überbrückt. Heute ist er auf der Suche nach Fachliteratur für seinen Lesekreis, erzählt der 78-Jährige. "Die Macht", das ist dort das nächste Thema. "Endlich kann ich mir wieder etwas ausleihen", sagt er glücklich. Nur dass er sich nicht in aller Ruhe hinsetzen kann, das fehlt ihm noch - dann wäre für ihn alles wieder perfekt.

© SZ vom 29.05.2020/nta
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