Wer in den vergangenen Tagen die Freisinger Stadtbibliothek besucht hat, ist wahrscheinlich auf einen ganz besonderen Büchertisch gestoßen. Büchertische sind ein gutes Instrument, um für ein bestimmtes Thema zu sensibilisieren – und die Freisinger Bücherei will die Aufmerksamkeit gezielt auf ein Problem lenken, das jenseits des Atlantiks passiert: die zunehmende Verbannung von Büchern aus öffentlichen Schulen in den USA. „Auch in der heutigen Zeit werden Bücher verboten und verbannt“, sagt Claudia Auer, die mit ihrer Kollegin Sabrina Gabler, die ursprünglich die Idee hatte, den Büchertisch gestaltet hat. „Es ist wichtig zu wissen, was in den USA gerade passiert“.
Das Thema sorgt in den USA für Schlagzeilen. Die Schriftstellervereinigung PEN America zählte im Schuljahr 2023/24 mehr als 10 000 Buchverbote an öffentlichen Schulen. Laut dem Verband markiert diese Zahl einen dramatischen Anstieg um 200 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Schuljahr, von einem „Ausmaß an Zensur, wie es seit der McCarthy-Ära nicht mehr zu sehen war“ ist die Rede. Die Verbannung wird meist von konservativen Elterngruppen vorangetrieben und richtet sich hauptsächlich gegen Bücher, die Themen wie Rassismus, LGBTQ+ oder Sex und sexualisierte Gewalt – auch nur am Rande – aufgreifen. Bücher von oder über Menschen, die nicht weiß sind oder zu einer Minderheit gehören, sind in der Liste der „Banned Books“ reichlich vertreten.
„Viele Menschen haben vor dem Büchertisch den Kopf geschüttelt“, sagt Claudia Auer. Zu den aus US-amerikanischen Schulen verbannten Büchern, die auf dem Freisinger Büchertisch präsentiert wurden, gehören Titel wie „Die Geheime Geschichte“ von Donna Tartt, das Gedicht „The Hill we Climb“ von Amanda Gorman oder die „Harry Potter“-Saga von J.K. Rowling. Selbst die Graphic Novel „Das Tagebuch der Anne Frank“ wurde in den USA mehrmals verbannt, wegen angeblicher Verharmlosung des Holocausts und der Thematisierung von Sexualität. Rund 40 Titel aus dem eigenen Bestand haben die Bibliothekarinnen ausgewählt und auf dem Büchertisch präsentiert – und die waren schnell vergriffen. „Die Menschen wollen verstehen, warum gerade ein Buch verbannt wurde“, so Auer.

Laut dem Verein PEN America war das im Schuljahr 2023/2024 am häufigsten verbannte Buch der Roman der Bestseller-Autorin Jodi Picoult „Neunzehn Minuten“, der von einem Amoklauf an einer Schule erzählt. Verbannt wurde er allerdings nicht wegen der Beschreibung gewalttätiger Szenen: „Damit haben sie kein Problem. Das Problem ist, dass ich auf Seite 313 den Begriff ‚Erektion‘ verwende“, sagte Picoult der BBC.
Ganz oben auf der Liste der verbannten Bücher befinden sich auch internationale Bestseller wie „Drachenläufer“ des amerikanischen-afghanischen Autors Khaled Hosseini. „Drachenläufer“, der weltweit acht Millionen mal verkauft wurde, erzählt die Geschichte von zwei Jungen in Kabul in den Siebzigerjahren. Laut konservativen Gruppen wie „Moms for Liberty“ enthalte das Buch angeblich sexuelle Inhalte sowie Kritik am Christentum.
Claudia Auer von der Freisinger Bibliothek betont, dass auch in Deutschland eine Kontrolle stattfindet: rechtsradikale oder pornographische Texte haben in den Schulen nichts zu suchen. „Nicht jeder, der etwas schreibt, hat etwas Wichtiges zu sagen“, sagt sie. Aber das, was in den USA gerade verboten und verbannt wird, sei eine andere Nummer.


