Freisinger AltstadtDer Brunnen, der kein Wasser verträgt

Lesezeit: 3 Min.

Der Brunnen am Fürstendamm muss derzeit ohne Wasser auskommen. Für das seltene Moos auf dem Steinsockel ist das gar nicht gut.
Der Brunnen am Fürstendamm muss derzeit ohne Wasser auskommen. Für das seltene Moos auf dem Steinsockel ist das gar nicht gut.
Marco Einfeldt
  • Der Brunnen am Fürstendamm in Freising bleibt trocken, weil die Brunnenfigur aus istrischem Kalkstein an mehreren Stellen bröselt und Wasser die Schäden vergrößern könnte.
  • Das seltene Moos der Gattung Cratoneuron auf dem Brunnensockel vertrocknet jedoch ohne das sprudelnde Wasser. Es bildet normalerweise nur an Bergquellen kleine Lebensgemeinschaften.
  • Die Stadt holt Angebote zur Schadensbehebung ein und wägt ab, ob und in welcher Form es mit dem Brunnen weitergeht.
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Warum eine Brunnenfigur in Freising trocken bleiben muss – und was das mit dem Artensterben zu tun hat.

Von Kerstin Vogel, Freising

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Die Brunnenfigur ist durchaus beeindruckend: 2,10 Meter hoch und fast eine Tonne schwer steht sie auf einer künstlich geschaffenen Felsformation am Fürstendamm in Freising und reckt dramatisch ein Füllhorn über den Kopf, um daraus Wasser zu speien. Allein es sprudelt nichts aus dem steinernen Gefäß, der Brunnen ist nach dem Winter gar nicht erst angestellt worden. Der Grund: Die Statue bröselt an mehreren Stellen und der beauftragte Restaurator fürchtet, dass Wasser die Schäden vergrößern könnte.

Nun könnte man sich fragen, warum ausgerechnet eine Brunnenfigur durch Wasser Schaden nehmen soll. Die verordnete Trockenheit aber schafft an anderer Stelle noch ein ganz anderes Problem: Das Moos, das auf den Sockelsteinen wächst und dort ein seltenes kleines Ökosystem bildet, bräuchte umgekehrt das stetig sprudelnde Nass, um nicht kaputtzugehen.

In der anhaltenden Hitze bereits braun und unansehnlich geworden, bröselt das verzweigte Moosgeflecht zum Teil schon jetzt vom Brunnensockel – und für Manfred Drobny, den Kreisgeschäftsführer des Bundes Naturschutz in Freising, ist das von artenschutzrechtlicher Relevanz. Denn dieses Moos der Gattung Cratoneuron ist etwas Besonderes. Es findet sich üblicherweise nur an Bergquellen und bildet dort kleine Lebensgemeinschaften, „die man ausgesprochen selten hat“, wie Drobny sagt.

Bei der Stadt Freising, der der Brunnen gehört, werden nach einer Bestandsaufnahme der Schäden an der Figur aktuell Angebote zu deren Behebung eingeholt. Es läuft eine Abstimmung zwischen Stadtplanung und Denkmalschutz und möglicherweise müssen sich auch die Stadträte mit dem Thema befassen, wie es aus dem Presseamt heißt. Nichts davon klingt, als würde das Wasser dem Moos zuliebe schon bald wieder fließen.

Das Moos der Gattung Cratoneuron sollte eigentlich von frischer grüner Farbe sein. Dafür braucht es allerdings sprudelndes Wasser.
Das Moos der Gattung Cratoneuron sollte eigentlich von frischer grüner Farbe sein. Dafür braucht es allerdings sprudelndes Wasser.
Marco Einfeldt

Der Brunnen selbst blickt auf eine wechselhafte Geschichte zurück  – und tatsächlich handelt es sich bei der Statue am Fürstendamm gar nicht um das Original. Geschaffen vom Bildhauer Franz Ableithner im Jahr 1700 in Anlehnung an das Bildnis des afrikanischen Fürsten im Wappen des Hochstifts Freising, stand die ursprüngliche Figur mit dem Füllhorn zunächst auf dem Domplatz. Dort wurde der Brunnen jedoch 1802/03 im Zuge der Säkularisation abgebrochen.

Die Statue wurde weggeworfen und erst 1869 auf einer Schutthalde des Steinmetzbetriebs Einsele an der Erdinger Straße wiedergefunden. Die Stadt Freising kaufte die Figur für 60 Gulden und stellte sie zunächst in der heutigen Luitpoldanlage wieder auf, bevor sie 1901 an den Standort am Fürstendamm versetzt wurde.

1989 schließlich wurde die Statue zur Ausstellung „1250 Jahre geistliche Stadt“ ans Diözesanmuseum übergeben, wo sie von 2002 bis zur Schließung des Diözesanmuseums im Lichthof stand. Anschließend wurde sie eingelagert und 2024 zum großen Stadtjubiläum im Domhof wieder aufgestellt – an ihrem ursprünglichen Platz, an dem Fürstbischof Johann Franz Eckher von Kapfing einst den Brunnen anstelle einer Pferdeschwemme hatte bauen lassen.

Istrischer Kalkstein wurde auch in Venedig verwendet

Auf dem Brunnen am Fürstendamm aber steht deshalb seit den 1990er-Jahren eine vom Freisinger Bildhauer Wilhelm Breitsameter angefertigte Replik aus istrischem Kalkstein. Das Material gilt normalerweise als sehr witterungsbeständig und wird beispielsweise von der Regensburger Dombauhütte verwendet. Auch in Venedig bestehen viele Fundamente, Kaimauern und Brücken aus diesem Stein – in Freising aber sorgt man sich bereits seit Jahren um Schäden an der Brunnenfigur. Im Mai 2019 hatte man deshalb das Wasser schon einmal abgestellt und den Brunnen wie im Winter eingehaust.

Dem vertrocknenden Moos wenigstens ein bisschen zu helfen, darum bemüht sich aktuell die Stadtgärtnerei und kommt „einigermaßen regelmäßig mit den Gießwagen“ vorbei, wie Carolin Nünemann, Sprecherin der Stadt Freising, versichert. Laut Drobny aber reicht das nicht. Wenn man das Cratoneuron bei der herrschenden Trockenheit und den Temperaturen nur ab und zu gieße, sei es wohl nicht zu retten.

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Eine klare Rechtspflicht gibt es dafür ohnehin kaum. Denn das Moos selber zählt nicht zu den gefährdeten Arten, lediglich seine Lebensräume sind unter Schutz gestellt. Dabei gilt der automatische Biotopschutz nach Paragraf 30 Bundesnaturschutzgesetz jedoch nur für „Quellbereiche“, gemeint sind natürliche und naturnahe Quellen. Auch der europäische Schutz greift innerorts nicht, denn die passende FFH-Richtlinie schützt ebenfalls nur natürliche Lebensräume.

Manfred Drobny sieht für die Stadt dennoch die generelle gesetzliche Pflicht, dem Artensterben entgegenzuwirken. Stadtsprecherin Nünemann deutet unterdessen Überlegungen zur Zukunft der Replik an: „Es wird tatsächlich parallel abgewogen, ob und in welcher Form es mit dem Brunnen weitergeht.“ Drobny formuliert es deutlicher:  „Dann soll halt die Figur zsammbröseln.“

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