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Leere Fächer in Freisings Apotheken:Medikamenten-Engpass verschärft sich

Arzneimittel-Engpässe

Volles Sortiment: So sieht es in vielen Apotheken Freisings derzeit nicht aus. Zahlreiche Medikamente sind von Lieferengpässen betroffen.

(Foto: Daniel Reinhardt/dpa)

Auch in Freising sind viele Arzneimittel derzeit nicht lieferbar. "Es wird von Monat zu Monat unangenehmer", sagt Apothekerin Silvia Tüllmann. Für Patienten kann dies zum Problem werden.

Apotheken können ihren Kunden Medikamente oft nicht aushändigen, weil sie die Mittel wegen Lieferengpässen nicht im Bestand haben. Das bundesweite Problem betrifft auch Apotheken in Freising - und führt zu erheblichen Schwierigkeiten. "Es wird von Monat zu Monat unangenehmer", sagt Silvia Tüllmann, Inhaberin der Freisinger Stadtapotheke.

Konkret waren im ersten Halbjahr 2019 bundesweit 7,2 Millionen Medikamente nicht verfügbar. Im Vergleich: Im gesamten Jahr 2017 waren es 4,7 Millionen. Das hat das Deutsche Arzneiprüfungsinstitut berechnet. Für Tüllmann bedeuten die Lieferengpässe einen beträchtlichen Mehraufwand. Denn: Wenn sie ein Produkt nicht im Bestand hat, kümmert sie sich um Ersatz für den Patienten, ruft zum Beispiel bei dessen Arzt an und hält mit ihm Rücksprache über mögliche Alternativen. Außerdem nehmen die Apotheker in Freising selbst Kontakt mit Großhändlern und Herstellern auf, um zu erfahren, wann ein Medikament voraussichtlich wieder verfügbar ist.

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Auch in der Freisinger Klosterapotheke gibt es Lieferengpässe - und zwar "ganz extrem", wie Filialleiterin Verena Krieger berichtet. Viele Medikamente fehlten schon seit längerer Zeit, kämen nicht nach - und wenn, dann nur in geringer Menge. Krieger muss Medikamente deshalb teilweise in anderer Dosierung herausgeben. "Da ist aber immer eine gewisse Unsicherheit mit dabei", berichtet sie: Wenn jemand seit Jahren immer eine Blutdrucktablette nimmt, sei es schwierig ihm klarzumachen, dass er nun nur noch eine halbe nehmen dürfe. Bei anderen Medikamenten ist das gar nicht möglich: Bei Schilddrüsenmedikamenten zum Beispiel dürfe man gar kein anderes Mittel als zuvor herausgeben, sagt Lisa Lettenmayer von der Hofapotheke. Und die seien von den Engpässen derzeit besonders stark betroffen.

Die Nebenwirkungen sind nur noch "schwer kalkulierbar"

Auch für die Patienten können die Lieferengpässe zum Problem werden. Nicht immer könne man einfach zu einem anderen Medikament wechseln, erklärt der Freisinger Arzt Georg Miedl. Gerade wenn ein Patient verschiedene Mittel einnehme, könne das eingespielte System aus dem Gleichgewicht geraten: "Die Nebenwirkungen und Interaktionen sind dann nur noch schwer kalkulierbar". Ein weiteres Problem: Die Patienten müssen für ein neues Rezept oft mehrmals zwischen Arzt und Apotheke hin- und herlaufen. Und wenn dann ein neues Medikament gefunden ist, müssen sie teilweise selbst für die Mehrkosten aufkommen, so Miedl.

Dass überhaupt so viele Medikamente fehlen, hängt mit den Bedingungen der Herstellung zusammen. Viele Wirkstoffe werden im Ausland produziert, weil das billiger ist - zum Beispiel in Asien. Gibt es dort Probleme, hat das weltweit Auswirkungen auf die Lieferung, heißt es von der Apothekergenossenschaft Noweda. In Deutschland komme eine zusätzliche Schwierigkeit dazu: sogenannte Rabattverträge. Krankenkassen schreiben jeweils Wirkstoffe aus und geben den Zuschlag dem billigsten Anbieter. Die anderen steigen dann aus der Produktion aus, wie Noweda schreibt - und können Engpässe so nicht abfedern. Anders sieht das der Verband der Ersatzkassen. Beim Großteil der fehlenden Arzneimittel handle es sich nicht um solche mit Rabattverträgen, so der Verband.

Selbst Ibuprofen ist betroffen

Auf der Liste der fehlenden Arzneimittel steht derzeit das Antidepressivum Venlafaxin, auch ein Blutdruckmedikament führt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte als betroffenes Medikament. Das Schmerzmittel Ibuprofen war 2018 laut der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) sogar unter den Top Ten. Um etwas an der Situation zu ändern, fordert der Verband, der Mehraufwand von Apotheken müsse zumindest honoriert werden. Außerdem sollten Wirkstoffe und Arzneimittel "unter hohen Umweltschutz- und Sozialstandards wieder verstärkt in der EU" produziert werden. Dann würden die Medikamente aller Wahrscheinlichkeit nach teurer werden. Aber: "Es muss klar sein: Gesundheit muss und darf etwas kosten", sagt Mediziner Miedl.

In den Freisinger Apotheken reagieren die Kunden derweil meist verständnisvoll. Oft sei ihnen das Problem mit den Lieferengpässen bekannt und sie bestellen frühzeitig, sagt Verena Krieger. Auch Silvia Tüllmann sagt: "Die Kunden lassen sich teilweise schon erklären, dass die Apotheke vor Ort nichts dafür kann." Es gebe aber auch Kunden, die mehrere Apotheken abklappern - bis sie verstehen, dass die Apotheke nicht einfach schlecht sortiert ist. In der Hofapotheke stapeln sich mittlerweile schon die Reservierungen - für den Zeitpunkt, wenn die Medikamente wieder geliefert werden können.

© SZ vom 28.01.2020/FPOL
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