Kirchbergers Woche:Wer sich Service wünscht, ist wohl ein Träumer

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Wer über 70 ist, dem wird die vierte Auffrischungsimpfung empfohlen. Doch die Terminvereinbarung ist gar nicht einfach. Ohne Passwort und Handy geht gar nichts

So ein Gesundheitsminister, auch wenn er Karl Lauterbach heißt, wird vermutlich gar nicht wissen, wie schwer es ist, einen Termin für eine Auffrischungsimpfung zu erhalten, gerade wenn man schon über 70 ist. Wieso, ist doch ganz einfach, werden jetzt diejenigen sagen, die in der Online-Welt zuhause sind, die wissen wo und wann man seine Klicks setzen muss und die über so ein Telefon verfügen, das einem alles sagt und mit dem man auch bunte Bilder machen kann. Ohne so ein Telefon, da geht heutzutage gar nichts mehr, da bekommt man nicht einmal einen Impftermin.

Den bekommt man nämlich nur Online und da haben Menschen über 70 manchmal so ihre Probleme. Doch es hilft ja nichts, die Stiko und der Lauterbach appellieren fast täglich an die Älteren, sich die nächste Booster-Spritze abzuholen, weil die Omikron-Variante BA.5 nicht ungefährlich ist. Auch jetzt schon, im Sommer. Also stürzen wir uns auf den PC.

Zuerst muss man sich einmal registrieren. Den passenden Link dazu erfährt man auf der Homepage des Landratsamts. Nach ein paar Klicks wird man nach seinem Account gefragt und nach einem Passwort, das mehrfach bestätigt werden muss. Ist diese Hürde erfolgreich gemeistert, wird man spätestens dann aus dem Rennen um einen Impftermin geworfen, wenn man über kein Mobiltelefon verfügt. Es ist nämlich nicht so, dass es reicht auf dem Personalfragebogen Name, Anschrift, E-Mail-Adresse und eine Festnetznummer anzugeben. So bekommt man keinen Impftermin. Es muss die Nummer eines Mobilfunkapparats eingetragen werden, unbedingt, sonst drückt man vergeblich auf "weiter" und ist raus.

Also versucht man jemand aufzutreiben, der so ein Klugtelefon hat und bekommt dann irgendwann eine Mail vom BayIMCO@impfzentren.bayern. Dort muss man sich dann noch einmal mit seinem bei der Registrierung angelegten Konto anmelden und wenn man inzwischen das Passwort nicht vergessen hat und außerdem bestätigt, dass man männlichen Geschlechts und trotzdem nicht schwanger ist, geht es weiter. Irgendwie nach vielen Klicks, die immer mal wieder in die Irre führen und ein Zurück erfordern, gelangt man dann an das Impfzentrum in Freising, muss einen Impfbogen ausdrucken, der zum Impftermin mitzubringen ist.

Sehr schön, und wann ist der Termin? Jetzt schließt sich der Kreis. Auf die angegebene Mobilfunknummer, so wird man informiert, sei inzwischen per SMS eine sechsstellige Zahl versandt worden, das sei ein Code und der müsse jetzt auf dem Anmeldebogen eingetragen werden. Kaum hat man das gemacht, leuchtet auch schon ein Terminvorschlag auf. Hurra, schon am nächsten Tag soll die Spritze gesetzt werden, die Uhrzeit darf man sich aussuchen. Scheint gerade nicht viel los zu sein, an der der General-von-Stein-Straße 1.

Warum, so fragt man sich dann aber unweigerlich, findet man auf den vielen Impfseiten im Internet eigentlich keine Telefonnummer, die man wählen oder drücken kann, um mit einem Menschen verbunden zu sein? Mit einem Menschen, den man nach einem Termin fragen kann? Der nicht nach Passwörtern fragt, nicht nach einer Mobiltelefonnummer und einem auch keinen Code übermittelt, sondern sich ganz einfach danach erkundigt, wie es einem geht und wann man denn bitteschön Zeit hätte. Aber wer sich so einen Service wünscht, ist wohl ein Träumer.

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