Süddeutsche Zeitung

Flughafen:Protest in der Mittagspause

Mitarbeiter des Caterers LSG Sky Chefs wehren sich gegen den geplanten Verkauf der Lufthansa-Tochter, die allein am Flughafen München 1400 Mitarbeiter hat - sie fürchten um ihre Arbeitsplätze

Zurückhaltend strecken die Mitarbeiter ihre Daumen nach unten, für Fotos der Protestaktion. In die Stille hinein ruft jemand "Buh!". Ein Zweiter stimmt ein, ein Dritter, die Schreie werden lauter. Pfiffe kommen dazu, dann Klatschen, immer stärker lassen die Protestierenden ihren Frust heraus. Etwa 80 sind am Donnerstag in der Mittagspause zusammengekommen, um gegen den geplanten Verkauf der Lufthansa-Cateringtochter LSG Sky Chefs zu kämpfen. Am Flughafen München hat die LSG etwa 1400 Mitarbeiter, deutschlandweit sind es knapp 7000. Zu der Protestmittagspause hatten Betriebsrat und Verdi aufgerufen.

Die Gerüchte gingen schon länger umher, seit Kurzem steht es fest: Lufthansa will ihre Cateringsparte verkaufen. Unverständnis, Wut, Enttäuschung - das sind die Emotionen, die bei den Angestellten dominieren. "Ich bin seit 25 Jahren hier und auf einmal weiß ich nicht, was in Zukunft mit mir passiert. Dabei geht es uns doch gut", sagt eine 57-jährige Köchin der LSG. Wie die meisten anderen will sie ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen, zu groß ist die Angst um den Arbeitsplatz. Tatsächlich sind die Umsätze der Lufthansatochter in den vergangenen Jahre stagniert, der Gewinn konnte aber 2018 laut Geschäftsbericht wieder deutlich gesteigert werden, ganze 74 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die LSG ist der weltweit zweitgrößte Airline-Caterer. Trotzdem will Lufthansa die Tochter verkaufen und sich in Zukunft mehr aufs Fliegen konzentrieren. Dabei folgt sie dem Trend, dass die Bordverpflegung im Flugzeug keine große Rolle mehr spielt.

Die LSG-Mitarbeiter sind von der Entscheidung sichtbar enttäuscht: "Wir haben alles gegeben, gute Zahlen und gute Qualität geliefert, jetzt fühlen wir uns verraten und nicht wertgeschätzt", sagt Alevtina Hoffmann. Seit 18 Jahren kocht sie für die Lufthansa, früher hat sie sich für ihre Kollegen im Betriebsrat stark gemacht. "Wir haben über die letzten Jahre hinweg viel erkämpft, sind mit unseren Tarifverträgen und den Arbeitsbedingungen zufrieden. Das war wohl alles für nichts", sagt die 51-Jährige geknickt. Bei kürzlich vorgenommenen Umstrukturierungen und Standortverlagerungen nach Tschechien hat die Belegschaft die Füße weitestgehend stillgehalten. Die meisten der anwesenden Angestellten sind schon lange für die LSG tätig, sie sind stolz, ein Teil von Lufthansa zu sein, arbeiten gerne für das Unternehmen, wie sie betonen.

Um das zum Ausdruck zu bringen, haben Betriebsrat und Verdi nicht nur die Protestmittagspause organisiert, sondern auch 4300 Unterschriften gesammelt und am Mittwoch bei der Konzernleitung in Frankfurt abgegeben. "Unsere klare Botschaft war: Wir wollen nicht verkauft werden. Und wenn doch, dann verantwortungsvoll und zu guten Arbeitsbedingungen", erklärt Johannes Bichler, stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrats. Das Gespräch mit dem Vorstand, so sagt er, habe keine neuen Erkenntnisse gebracht. Grundsätzlich zeige man sich dort aber dialogbereit. "Wir wollen sie mit weiteren Aktionen auf ihre soziale Verantwortung hinweisen", sagt Bichler. Die Belegschaft der LSG hat kein Streikrecht, deshalb wird es über andere Wege Proteste geben - wie die "kämpferische Mittagspause", wie Verdi-Gewerkschaftssekretär Ulrich Feder die Aktion am Donnerstag nennt.

"Das ist die erste Eskalationsstufe von vielen", ruft er den Protestanten zu. "Wir wollen jetzt die Politik sensibilisieren und das Thema in den Landtag bringen." Unter den Anwesenden finden sich außerdem Angestellte anderer Lufthansatöchter. "Aus Solidarität", sagt Steven Kowalewski, Betriebsratsvorsitzender des Frachtflugbereichs Lufthansa Cargo - auch weil die leise Frage mitschwingt, ob sie nicht vielleicht die Nächsten sind.

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SZ vom 07.06.2019/ilos
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