Eine Umstellung auf schwefelarmes Kerosin, die Nutzung von Taxi-Bots auf dem Vorfeld, eine Verlegung der Flughafen-Kita „Airporthopser“, Messungen der Luftverschmutzung durch ultrafeine Partikel (UFP) direkt am Flughafen, Nachtruhe zwischen 22 und 6 Uhr morgens – und natürlich der Verzicht auf eine dritte Startbahn: Der Freisinger Bürgerverein wüsste schon, wie die Gesundheitsgefahren eingedämmt werden könnten, die vom Münchner Flughafen für die Menschen in der Region ausgehen.
Mit der Frage, was die Politik im Sinne der Fürsorgepflicht tun kann, um die Gesundheitsrisiken für Beschäftigte und Anwohner so weit wie möglich zu reduzieren, hatte der Bürgerverein eine öffentliche Mitgliederversammlung mit Podiumsdiskussion im Freisinger Lindenkeller überschrieben. Und ginge es nach den teilnehmenden Vertretern von Grünen, Freien Wählern und SPD, wäre den Forderungen des Bürgervereins kaum etwas hinzuzufügen. Die CSU und damit auch die Staatsregierung blieb Antworten allerdings schuldig: Der eingeladene Minister Florian Herrmann hatte zur Enttäuschung der Veranstalter abgesagt und auch keinen Vertreter geschickt.

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Dass der Flughafen München „einer der Orte mit der schlechtesten Luft in ganz Bayern“ ist, haben für die Mitstreiter des Bürgervereins zunächst zwei Studien belegt. So sei in Berlin nachgewiesen worden, dass die Feinstaubbelastung im Umfeld des Flughafens Tegel nach dessen Schließung 2022 komplett zurückgegangen sei, sagte Vorsitzender Wolfgang Herrmann. Am Flughafen Zürich Kloten sei in den Jahren 2020 bis 2023 in einer Studie eine hohe Belastung durch UFP bei Ostluft nachgewiesen worden. Messungen im Umland des Münchner Flughafens hätten „ein direkt vergleichbares Bild zu den beiden Studien ergeben“, sagte Herrmann.
Zwar gibt es nach wie vor keine Grenzwerte für Ultrafeinstaub; eine Richtlinie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) identifiziert einen Wert von 10000 Partikeln pro Kubikzentimeter jedoch als hohe Belastung – und dieser Wert wurde laut Herrmann an den Messstellen rund um den Münchner Flughafen an 30 bis 33 Prozent aller Tage überschritten. Tendenz: steigend. Eine neue Studie des europäischen Dachverbandes Transport & Environment belege zudem die Gefahren, die davon für die Anrainer von Flughäfen ausgingen. Demnach belasteten die Emissionen des Flugverkehrs die Gesundheit „von bis zu acht Millionen Menschen in der Umgebung großer Flughäfen allein in Deutschland“.
Hinzukämen die hohen Belastungen durch den Fluglärm – der vor allem nachts – immer weiter zunehme. Die Wissenschaft spreche hier eine klare Sprache und liste unter anderem Atemwegserkrankungen, Bluthochdruck, verschiedene Krebsformen und einen Einfluss auf die geistige Entwicklung und das Lernen als Folgen von Lärm und Luftverschmutzung auf.

Bei den Flughafenbetreibern aber würden rein wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund stehen, so die Kritik des Bürgervereins, nicht die Sorge um die Gesundheit von Beschäftigten und Anwohnern. Stereotyp werde behauptet, dass die Luftqualität am Flughafen und in seiner Nachbarschaft gut sei und der Nachtflug ein zentrales Element für die bayerische Wirtschaft.
Die Frage der Nachtflüge war es auch, bei der man sich während der Diskussionsveranstaltung ein wenig uneins war, weil der Freisinger SPD-Stadtrat Peter Warlimont dem Flughafen aus wirtschaftlichen Gründen einen gewissen Spielraum einräumen würde. Er sprach sich deshalb für eine komplette Nachtruhe lediglich zwischen 23 und 5.30 Uhr aus. Viele Existenzen in der Region würden daran hängen, dass es den Betrieben hier gut gehe – sich darum zu kümmern, sei ebenfalls Aufgabe der Politik, sagte er.
Kritik auch an der angekündigten Senkung der Luftverkehrssteuer
Der Landtagsabgeordnete der Freien Wähler, Benno Zierer, hatte zuvor unter anderem die Lufthansa kritisiert, die einen Umstieg auf schwefelfreies Kerosin aus wirtschaftlichen Gründen kategorisch ablehne. Hier könnten die Flughafenbetreiber natürlich Prämien ausloben, sagte er: „Aber daran besteht kein Interesse.“
Der Flughafen habe kein Interesse an Gesundheitsschutz, pflichtete der Grünen-Landtagsabgeordnete Johannes Becher ihm bei. Nun sei die Betreibergesellschaft aber kein privates Unternehmen, sondern gehöre zu hundert Prozent der öffentlichen Hand und dabei mehrheitlich dem Freistaat Bayern. „Von der Geschäftsführung ist da vielleicht nichts zu erwarten“, sagte Becher. Die Staatsregierung aber müsste sich sehr wohl um die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger kümmern.
Was ein Nachtflugverbot angehe, so gelte es für eine Kernzeit von 22 bis 6 Uhr „klare Kante“ zu zeigen, denn der Nachtflug entwickele sich derzeit proportional stärker als das Geschäft am Tag. „Das ist ein extrem dickes Brett, aber es gehört weiter gebohrt“, forderte Becher. Hier dürfe man „die Tür keinen Spalt weit öffnen“, bestätigte Zierer.
Kritische Worte kamen in der Diskussion auch aus dem Publikum. So nannte Christian Magerl, Sprecher der Initiative „Aufgemuckt“ und ehemals Landtagsabgeordneter der Grünen, die von der Bundesregierung angekündigte Senkung der Luftverkehrssteuer „eine Riesensauerei“. Damit werde das Fliegen um insgesamt 350 Millionen Euro billiger, sagte Magerl. „Diese Subventionen müssen doch im Haushalt wieder eingespart werden.“
Der Bürgerverein jedenfalls will weiter für seine Forderungen in Sachen Gesundheitsschutz kämpfen und hat sie deshalb auf den Rückseiten einer Kollektion von bunt gestalteten Bierdeckeln formuliert. Die Vorderseiten ziert ein ironisches Ortsschild vom „Luftkurort Flughafen München“.

