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Münchner Flughafen in der Coronakrise:Die große Stille

FREISING / Hallbergmoos: Franz-Josef-Strauss-Flughafen, MUC Munich International Airport

Kaum noch Flüge, keine Passagiere: der verwaiste Easy Jet Check-In-Schalter im Zentralbereich des Münchner Flughafens.

(Foto: Johannes Simon)

Wie es in diesem Jahr mit dem Flugverkehr im Erdinger Moos weitergehen wird, kann niemand sagen. Ob der geplante Bau einer weiteren Startbahn noch jemals zu rechtfertigen sein wird, auch nicht.

Von Peter Becker, Freising

Das letzte Mal, vor genau zehn Jahren, war es ein isländischer Vulkan, der den Dörfern rund um den Münchner Flughafen Ruhe beschert hat. Jetzt ist es ein Virus, das den Himmel über dem Erdinger Moos leer gefegt hat. Seit Wochen geht dort gar nichts mehr. Die Flugzeuge stehen in Reih und Glied auf dem Vorfeld geparkt. Mindestens seit Mai 1992, damals wurde der Flughafen eröffnet, dürfte es im Moos nicht mehr so still gewesen sein. Wer denkt da noch an den Bau einer dritten Startbahn? In einem Gespräch, das die Süddeutsche Zeitung vergangene Woche mit dem neuen Geschäftsführer Jost Lammers geführt hatte, wurde das Projekt nicht einmal erwähnt. Der Planfeststellungsbeschluss für den Bau allerdings gilt bis zum Jahr 2025 - und kann auch noch einmal verlängert werden.

Franz Spitzenberger, Vorsitzender der Attachinger Bürgerinitiative, genießt die derzeitige Ruhe. An die gewöhnt man sich rasch, wie er sagt. Mittlerweile wundert er sich, wenn überhaupt mal wieder ein Flugzeug landet oder startet. Ein Frühstück am Morgen oder eine Brotzeit am Abend im Freien sind wieder drin. Und endlich ist auch der Bodenlärm weg, der die Attachinger zu normalen Zeiten schon am frühen Morgen aus dem Schlaf reißt. "Schlafen bei offenem Fenster ist wieder möglich", sagt Spitzenberger. Die Luft um Attaching herum sei spürbar sauberer geworden, ergänzt er, der selbst an den Bronchien erkrankt ist. "Der süßliche Kerosingeruch, der sonst bei Föhn herrschte, ist verschwunden", stellt er fest. Gleichwohl mischt sich ein Wermutstropfen in die Freude über die ungewohnte Ruhe. "Trotz allem überwiegt die Sorge um die Arbeitsplätze am Flughafen", gibt der Vorsitzende der Attachinger Bürgerinitiative zu.

Die Corona-Krise hat den Verkehr am Flughafen im Moos im März nahezu zum Erliegen gebracht. Doch Spitzenberger hat beobachtet, dass die Flugbewegungen schon seit dem vergangenem Oktober abgenommen haben. Wohl wegen der Handelsbeschränkungen, in welche die USA, China und infolgedessen die Europäische Union verwickelt waren, vermutet er. Unabhängig von der aktuellen Krise glaubt Spitzenberger deshalb, dass das Thema dritte Startbahn erledigt ist. "Die bringen die Zahlen nicht mehr her", sagt er überzeugt. Und zusätzlich werde wohl die Debatte um Feinstaubbelastung eine größere Rolle spielen.

Wer sich naturgemäß gar nicht über den Stillstand auf dem Flughafen und die damit gewonnene Ruhe freuen kann, ist die Flughafen München GmbH (FMG). "Wir fliegen derzeit nur noch zu fünf Prozent", sagt FMG-Sprecher Ingo Anspach. Das entspricht 50 Starts am Tag. Sonst sind es zwischen 1000 und 1200. Bei den Passagierzahlen ist der Einbruch noch viel gravierender. Zum Vergleich: Das Statistikportal Statista weist für den März des vergangenen Jahres für den Flughafen im Erdinger Moos etwa 3,8 Millionen Fluggäste aus. In diesem März waren es gerade mal knapp 1,2 Millionen. Wobei der März noch gar nicht komplett vom Shutdown in Deutschland betroffen war. Im April wird der Einbruch bei den Passagierzahlen noch dramatischer sein. Die Flugbewegungen verteilen sich laut Anspach auf 50 Maschinen pro Tag. 20 davon sind Frachtmaschinen, 30 Passagierflugzeuge. "Und da befinden sich nicht viel Passagiere an Bord."

Die FMG reagiert auf das geringe Fluggastaufkommen, in dem sie die Passagierabfertigung im Terminal 1 eingestellt hat. "Der Check-in der sonst im Terminal 1 ansässigen Airlines findet dann im Bereich Z im München Airport Center statt", hieß es in einer Erklärung der FMG. Der Flughafen selbst gleicht eher einem Großparkplatz. "Etwa 100 Flugzeuge sind hier abgestellt", sagt Anspach. Etlich davon gehören der Lufthansa, die ihren Standort im Erdinger Moos in den vergangenen Jahren stark ausgebaut hat. Doch die Lufthansa ist durch die Corona-Krise selbst schwer ins Trudeln geraten. Etliche der großen A-340 und A-380 sollen stillgelegt oder an Airbus zurückgegeben werden. Auch München w dürfte vom Ausdünnen der Flotte betroffen sein. In welchem Ausmaß, weiß FMG-Sprecher Anspach bisher nicht: "Das ist noch nicht in der Feinplanung drin."

Auch wann der Flugverkehr wieder aufgenommen wird, weiß niemand: "Ich war gedanklich immer zwischen drei und sechs Monaten", sagte Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr kürzlich der Süddeutschen Zeitung. "Jetzt bin ich zwischen sechs und zwölf. Auf 100 Prozent des alten Flugplans kommen wir für lange Zeit erst mal nicht", sagt Spohr. Analysten glauben, 2023 könnte es so weit sein.

FREISING / Hallbergmoos: Franz-Josef-Strauss-Flughafen, MUC Munich International Airport

Die Startbahnen bleiben vorerst weiter ungenutzt.

(Foto: Johannes Simon)

Solchen Spekulationen will sich Anspach nicht anschließen. "Das wäre Kaffeesatzleserei oder wie immer man es auch nennen will", wehrt er ab. "Voraussetzung ist, dass die Reisebeschränkungen aufgehoben werden." Diese Entscheidung müssten die Politiker treffen. Ebenfalls Spekulation wäre die Antwort auf die Frage, wie sich die Corona-Krise auf den Bau der dritten Startbahn auswirken könnte. Für Anspach stellt sich diese Frage derzeit nicht. Er verweist auf das zumindest bis zu den nächsten Landtagswahlen geltende Moratorium.

Christian Magerl vom Sprecherrat des Aktionsbündnisses "Aufgemuckt" stuft die Lage des Flugverkehrs derzeit als "katastrophal" ein. Derzeit würden, was dessen Zukunft anbelangt, drei Szenarien diskutiert: die V-, die U- oder eine L-Variante. "Beim V geht es steil runter und in kürzester Zeit wieder steil hoch", beschreibt Magerl eine der Möglichkeiten. Beim U bleibe die Zahl der Flugbewegungen eine Weile unten, beim L für lange Zeit. Die Branche gehe davon aus, sagt der Aufgemuckt-Sprecher, dass es eine längerfristige Reduktion des Flugverkehrs geben werde.

Laut Magerl hat sich im vergangenen Jahr schon abgezeichnet, dass einige Fluggesellschaften in die Insolvenz gehen würden. "Die Strukturkrise hat schon vor Corona angefangen." Germanwings sei bereits weg und ob Condor überlebe, sei in seinen Augen sehr fraglich. Eine gehöriger Anteil der Kapazitäten verschwinde, Aussicht auf ein schnelles Anwachsen des Flugverkehrs gibt es für Magerl nicht.

Die Corona-Krise hat zudem gezeigt, dass sich über Videokonferenzen vom Homeoffice aus auch ganz gut Geschäfte machen lassen. Ziemlich sicher ist sich Magerl deshalb, "dass speziell der Geschäftsreiseverkehr nicht mehr vollständig zum Luftverkehr zurückkehren wird". Viele Menschen seien jetzt in Videokonferenzen unterwegs. Früher habe es da vielleicht gewisse Vorbehalte gegeben. "Und jetzt merkt man, dass das prima funktioniert." Das "Rumgejette" im Geschäftsverkehr werde deutlich weniger, erwartet Magerl. Schon aus Kostengründen würden Chefs die wesentlich billigeren Videokonferenzen vorziehen. "Zur Unterschrift zum Vertragsabschluss kann man vielleicht noch fliegen."

Magerl kann sich nicht vorstellen, dass es in absehbarer Zukunft im Erdinger Moos wieder zu den 417 000 Flugbewegungen des Jahres 2019 kommt. Er erinnert daran, dass der Klimawandel derzeit hinter den Auswirkungen der Corona-Pandemie in den Hintergrund geraten sei. "Die Diskussion wird mit einer ganz deutlichen Heftigkeit zurückkommen", prophezeit er. Denn schon scheint sich zum dritten Mal in Folge eine Dürre in Bayern breitmachen zu wollen. Manche Messstationen in Bayern haben im März und April über 40 Tage lang keinen Tropfen Regen mehr gemessen. Magerl zieht aus alldem den Schluss, dass sich das Wachstum, das es im Flugverkehr einmal gegeben habe, nicht wiederholen werde.

Die entscheidende Frage in Sachen dritte Startbahn wird sein, ob die FMG in absehbarer die Zahlen herbringt, die ihren Bau rechtfertigen würden. "Die hat es in meinen Augen nie gegeben", sagt Magerl. "Die Prognosegutachten haben sich alle als falsch herausgestellt." Als Beispiel zitiert er ein Gutachten aus dem Jahr 2007. Demzufolge hätte es in diesem Jahr über 600 000 Flugbewegungen geben müssen. Doch selbst ohne Corona wäre es zu einem Rückgang gekommen, denkt Magerl. Seinen Berechnungen zufolge betrug der Rückgang im Januar und Februar, die Monate vor der Krise, etwa zwei Prozent. Seinen Hochrechnungen nach hätten sich die Flugbewegungen ohne Corona zum Jahresende auf 405 000 bis 410 000 summiert. Magerl geht außerdem davon aus, dass der Berliner Flughafen in diesem Jahr mit ziemlicher Sicherheit in Betrieb geht. Die Lufthansa könnte bis dahin ihren Linienverkehr vielleicht wieder ein wenig hoch gefahren haben. Doch dann stellt sich für den Aufgemuckt-Sprecher die Frage, wie viele Maschinen die Airline wohl nach Brandenburg verlegt, wo es viele freie Slots gibt.

Auf sauberere Luft zielt auch ein Sieben-Punkte-Plan des Bundes Naturschutz

Mehr frische Luft ist nicht nur dem Flughafennachbarn Spitzenberger ein Anliegen. Auf mehr saubere Luft zielt auch ein Sieben-Punkte-Plan des Bundes Naturschutz ab. Der fordert unter anderem vom Bayerischen Landtag, endlich ein rechtsverbindliches Ende für die dritte Start- und Landebahn am Flughafen im Erdinger Moos zu verkünden. "Weniger ist mehr. Sieben Schritte für einen klima- und ressourcenschonenden Luftverkehr", lautet der Slogan.

FREISING / Hallbergmoos: Franz-Josef-Strauss-Flughafen, MUC Munich International Airport

Die stolze Kranich-Flotte seit Wochen am Boden: Die Corona-Krise trifft die Luftfahrtbranche besonders hart.

(Foto: Johannes Simon)

Christine Margraf, stellvertretende Landesbeauftragte des Bund Naturschutz in Bayern, sieht in den aktuellen Diskussionen um staatliche Hilfen für die Luftfahrt den richtigen Zeitpunkt für weitere wichtige Entscheidungen: "So wie jetzt bei den staatlichen Hilfen die Weichen gestellt werden müssen für eine nachhaltige Mobilität und Transformation im Luftverkehrssektor, so müssen nun auch Ausbauplanungen der Infrastruktur endgültig beendet werden." Dazu gehöre der Bau der dritten Startbahn. Der Bayerische Landtag müsse endlich den Bürgerwillen, Klima- und Naturschutz ernst nehmen, heißt es in der Erklärung zum Sieben-Punkte-Plan.

Die Aufhebung des Planfeststellungsbeschlusses müsse beschlossen und in der Gesellschafterversammlung beantragt werden. "Das spart der Flughafen-Gesellschaft, also den Gesellschaftern Freistaat Bayern, Bund und Stadt München, Geld, das gerade in den nächsten Jahren für das Gesundheitssystem, den Klimaschutz oder staatliche Hilfen benötigt wird", erläutert Margraf.

© SZ vom 06.05.2020/lada

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