Fische und Gewässer werden untersucht Das lange Warten auf Aufklärung

Behörden informieren Fischer erst spät, dass Fische aus dem Landkreis mit Malachitgrün belastet sind.

Von Alexandra Vettori und Peter Becker, Freising

Jetzt haben es die Giftfische aus dem Landkreis Freising sogar ins Bayerische Fernsehen geschafft. Am Donnerstag berichtete "Quer" über den Fall, der die Gemüter von Fischern, Fischzüchtern und -liebhabern erregt und das Vertrauen in den behördlichen Verbraucherschutz einmal mehr erschüttert hat. Seit September ist den Landratsämtern in Freising und Dachau sowie dem bayerischen Umweltministerium bekannt, dass in einer Fischzucht im Freisinger Moos das verbotene Fischarzneimittel Malachitgrün in Teiche eingebracht worden war. Diverse Fischzuchten wurden gesperrt, doch Öffentlichkeit und Kunden erfuhren nichts.

Chronologie

Die Geschichte beginnt im Spätsommer. In einer Traunsteiner Fischzucht nehmen Lebensmittelkontrolleure Proben und untersucht eine Forelle und einen Saibling im Rahmen eines Sonderprogramms auf Antibiotika und Triphenylmethanfarbstoffe. Dabei wird das verbotene Leukomalachitgrün gefunden. Da die Fische aus einer Zucht im Landkreis Freising stammten, wird das dortige Landratsamt am 5. September informiert. Am 6. September vereinbart das Amt mit der Staatsanwaltschaft Landshut eine Kontrolle des Betriebs, diese findet am Montag, 10. September, statt. 66 Fische werden beschlagnahmt, in jedem findet sich Malachitgrün. Noch am selben Tag wird der Verkauf von Fischen aus den betroffenen Teichen untersagt. Die Kriminalpolizei Erding ermittelt wegen "Gewässerverunreinigung".

Die Fischer

Michael Hartl, Vorsitzender des Anglervereins Moosburg, und Gewässerwart Werner Schmidt haben ein halbes Jahr lang belastete Fische gegessen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Zu den Kunden der Fischzucht, in der das Malachitgrün mutmaßlich eingebracht worden ist, gehört seit Jahren auch der Anglerverein Moosburg. Zuletzt hatte man dort im September Regenbogenforellen gekauft und in die Isar eingesetzt. Im Januar teilt das Landratsamt mit, dass im Sediment der Moosach Malachitgrün gefunden wurde, eine Gesundheitsgefahr bestehe nicht. Im Februar kursieren Gerüchte, dass der Stoff aus der Fischzucht stammt, in der die Fischer eingekauft haben. Sie lassen zwei Fische vom Tiergesundheitsdienst Bayern prüfen. Einen wilden Aitel und eine Regenbogenforelle aus der fraglichen Zucht. Am 12. März kommt das Test-Ergebnis: Der Aitel ist fast unbelastet, die Forelle weist 336 Mikrogramm Malachitgrün pro Kilogramm auf.

Die Rechtslage

Das Landratsamt Freising verweist angesichts des Vorwurfs, die Öffentlichkeit nicht informiert zu haben, auf die gesetzlichen Vorgaben nach dem Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch: Die dort normierten Voraussetzungen lagen nicht vor. Nötig ist eine Information, wenn von einem gesundheitsschädlichen Lebensmittel auszugehen ist. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat die belasteten Fische als nicht gesundheitsschädlich beurteilt. Als der Stoff im Januar auch in Sedimenten der Moosach gefunden wird, werden Fischereirechtsinhaber an den betroffenen Gewässern über eine Verunreinigung informiert, die Quelle wird aber nicht genannt.

Der Weg des Giftes

Obwohl Landratsamt, Polizei und Staatsanwaltschaft mit Hinweis auf laufende Ermittlungen keine Angaben machen, hat es sich in Fachkreisen herum gesprochen, wer der Verursacher war. Dem Vernehmen nach handelt es sich um einen Betrieb aus dem Landkreis Dachau, der auch in der Neufahrner Moosmühle Teiche gepachtet hat. Dort ist Malachitgrün ausgebracht worden und hat sich in Seitenarmen der Moosach, der Mauka und über diverse Gräben bis Freising ausgebreitet. Das Wasserwirtschaftsamt beprobt Bachsedimente und Kleinstlebewesen und findet im Sediment Belastungen. Der Fischgesundheitsdienst testet Wildfische in der Moosach zwischen Moosmühle und Marzling sowie in Seitenbächen, um festzustellen, ob auch sie betroffen sind. Ergebnisse werden in einer Woche erwartet. Das Landratsamt Freising nimmt laufend Proben in den Fischzuchten.

Die Fischzuchten

Vor allem die beiden seit einem halben Jahr zumindest teilweise gesperrten Fischzuchten im Landkreis haben massive finanzielle Einbußen. Aber auch die übrigen Betriebe haben Probleme, der Fischmarkt im Dachauer und Freisinger Land ist quasi zusammengebrochen, bei Setzlingen wie Speisefischen. Dabei steht derzeit der Frühjahrsbesatz an. Viele Fischer setzen auf den Import. Der Freisinger Stadtfischer Peter Baumgartner, einer der unschuldig Betroffenen, hofft auf die nächste Woche. Dann liegen für die restlichen noch gesperrten Teiche die Probenergebnisse vor. Sind sie negativ, darf er alle Becken wieder bewirtschaften. Für seinen Marktstand und den Verkauf im Schlossbiergarten Haag nutzt er zugekaufte Ware oder Fische aus unbelasteten Becken.

Die politische Diskussion

Der Vorfall "eignet sich nicht zur Skandalisierung", stellte Landrat Josef Hauner am Donnerstag in der Sitzung des Kreisausschusses des Kreistags fest. Toni Wollschläger (Grüne) kritisierte die Informationspolitik und richtete drei Fragen an Hauner. Er wollte wissen, ob es einen Fischzuchtbetreiber gebe, gegen den ein begründeter Verdacht vorliege. Zum anderen wollte er wissen, ob es Untersuchungen gebe, wie sich das Malachitgrün auf das Ökosystem ausgewirkt habe. Die dritte Frage lautete, was getan werde, um künftig die Informationspolitik zu verbessern. Der Landrat sicherte eine schriftliche Beantwortung der Fragen zu.

Hochwirksam und billig, aber verboten

"Ganz früher hat man die Fischeier regelmäßig darin gebadet", erinnert sich ein älterer Fischer. Verboten ist Leukomalachitgrün in Deutschland nämlich erst seit 2004. Davor ist das kostengünstige Tierarzneimittel großzügig in der Fischzucht eingesetzt worden, vor allem bei Pilzerkrankungen. Die dürften auch der Grund für den aktuellen Einsatz im Landkreis Freising gewesen sein. Wegen des heißen Sommers haben viele Teichfische im vergangenen Jahr an Pilzkrankheiten gelitten.

Malachitgrün ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Triphenylmethanfarbstoffe und hat antibakterielle, antimykotische und antiparasitäre Eigenschaften. In der Tiermedizin setzt man es zur Behandlung von Infektionskrankheiten bei Zierfischen ein. Die Verwendung in Aquakulturen aber ist in der Europäischen Union verboten wegen der toxischen und möglicherweise auch krebserregenden Effekte. Im Handel ist Malachitgrün als Tierarzneimittel unter den Bezeichnungen Diamantgrün, Basic Green 4, CI 42000, Bittermandelölgrün und Viktoriagrün. Mit dem Mineral Malachit hat der Stoff nichts zu tun, trägt aber den Namen wegen der sehr grünen Farbe, die auch im Wasser zu sehen ist. Im aktuellen Fall haben Zeugen beschrieben, dass die fraglichen Teiche im Vorjahr grün verfärbt waren. Tatsächlich wird Malachitgrün zum Färben von Leder, Wolle, Baumwolle, Seide und Papier eingesetzt.

In den Fischen baut sich Malachitgrün nur langsam ab. Man spricht etwa bei Regenbogenforellen von einer Halbwertszeit von 45 Tagen. Im Winter, wenn sich der Stoffwechsel verlangsamt, verlängert sich die Zeit.

AV