Inklusion an  Schulen Mehr Schein als Sein

Inklusion an Regelschulen ist ein schönes Ziel, doch damit sie nicht zum Schaden von Lehrern und Schülern gereicht, muss sich etwas ändern.

(Foto: Holger Hollemann/dpa)

Lehrer, Schulleiter und Lehrerverband schlagen Alarm. Mit den Inklusionskindern stoßen sie und die Regelschulen an ihre Grenzen. Nötig wären wesentlich mehr sonderpädagogisches Personal und erst einmal eine "Bedarfsanalyse"

Von Lea Förster, Freising

Die Lehrer an Grund- und Mittelschulen fühlen sich nach Auskunft von Rudolf Weichs, Schulleiter in Hallbergmoos, beim Thema Inklusion im Stich gelassen. Seit 2011 gibt es im Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz die Vorgabe, Kinder mit Behinderungen in Regelschulen zu integrieren. Die Realität sehe jedoch anders aus, auch nach sieben Jahren, sagen betroffene Lehrer. "Inklusion existiert, aber nicht so, wie wir uns das vorstellen", betonte Weichs. Die Lehrkräfte nennen die aktuelle Situation "Scheininklusion". Die Öffentlichkeit müsse darüber informiert werden, was alles nicht stimme, sagt auch Kerstin Rehm, Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV).

Seit Jahren steigt an den Regelschulen die Zahl der Schüler, die besondere Förderung brauchen. Darunter fallen verhaltensauffällige, sprachlich zu integrierende oder sonderpädagogisch zu fördernde Kinder. Normale Lehrer sollen die Kinder inklusiv unterrichten, den Erwartungen der Eltern und gleichzeitig dem Schulsystem entsprechend handeln. Das sei so nicht umsetzbar, sagte Weichs. So dürfen Eltern selbst entscheiden, ob ihr Kind in einer Regel- oder einer Förderschule unterrichtet wird. Das führt oft zu der Situation, dass in einer Klasse vier Kinder mit Förderbedarf sitzen, die eigentlich einen Sonderpädagogen sowie mehr Zeit benötigen. Von Sonderpädagogen erfahren die Regelschullehrer zwar stundenweise Unterstützung, die bereitgestellte Stundenzahl reicht jedoch nicht annähernd aus. Auch Mobile Sonderpädagogische Dienste sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Stunden würden sich eher "ressourcenabhängig als bedarfsabhängig" errechnen, sagte Sigrid Heck, Kreisvorsitzende der Katholischen Erziehergemeinschaft (KEG).

Dass man die Ausbildung einer Grund- und Mittelschullehrkraft nicht mit der eines Sonderpädagogen gleichsetzen kann, versteht sich eigentlich. Dazu werden die Rahmenbedingung nicht an die Zahl der Förderkinder angepasst, obwohl diese die Lehrer viel Zeit kosten. Auch die Klassenstärke bleibt bisher unverändert. Und schließlich stehen die Lehrer im Spannungsfeld zwischen der heutigen Leistungsgesellschaft und dem inklusiven Anspruch. "Letztlich bleiben die Kinder auf der Strecke", so Rehm.

Zwar begrüßen auch die Lehrkräfte die Idee der Inklusion, jedoch müsse sich dringend etwas ändern. Ein fest angestelltes Spezialistenteam an jeder Schule wäre ein Anfang. Um erfolgreiche Inklusion bieten zu können, müsse man die Wartezeiten durch Dienste von außen umgehen und multiprofessionelle Lehrer vor Ort haben, die mehr Zeit investieren könnten. Eine weitere Forderung ist die verstärkte Weiterbildung von Regellehrkräften. Außerdem plädiert man dafür, dass Förderschulen erhalten bleiben. Es gäbe Kinder, die aufgrund von Autismus oder Sehbehinderungen nicht inkludiert werden könnten, hieß es. Außerdem fordern die Lehrer eine Anpassung der Schülerzahl, es solle nicht erst bei 29 Schülern in zwei Klassen geteilt werden.

Das Schulsystem müsse als Reaktion auf den inklusiven Anspruch grundlegend überdacht werden, lautete eine weitere Forderung. Gabriele Holzer, Vorstand der GEW Freising, hält die Aussonderung nach der vierten Klasse für äußerst widersprüchlich zum inklusiven Konzept. "Da wird nicht inkludiert, sondern getrennt", sagt sie. Seit einigen Jahren gibt es auch Schulbegleiter, die eigentlich die Lehrer entlasten und die Förderschüler unterstützen sollen. Dabei begleitet eine Person ein Förderkind durch den Schultag, nicht jedoch beim Lernen. Da dafür keine pädagogische Ausbildung vorausgesetzt wird, seien sie aber häufig eher Hindernis für die Lehrkräfte, so die Anwesenden. Daher fordern viele Lehrer eine kritischere Auswahl der Schulbegleiter und deren Fortbildung mit pädagogischen Grundzügen. Um personell und pädagogisch planen zu können, sei es auch wichtig, eine Statistik und Bedarfsanalyse erheben zu dürfen. Einige Schulen in Bayern haben den Titel "Schule mit Schulprofil Inklusion". Dort seien die Ressourcen besser. Gefordert wird, dass alle Schulen dieselbe Unterstützung erhalten. Schließlich müssen Lehrer an allen Schulen mit dem gleichen Umfang an Förderkinder umgehen und inkludiert unterrichten. "Das ist die Pflicht des Bayerischen Staates", so Holzer. Und Rudolf Weichs machte klar: "Das sind die Minimalforderungen, und noch lange keine Idealvorstellung."