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Es muss etwas passieren:"Systematische Täuschung der Verbraucher"

Andreas Horn ist Vorsitzender von „Sonnenkraft“.

(Foto: Marco Einfeldt)

Andreas Horn, Vorsitzender des Vereins Sonnenkraft, fordert einen Paradigmenwechsel für die Autoindustrie

Interview Von Patrick Bäuml, Freising

- Die Umwelt leidet immer stärker unter den weiter wachsenden Kohlenstoffdioxid-Anteilen in der Luft, diskutiert wird unter anderem über ein Diesel-Fahrverbot in Städten. Der gemeinnützige Verein "Sonnenkraft" Freising setzt sich schon seit Jahren für Elektromobilität und erneuerbare Energien ein. Vorsitzender Andreas Horn spricht im Interview mit der Freisinger SZ über den Stand der Dinge und Verbesserungsansätze in Sachen Schadstoffe.

Welche Entwicklung stellen Sie aktuell bezüglich der Kohlendioxid (CO2)-Emissionen fest?

Die gesamten CO2-Emissionen in Deutschland haben zuletzt leicht zugelegt. Die Klimaziele der Bundesregierung werden krachend verfehlt. Aber anstatt Kohlekraftwerke abzuschalten und erneuerbare Energien und Elektromobilität stark zu fordern und zu fördern, werden "fossile Strukturen" konserviert und Deutschland wird von der dynamischen, weltweiten Entwicklung neuer und nachhaltiger Technologien abgehängt.

Warum sind neu zugelassene Fahrzeuge entgegen der verbreiteten Meinung nicht "sauberer" hinsichtlich der CO2-Emissionen?

Die CO2-Emissionen neu zugelassener Fahrzeuge steigen. Das beweist das Kraftfahrtbundesamt selbst, und der Kraftstoffverbrauch ist in der Realität sogar noch deutlich höher, als dessen offizielle Zahlen zeigen. Das International Council on Clean Transportation (ICCT) hat aufgezeigt, dass die realen Mehrverbrauche im Laufe der vergangenen zehn Jahre auf 45 Prozent gestiegen sind. Nur mit immer mehr Tricks wurde die Fiktion sinkender Emissionen und Verbrauche aufrechterhalten. Die Verbraucher werden systematisch getäuscht.

Was kann die Autoindustrie tun, um eine Verbesserung herbeizuführen?

Die realen CO2-Emissionen der neu zugelassenen Fahrzeuge liegen aktuell bei rund 180 Gramm pro Kilometer, der EU-Grenzwert für 2020 liegt aber bei nur 95 Gramm pro Kilometer. Selbst diese Grenzwerte sind noch zu hoch und müssen dringend weiter abgesenkt werden. Die Verbrennungsmotoren sind aber in Sachen Schadstoffausstoß schon weit ausgereizt und es wird daher scheitern, durch Verbesserungen dieser Motoren einen Wandel herbeiführen zu wollen. Die Automobilindustrie braucht deshalb einen Paradigmenwechsel: Effizienz vor Dekadenz! Und zur Effizienz gehören dann natürlich auch neue Antriebe.

Warum sind Elektrofahrzeuge nur unter Umständen die Lösung?

Auch bei Elektrofahrzeugen muss Effizienz Vorrang haben. Das gilt hier vor allem für die Aerodynamik und natürlich auch für die Batteriegröße, die nicht übertrieben groß sein muss. Das Gewicht spielt hingegen, anders als bei Autos mit Verbrenner, keine so große Rolle, da die Autos beim "elektrischen" Bremsen der Fahrzeugmasse die Batterie wieder aufladen. Die CO2-Emissionen von E-Autos sind in jedem Fall signifikant niedriger als bei Verbrennern.

Der Effekt ist umso größer, je nachhaltiger der notwendige Fahrstrom hergestellt wird. Daher ist es wichtig, dass Anlagen für die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien installiert werden. Eine Solaranlage auf dem Carport des E-Autos produziert für mindestens 30 Jahre genug Fahrstrom für etwa 12 000 Kilometer pro Jahr.

Welche Reaktionen erhoffen Sie sich von Seiten der Politik und Industrie?

Sie müssen aus dem NOx-Desaster (Anm. d. Redaktion: schädliche Stickoxide) lernen, um zu vermeiden, dass wir in wenigen Jahren dasselbe mit den CO2-Emissionen erleben. Einen weiteren Skandal wird die deutsche Automobilindustrie nicht überleben. Die Politik muss hier konsequent "fordern und fördern": Die CO2-Emissionen müssen im Realbetrieb eingehalten werden, Verbrauchswerte auf dem Papier müssen auch in der Realität erreichbar sein, Verbraucher dürfen nicht betrogen werden.

Auch die Kommunen müssen ihren Beitrag leisten. Bei Neuanschaffungen sollten konsequent nur Elektrofahrzeuge angeschafft werden. Auch Bürger und lokale Unternehmen sollten Anreize bekommen: Beratung, Anschaffung, Installation von Ladepunkten sollten gefördert werden. Nicht zuletzt müssen auch die erneuerbaren Energien im Landkreis ausgebaut werden, denn der Stromverbrauch wird sich für die neuen Anwendungen in etwa verdoppeln. Die Potenziale im Landkreis an Sonne und Wind sind groß genug, damit wir uns mit eigenen erneuerbaren Energien preiswert und sicher versorgen können.

© SZ vom 10.03.2018
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